08.01.13

Musiklegende

David Bowie ist wieder da - mit einem Song über Berlin

Zehn Jahre lang ließ der Musiker nichts von sich hören. Seine neue Single mitsamt Video ist seiner einstigen Wahlheimat gewidmet.

Von Patrick Goldstein
Foto: dpa

Zum 66. Geburtstag beglückte David Bowie seine Fans mit einem musikalischen Lebenszeichen.
Zum 66. Geburtstag beglückte David Bowie seine Fans mit einem musikalischen Lebenszeichen.

Das erste Beben ereignete sich vor genau vier Jahren. "Schöne Grüße aus einem verschneiten Berlin! Arbeite an neuem Material". So lautete eine frohgemute Januar-Botschaft auf dem Nachrichten-Dienst Twitter. Der Absender nannte sich "David Bowie". Doch "Unfug, Fälschung!" schallte es eilig aus seinem Umfeld. Für Millionen Bowie-Fans, die seit dessen nie recht erklärtem Rückzug aus der Öffentlichkeit auf ein neues Lebenszeichen gehofft hatten, begann jenes 2009 ganz miserabel.

Wie schön wäre das gewesen, wie gut hätte das gepasst: Bowie nach dem schwerem Herzkreislauf-Eingriff 2004 nun endlich wieder in Berlin, der Stadt seiner größten künstlerischen Erfolge, seiner Heimat für zwei, drei Jahre.

Deshalb studierten seine Anhänger gestern früh weltweit eher ungläubig auf einer über Nacht freigeschalteten Bowie-Webseite die Jubel-Nachricht, es gäbe – bitte sehr – ab sofort ein neues Stück, im März gleich noch ein Album, das neue Video sei nur einen Klick entfernt, und überhaupt: der Meister sei zurück. All das am gestrigen 66. Geburtstag David Bowies. Beschenkt aber wurden die Fans.

Wichtigstes Motiv ist die Mauer

Und Berlin. Denn in den fast fünf Minuten des Videos zur Single "Where are we now?" ist die Stadt der Star. Die Zeilen: "Ich musste die Bahn nehmen, vom Potsdamer Platz" eröffnen die Ballade. Schwarz, weiß und sehr verwackelt, wie mit der privaten Videokamera aus einem fahrenden Auto gefilmt, tauchen einstige Zufluchtsorte Bowies der Jahre 1976 bis 78 auf: Die abschüssige Hauptstraße in Schöneberg, wo er in einer Sieben-Zimmer-Wohnung lebte. Die Köthener Straße, wo sich das Hansa-Studio befindet, das er morgens per Fahrrad ansteuerte. Die Nürnberger Straße, Standort des "Dschungels", szenigster Treffpunkt eines heute längst vergangenen West-Berlins, wo "Clubs" noch "Diskotheken" hießen.

Und immer wieder: die Mauer. Zerschlagen, bemalt und durch Zäune geschützt, wie ein gefährdetes Ausstellungsstück, entlang dem Bowie sich durch sein verlorenes Berlin bewegt. Auf der Suche. Ganz wie im Film "Der Himmel über Berlin" Schauspieler Curt Bois, der ebenfalls den Potsdamer Platz nicht mehr versteht. Alles so anders als früher.

Kaum ein Rockmusiker hat Berlin so geprägt wie Bowie. In der geteilten Stadt gab der große Theatraliker Mitte der 70er-Jahre nicht die weltabgewandte Diva, sondern war "Dave von nebenan". "Jeder glaubte, ihn dauernd irgendwo gesehen zu haben", sagt Jim Rakete, Fotograf, Künstler-Porträtist, später Nena-Entdecker und immer Beobachter des jungen West-Berlins. "Eben sei er vorbeigeradelt, erzählte einem dann jemand, ein anderer hatte ihn gerade beim Hamburger-Essen gesehen." Rakete bekam den Briten zu Gesicht, wenn er in Kreuzberg die benachbarte Modedesignerin Claudia Skoda besuchte.

Letzte Ausfahrt Berlin. Nach einer monatelangen Diät aus Partys, Milch und Kokain in Los Angeles beschloss Bowie umzusiedeln, um nicht zugrunde zu gehen. Der Berliner Musiker Edgar Froese von Tangerine Dream hilft vor Ort. Bowie zieht in die Wohnung an der Hauptstraße 155. "Es gab eine verstörende, brüchige Energie dort, nicht vergleichbar mit irgendeinem anderen Ort auf der Welt. Ganz erstaunlich. Für einen Künstler der allerbeste Platz zu leben", sagte er später.

Zwischen Asien und Westeuropa

Auf den Geschmack gekommen, spekuliert Jim Rakete, sei Bowie womöglich als Passagier zwischen Asien und Westeuropa, an Bord eines Eisenbahnzuges. Vor dem Schritt nach Deutschland hatte der Meister in Berlin im Abteil Hof gehalten. Rakete mittendrin. Bei einem Stopp auf dem Bahnhof Zoo ließ er die Fans zu sich kommen. "Das war ein ganz höflicher junger Mann, der uns die Passagiere neben sich vorstellte, ein älteres Ehepaar, das gar nicht genau wusste, wer er ist", sagt Rakete. "Das seien Herr und Frau Schulze, sagte Bowie, er habe gerade seine Vitaminpillen gegen ihre Zigaretten getauscht."

Die Stadt tut dem Londoner gut. Die Alben seiner Berlin-Trilogie werden zu Meisterwerken. Nachts sitzt man bei Romy Haag oder in der Lützower Lampe mit Herren in Damenbekleidung beisammen, tagsüber wird im Studio diszipliniert gearbeitet. "Bowie fasste es einfach nicht, wie viel in Berliner Kneipen getrunken wird", sagt Jim Rakete.

Song über Neukölln

Während sein Sohn Duncan vorübergehend in der Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Schule angemeldet ist, durchkämmt Bowie die Stadt nach neuer Inspiration. Die Not türkischer Migranten verarbeitet er im falsch betitelten "Neuköln", im Brücke-Museum kommt ihm angesichts der Porträts die Idee zum Cover des Albums "Heroes". Beim Blick aus dem Studio-Fenster sieht er am Fuß der Mauer ein küssendes Paar, was sich in "Heroes" gleich wunderbar verarbeiten lässt. Und dass ihn schwer bewaffnete Grepos aus ihrem Wachturm interessiert bei der Arbeit zuschauen, klingt in jedem der oft beklemmenden Songs der Trilogie durch. Easy Listening ist das nicht.

Nach Berlin ging ein wiederbelebter Bowie in die Schweiz, dann nach New York, um mit "Let"s Dance" in den 80er-Jahren endlich auch mal richtig Geld zu verdienen. Besser als in Berlin aber war er nie wieder. Dort spielte er zuletzt im November 2003. Ein triumphaler Marathon-Gig in der Max-Schmeling-Halle. Ein halbes Jahr später war Schluss. Notoperation im Juni 2004 wegen einer verstopften Herz-Arterie. Bowie legte die Arbeit nieder, tauchte nur noch hier und da in Filmen und mit kleinen Gastbeiträgen auf. Ansonsten: Nichts. Bis gestern.

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