07.01.13

Friedrichshain

Erkältungsvirus auf Frühchenstation - Vivantes gibt Entwarnung

Drei der sechs am RS-Virus erkrankten Babys sind wieder gesund. Lebensgefahr habe nicht bestanden. Eltern hätten das Virus eingeschleppt.

Von Nicole Dolif und Carline Mohr
Foto: dapd

Hygieneexperte: Laut Klaus-Dieter Zastrow sei die Ansteckung mit dem RS-Virus die "die häufigste Infektion zu dieser Jahreszeit“
Hygieneexperte: Laut Klaus-Dieter Zastrow sei die Ansteckung mit dem RS-Virus die "die häufigste Infektion zu dieser Jahreszeit"

Mundschutz, Handschuhe, Kittel – die Hygienevorschriften auf der gemischten Neugeborenenstation im Vivantes Klinikum im Friedrichshain sind in den letzten Tagen drastisch verschärft worden. Grund: Auf der Station grassiert das Lungenvirus RSV (Respiratorische Synzytial-Virus). Zehn der 25 kleinen Patienten sind mit einem Schnelltest positiv auf das Virus getestet worden, fünf der Kinder waren zunächst erkrankt, dann sei ein sechstes hinzugekommen, so Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau. Mittlerweile seien drei der Babys aber schon wieder gesund.

"Lebensgefahr hat zu keinem Zeitpunkt für die Kinder bestanden", sagte die Sprecherin weiter. Die drei ehemaligen Frühchen, die mittlerweile aber alle über 1500 Gramm wiegen, zeigen unterschiedliche Symptome. Eines der Kinder habe eine Lungenentzündung, das andere eine Bronchitis. "Diese beiden wurden präventiv antibiotisch behandelt", so Moriceau. Das dritte Baby zeige normale Erkältungssymptome. Alle drei Kinder wurden isoliert. Bis sie wieder gesund sind, nimmt das Krankenhaus auf dieser Station vorsichtshalber keine weiteren Kinder auf. "Es ist ein selbstauferlegter Aufnahme-Stopp", sagte die Sprecherin, "er wurde nicht vom Gesundheitsamt angeordnet." Dennoch habe die Klinik aber bereits vor einigen Tagen, nach dem Auftreten des dritten Falles, das zuständige Gesundheitsamt informiert.

RS-Virus sorgt für Schnupfen und Bronchitis

Das RS-Virus ist ein häufiger Schnupfen- und Bronchitis-Erreger. Für Erwachsene und normal geborene Babys ist er lästig, aber ungefährlich. Doch für Menschen mit einer Immunschwäche, dazu gehören auch Frühchen, kann das Virus lebensgefährlich werden, da es schwere Lungenentzündungen hervorrufen kann. Die Viren werden meistens über Schmierinfektionen und Tröpfcheninfektion übertragen und lösen Erkrankungen im Rachen aus, zum Beispiel Schnupfen, Husten oder Bronchitis.

Im Vivantes Klinikum im Friedrichshain wird zurzeit davon ausgegangen, dass das Virus von Eltern auf die Station geschleppt wurde. Das sei in dieser Jahreszeit nichts Besonderes. Das RS-Virus ist ein sogenanntes "Träger-Virus", das heißt, ein Mensch kann daran erkranken, ohne Symptome zu bemerken. Das ist besonders gefährlich, weil er sich zwar gesund fühlt, aber dennoch hoch ansteckend ist. Der respiratorische Synzytial-Virus ist eine typische Winter-Erkrankung, der man in vollen U-Bahnen, Büros und Cafés kaum entgehen kann.

"Häufigste Infektion zu dieser Jahreszeit"

"Es ist die häufigste Infektion zu dieser Jahreszeit", sagte Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und Leiter des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes Kliniken Berlin. Er war es, der im Oktober die Charité scharf kritisiert hatte, nachdem dort auf zwei Frühchenstationen auf dem Campus Virchow-Klinikum die Darmkeime Serratien ausgebrochen waren. Mehr als 20 Kinder haben sich dort mit den Keimen angesteckt.

Zastrow beschuldigte die Charité schwer: "Solche Vorfälle sind eigentlich immer ein Zeichen von Schlamperei", sagte der Hygiene-Facharzt damals in einem Interview mit der Morgenpost. Auch den Personalmangel auf den Stationen machte er für den Ausbruch mitverantwortlich: "Bei Unterbesetzung muss ein Mensch vier, fünf Inkubatoren betreuen. Da piepst es nebenan, weil irgendwo die Infusion durch ist, da rennt man dann schnell rüber und wechselt nicht mehr bei jedem Patienten den Kittel."

Mangelnder Hygiene soll nicht der Grund sein

Doch all das spiele bei der RSV-Epidemie auf der Neugeborenen Station im Vivantes Klinikum im Friedrichshain keine Rolle, betonte der Hygiene-Experte Zastrow. Die Erkältungsviren würden auch über die Luft übertragen, mit mangelnder Hygiene habe das nichts zu tun. Im Gegensatz zu Bakterien, würden Viren bereits nach 45 Minuten an der Luft absterben. Bakterien hingegen seien in der Lage auf Gegenständen wochenlang zu überleben – wenn nicht ordentlich gereinigt würde.

Auch sei das Virus bei weitem nicht so gefährlich für die kleinen Patienten wie beispielsweise die Darmbakterien Serratien. "Eine Erkrankung durch RSV heilt in 98 Prozent der Fälle folgenlos aus", so Zastrow. Trotzdem ist der Hygiene-Spezialist der Meinung, dass in den Krankenhäusern ganz allgemein in Sachen Hygiene noch nachgebessert werden kann. "Ich bin ein Verfechter des Mundschutzes", sagt er. "Aber wenn ich das vorschlage, kommt das meist nicht gut an." Das sehe "komisch" aus, sagen ihm dann manche Kollegen, andere behaupten, hinter dem Mundschutz nicht gut Luft zu bekommen. "Dabei ist das Quatsch. Chirurgen operieren stundenlang mit einem Mundschutz im Gesicht." Ein Mundschutz könne sehr wohl Übertragungen von Krankheiten eindämmen. Und in anderen Ländern sei das längst üblich. Dort sehe man Menschen mit Mundschutz selbst in der Straßenbahn, weil sie sich nicht in größeren Menschenmassen anstecken wollen.

Mundschutz im Klinikum für Personal und Besucher vorgeschrieben

Zumindest nun, nach Ausbruch der RS-Viren, ist für Personal und Besucher im Vivantes Klinikum im Friedrichshain ein Mundschutz vorgeschrieben. So soll verhindert werden, dass die Infektion noch weiter streuen kann. "Denn genau das ist das Tückische", sagte Zastrow, "auch vermeintlich gesunde Menschen können andere mit dem Virus anstecken. Gerade in der Zeit vor dem Ausbruch der Krankheit ist die Übertragung besonders hoch." Es kommt also ein vermeintlich gesunder Besucher auf die Neugeborenen Station und verbreitet das Virus – meistens ohne selbst davon zu wissen. Denn erst nach etwa fünf Tagen Inkubationszeit machen sich die ersten Krankheitssymptome wie Schnupfen, Fieber oder Husten bemerkbar

Das Vivantes Klinikum im Friedrichshain geht nicht davon aus, dass sich bei ihnen noch mehr Kinder infizieren werden. "Wir haben alle Kinder getestet, die kranken isoliert und neue nehmen wir jetzt nicht auf", sagte Sprecherin Mischa Moriceau. Sie rechne damit, dass auch die drei kranken Babys bald wieder ganz gesund seien.

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