01.01.13

Moderne Technik

Wie sich der Beruf des Filmvorführers verändert hat

Filmvorführer werden heutzutage noch immer benötigt, aber der Beruf hat sich radikal verändert. Den "Filmriss" gibt es dabei schon lange nicht mehr.

Von Sören Kittel
Foto: Jakob Hoff

Technisches Know-How: Die Anforderungen für Filmvorführer haben sich stark verändert
Technisches Know-How: Die Anforderungen für Filmvorführer haben sich stark verändert

Wenn Norbert Wentholt im Bildwerferraum – kurz BWR – von seiner Arbeit als Filmvorführer spricht, dann geht schon seit einiger Zeit nichts mehr, ohne dass er "ihn" erwähnt. Der Vorführer drückt bei einer Maschine auf die "Play"-Taste, der Film beginnt und dann sagt er Sätze wie: "Er macht die Musik an, dann macht er sie aus, dann dämmt er das Licht, er öffnet den Vorhang, stellt die Werbung an, wenn die fertig ist, spielt er den Gong und dann lässt er den Film ablaufen."

Dieser "er" ist das Programm Doremi, mit dem Norbert Wentholt seit drei Jahren im Kino "Central" in Berlin-Mitte die beiden Säle bedient. Wentholt ist 51 Jahre alt und hat mehr als die Hälfte seines Lebens als Filmvorführer gearbeitet, in einem "BWR" gestanden, in dem eine laute Maschine ratternd 24 Celluloid-Bilder pro Sekunde auf die Leinwand warf.

Er musste eine Filmrolle kompliziert in eine Maschine einspannen. Manchmal waren die Kopien bereits in mehreren Kinos gezeigt worden und in einem furchtbaren Zustand. Es tat ihm dann leid, wenn Kratzer die Zuschauer ablenkten, oder der Ton nicht mehr gut genug war. Norbert Wentholt mag Filme – "Ja, klar" – aber noch mehr mag er die Technik dahinter.

In den vergangenen Jahren war ein Faible für Technik auch dringend erforderlich für den Beruf – und meist übten ihn nur Männer aus, weil die Filmrollen auch 20 Kilo wiegen konnten, die erst einmal hochgehoben werden mussten. Ein Film konnte reißen, eine Schraube konnte sich im Projektor lösen oder eine Lampe konnte durchbrennen. Letzteres kann auch noch heute passieren, aber bei jedem anderen Problem können Filmvorführer normalerweise heute nichts mehr tun.

Der moderne Filmvorführer erstellt nur noch Playlisten

Sie müssen dann den Service anrufen und sich professionelle Hilfe holen. Denn die Maschinen sind so komplex, dass sich nur noch Spezialisten mit ihnen auskennen. Aber der Beruf des Filmvorführers ist trotzdem kein aussterbender, sondern einer, der sich schlicht radikal verändert hat – und nicht nur zum Schlechten, wie langjährige Vorführer sagen.

Katja Schubert von den Berliner Yorck-Kinos hat die Veränderungen der letzten Monate hautnah mitverfolgt. Mit dem Capitol in Dahlem ist seit dem 23. Dezember dieses Jahres auch das letzte der zwölf Kinos der Gruppe mit digitaler Technik ausgestattet worden. "Aber unsere Vorführer werden deswegen nicht alle arbeitslos sein", sagt sie.

"Vielmehr werden auf sie andere Arbeitsläufe zukommen." Es war schlicht ein anderer Standard nötig geworden, weil auch zunehmend kleine Art-House-Filme nicht mehr in Filmrollen geliefert werden. "Es ist schon vorgekommen", sagt sie, "dass die Verleiher uns dann nicht mehr mit einer Originalversion mit Untertiteln ausstatten konnten, weil es die eben nur noch digital gab."

Das heißt, dass die Filme dann vor allem in Festplatten angeliefert werden und mit einem Programm im Computer vorbereitet werden müssen. Diese können verschiedene Formate haben, zum Beispiel "JPEG", "MPEG" oder "SCALE", diese legen fest, wie viel Bildpunkte auf der Leinwand dargestellt werden können. Das ist die Arbeit des modernen Filmvorführers wie Norbert Wentholt: Für den Computer Arbeitslisten, sogenannte Playlisten, erstellen.

Bundesweiter Ausfall von Vorführungen nach Digitalisierung

Der Vorführer verknüpft die Filmdatei mit verschiedenen Arbeitsabläufen im Kino, wie zum Beispiel "Licht aus" oder "Gong abspielen". Wenn das dann alles vorbereitet ist, muss man nur noch mit einem Mouse-Zeiger auf einen Knopf auf dem Bildschirm drücken, der dem auf einem Videorekorder sehr ähnlich sieht: Ein Dreieck, das mit der Spitze nach rechts zeigt. "Play".

Norbert Wentholt sagt, dass er diesen Knopf auch von der Kinokasse aus drücken könnte. "Aber ich gehe doch lieber in den BWR dafür." Vom Bildwerferraum aus hat er auch noch einen Kontrollblick für den Saal, kann schauen, ob auch wirklich der Vorhang aufgeht und das Bild klar ist. Die Schärfe und die Tonlautstärke hat er schon vorher getestet und einprogrammiert. Auch das ist Teil der sogenannten Abspielliste.

Schwierig wird es nur, wenn die blaue Lampe leuchtet. "Die bedeutet, dass etwas gewartet werden muss", sagt Wentholt. Wenn dann die rote Lampe leuchtet ist es zu spät und die Hotline des technischen Service muss gerufen werden. "Die können sich dann von ihrem Computer aus hier in das System einklinken und den Fehler beheben." Als Technikfan begeistern ihn solche Möglichkeiten, aber er sagt, dass dieser Fall nur selten vorkomme.

Inzwischen haben sich alle Beteiligten längst eingespielt. Zu Beginn der Kino-Digitalisierung, im Dezember vor drei Jahren, kam es allerdings zu einem bundesweiten Ausfall vieler Vorstellungen. Es waren ausgerechnet Vor-Aufführungen des Films "Avatar", einem der teuersten und erfolgreichsten Filme der Welt.

Den klassischen Filmriss gibt es nicht mehr

Es gab Probleme mit der Decodierung des Films, die Projektoren konnten das Material nicht abspielen. Auch in Berlin waren viele Gäste wütend – aber die Branche hat daraus gelernt. Die größte Angst haben Vorführer derzeit davor, einen Film aus Versehen zu löschen, aber auch das ist Norbert Wentholt bisher nicht passiert.

Für ihn und auch für Katja Schubert von den Yorck-Kinos überwiegen eindeutig die Vorteile der digitalen Vorführung. Während früher nach 20 Minuten häufig die Filmrolle gewechselt und die Schärfe neu eingestellt werden musste, kann der Film heute ohne Zutun des Vorführers von Anfang bis Ende durchlaufen. Eine Sekundenanzeige am Bildschirm zeigt sekundengenau an, wie lange der Film noch läuft.

Ein "Filmriss" ist genauso unmöglich wie eine ungewollte Pause, wenn der Übergang zwischen einer Filmrolle auf die nächste nicht sauber geschieht. "Der einzige Nachteil", sagt Katja Schubert, "ist wohl, dass einige Filmfans sagen, dass ihnen das Bild zu steril sei und es an Tiefe verloren habe." Aber das sei individueller Geschmack.

Doch auch in Berlin sind noch nicht alle Kinos umgerüstet. Die Kino-Kette Cinestar hat bisher von 51 Sälen erst 35 komplett umgerüstet. "Die Kosten variieren stark", sagt Thorben Kasch von Cinestar, "je nach Saalgröße und Ausstattung zwischen 70.000 und bis über 100.000 Euro für besonders große Säle."

Erst Filmvorführer, dann Fitnesstrainer

Zum Teil müssten auch Spezialleinwände angeschafft werden. Doch auch wenn alle Kinos umgerüstet sind, geht Kasch nicht davon aus, dass Filmvorführer weniger gebraucht werden. "Wir benötigen weiterhin Spezialisten, die für eine brillante Projektion sorgen", sagt er. Gerade die komplexe 3D-Projektionen machten den Beruf eher zukunftsfähig.

Norbert Wentholt vom Kino Central sieht das realistisch. "Ich mache das inzwischen nur noch auf 400-Euro-Basis." Den anderen neun Mitarbeiter im Team geht es genauso. Am Nachmittag betreiben sie das Kino allein, aber das war auch schon vor der Digitalisierung so. Sie verkaufen Getränke, Tickets, starten die Filme. Auf einer bunten Pinnwand im "BWR" hinterlassen sie sich nach ihrer Schicht Nachrichten, die sogenannten "BWR-News".

Angefangen habe Wentholt als Student im Nebenjob und wollte sich später nur auf diese Arbeit konzentrieren. Aber als er merkte, dass es nicht ausreichen würde, zumal er zwei Kinder (10 und 13 Jahre alt) hat, ließ er sich umschulen. Er ist jetzt zertifizierter Fitnesstrainer, sein neuer Hauptberuf.

Was der Computer noch nicht kann

Der Film, den Norbert Wentholt gerade gestartet hat, heißt "Ruby Sparks". Es geht um einen Schriftsteller, der einen Roman über eine Frau "Ruby" schreibt, die er sich ausgedacht hat. Plötzlich steht Ruby aber in seiner Wohnung. Aus Traum wird Realität – letztlich geht es darum sehr oft im Kino.

Wahrscheinlich gibt es in diesem Film ein Happy End, aber der Computer, der den Film abspult, zählt nur die Sekunden rückwärts, nachdem er den Raum gedimmt, den Gong geschlagen und den Film gestartet hat: Eine Stunde, 38 Minuten, elf Sekunden. Zehn Sekunden. Neun Sekunden. Aber jemand muss noch die Tür zum Kinosaal schließen. Das kann "er" noch nicht.

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