30.12.12

Exklusiv

"Nicht nur Manager brauchen Coaching – auch Arbeitslose"

Die Arbeitssenatorin setzt auf Qualifizierung und Coaching. Im Interview sagt sie, wie sie so 20.000 Berliner zurück in den Job bringen will.

Von Jens Anker und Joachim Fahrun
Foto: David Heerde

Eine erste Bilanz: Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) hat in der Arbeitsmarktpolitik umgesteuert
Eine erste Bilanz: Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) hat in der Arbeitsmarktpolitik umgesteuert

Eine Kehrtwende will sie vollziehen, die Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen. Dilek Kolat, Berlins erste Senatorin mit türkischen Wurzeln, will weg von Beschäftigungsprogrammen für Arbeitslose, wie sie unter der Regierungszeit von Rot-Rot dominierten, und hin zum ersten Arbeitsmarkt, der inzwischen auch Langzeitarbeitslosen neue Chancen bietet in Berlin.

Berliner Morgenpost: Frau Kolat, Sie wollten die Arbeitsmarktpolitik neu ordnen. Was war die entscheidende Weiche, die Sie im ersten Jahr gestellt haben?

Dilek Kolat: Die entscheidende Weiche ist, mit der Einführung von "BerlinArbeit" den Fokus auf den ersten Arbeitsmarkt zu legen. Das war dringend erforderlich, weil sich in Berlin die Arbeitsmarktlage in den letzten Jahren geändert hat. Wir haben mehr Beschäftigung. In so einer Phase, in der mehr Arbeit da ist, muss auch die Politik verstärkt auf den ersten Arbeitsmarkt setzen, damit möglichst viele Menschen eine reguläre Arbeit finden.

Funktioniert das denn auch in der Realität?

Das funktioniert definitiv, weil wir aus der Erfahrung der vergangenen Jahre gelernt haben. Wenn man den Schwerpunkt ausschließlich auf den zweiten Arbeitsmarkt setzt, die öffentlich geförderte Beschäftigung, dann gibt es zwar auch bemerkenswerten Mehrwert im öffentlichen oder kulturellen Bereich, aber das fördert nicht unbedingt die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen selbst. Wir spüren derzeit, dass unser Weg erste Erfolge zeitigt, die Zahl der Beschäftigten ist seit Jahresbeginn um 27.200 gestiegen. Im selben Zeitraum konnten wir die Arbeitslosigkeit um 26.900 reduzieren. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, denn in der Vergangenheit führte Beschäftigungszuwachs nicht im gleichen Umfang zum Abbau von Arbeitslosigkeit.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen, wie das funktioniert?

Ich steuere derzeit alle arbeitsmarktpolitischen Programme des Landes um. Bislang sind sie auf den zweiten Arbeitsmarkt ausgerichtet und auch die Qualifizierungsmaßnahmen waren nicht zielgerichtet. In Berlin haben wir in der Vergangenheit zwar viel getan, nicht allerdings dafür, dass wir die Menschen dauerhaft in Arbeit bringen. Meine Aufgabe ist es, die Maschinerie neu auszurichten. Ende des Jahres kann ich feststellen, dass wir nun soweit sind. Die Programme sind neu konzipiert. Die Umsetzung läuft 2013 an.

Wie erklären Sie sich vor diesem Hintergrund, dass die Zahl der Ein-Euro-Jobs so stark gestiegen ist?

Ein-Euro-Jobs werden nicht in meinem Haus gefördert, sondern von den Jobcentern. Das ist ein Angebot für Menschen, die schwer in Arbeit finden. Die Gesamtzahl der Beschäftigungsmaßnahmen beträgt 23.000; diese Größenordnung brauchen wir auch für die Zukunft. Dazu gehören auch die Ein-Euro-Jobs. Neu ist, dass auch diese Menschen mit Coaching und Qualifizierung unterstützt werden. Das ist ja kein Widerspruch. Der zweite Arbeitsmarkt wird auch weiterhin bestehen, weil wir in Berlin eine so hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen haben. Wir bauen zwar Arbeitslosigkeit ab, aber ein Sockel an Langzeitarbeitslosigkeit bleibt stabil bestehen. Da muss man realistisch sein. Aber auch den zweiten Arbeitsmarkt kann man in Richtung des ersten umbauen. Ziel ist dennoch, 20.000 Arbeitslose dauerhaft in Arbeit zu bringen.

Wenn Sie sich künftig auf den ersten Arbeitsmarkt konzentrieren, gibt es dann für die nicht vermittelbaren Langzeitarbeitslosen keine Förderung mehr?

Es gibt diesen Sockel an Menschen, die auch mit allen Qualifizierungsmaßnahmen nicht zu vermitteln sind. Deswegen brauchen wir in Zukunft einen sozialen Arbeitsmarkt. Ich schaue mir aber an: Welche Maßnahmen gibt es und wie nutze ich sie? Bislang war die öffentliche Beschäftigung zwar sinnvoll, als Begleiter für den öffentlichen Nahverkehr oder als Stadtteilmütter. Aber es wurde wenig auf echte Qualifizierung gesetzt. Das haben wir geändert.

Die aktuellen Zahlen sprechen dagegen. Sie haben nicht das zur Verfügung stehende Geld ausgegeben und die geförderten Stellen sind in großem Umfang nicht besetzt…

Es ist richtig, dass wir im öffentlich geförderten Beschäftigungsbereich ungefähr zehn Millionen Euro nicht ausgegeben haben. Das liegt daran, dass die Finanzierung hier aus Bundes- und Ländermitteln erfolgt. Ich kann Bundesprogramme nur Co-Finanzieren. Bei diesen hat sich in diesem Jahr eine Menge getan. Durch die Instrumentenreform sind Förderinstrumente komplett weggefallen, eines wurde neu eingeführt und andere wurden geändert, so dass mir nur ein Förderinstrument geblieben ist. Das gibt es erst seit dem 1. April gesetzlich, mein Konzept dazu ist im Oktober durch den Senat gegangen. Durch diese Einführungsphase eines komplett neuen Instruments ist es dazu gekommen, dass wir nicht das ganze Geld in 2012 ausgeben konnten. Nächstes Jahr geht es damit erst richtig los.

Um welches Instrument handelt es sich dabei?

Es geht um die "Förderung von Arbeitsverhältnissen", kurz FAV. Damit können wir Langzeitarbeitslose in Betriebe bekommen, was sehr schwer ist.

Laut der aktuellen Haushaltsliste haben Sie insgesamt von 100 Millionen Euro erst 56 ausgegeben. Das Konzept funktioniert doch offenbar nicht?

Ende des Jahres wird die Quote deutlich höher sein. Wir wollten die Fördermaßnahmen betriebsnäher ausrichten. Richtig starten wird das im kommenden Jahr.

Können wir uns darauf einigen, dass das Umsteuern deutlich komplizierter war, als Sie es sich vorgestellt haben?

Ja. Das Umsteuern von Programmen braucht seine Zeit. Und die Umsetzung erfolgt nicht per Knopfdruck. Wir haben unser Konzept "BerlinArbeit" mittelfristig angelegt. Es ist ein Programm für die nächsten drei bis vier Jahre. Sie müssen Ziele formulieren, sonst machen die rund 900 Träger ja was sie wollen. Zusammen mit den Kammern und den Unternehmensverbänden analysieren wir die Fehler und suchen nach Lösungen. Bis Jahresende werden wir die wesentlichen Bereiche umstrukturiert haben.

Eines der wesentlichen Momente war der Wechsel vom öffentlichen Beschäftigungssektor (ÖBS) zur sogenannten Bürgerarbeit plus einer zehnstündigen Qualifizierung. Auch hier sieht es nicht so gut aus. Von den 4000 Stellen, die sie haben, haben 800 auch Qualifizierung.

Bürgerarbeit ist Bestandteil von öffentlich geförderter Beschäftigung. Wir haben binnen weniger Monate 1400 Bürgerarbeitsplätze zusätzlich nach Berlin geholt und auch besetzt. Das ist ein Riesenerfolg.Ich lege Wert auf die Zielwirkung. Das Thema Förderung und Controlling ist vollkommen neu. Es geht nicht darum, Geld auszugeben, sondern zu fragen, was hat es den Menschen gebracht? Haben wir Erfolge bei der Vermittlung auf den ersten Arbeitsmarkt oder nicht? Hat sich die berufliche Qualifikation des Einzelnen tatsächlich verbessert oder nicht? Das baue ich jetzt gerade in meiner Verwaltung auf.

Können wir Ihnen denn das Versprechen entlocken, dass es nach der Änderung der Rahmenbedingungen und ihren Umstrukturierungen im kommenden Jahr deutlich besser laufen wird?

Ja, natürlich. Deswegen mache ich das ja alles. Ich kann keine Garantie abgeben, aber ich meine, das, was wir jetzt machen, muss gemacht werden. Ich habe nie gesagt, dass wir alle in Arbeit bekommen. Es handelt sich um Langzeitarbeitslose, aber ich gebe diese Menschen nicht auf. Damit, dass wir unsere Landesprogramme auf reguläre Arbeit und mehr Qualifizierung und Coaching ausrichten, ist noch keine Garantie gegeben. Denn am Ende wird es darauf ankommen, dass viele Berliner Betriebe mitmachen und ihre Türen öffnen für Langzeitarbeitslose. Nur dann können unsere Landesprogramme zum Erfolg führen.

Frau Kolat, haben Sie sich den Kampf gegen Arbeitslosigkeit einfacher vorgestellt?

Nein, bei mir steht aber der Mensch im Vordergrund. Ich habe mich zusammen mit dem Chef der Regionaldirektion, Dieter Wagon, auf einen zentralen Weg verständigt: Coaching und Qualifizierung. Da wollen wir einen ganz neuen Weg gehen. Jeder Arbeitslose bekommt einen Coach, der ihn in allen Fragen begleitet. Wo finde ich die richtige Qualifizierung, welche Berufe kommen für mich in Frage, wo kann ich mich bewerben, wie mache ich das? Vom neuen Berliner Jobcoaching sollen alle Arbeitslose profitieren. Nicht nur Spitzensportler und Manager brauchen Coaching, sondern auch Arbeitslose. Coaching ist für mich der Schlüssel.

Wer soll das übernehmen?

Egal, ob jemand bei den Jobcentern angedockt ist, oder eine Stelle der Bürgerarbeit hat, einen 1-Euro-Job hat oder FAV-gefördert wird, das ist mir egal. Der Coach berät ihn in allen Fragen. Es gibt einen Träger, der das schon macht. Das wollen wir nutzen und ausbauen.

Es gibt eine Vielzahl an Förderprogrammen auf unterschiedlichen Ebenen, außerdem rund 900 Träger, die Programme anbieten – kümmern sich zu viele Menschen um die Arbeitslosen?

Das ist genau mein Problem. Dass sich viele kümmern, ist in Ordnung, aber das muss abgestimmt werden. Bislang ging das Angebot eher von den Trägern aus, das muss anders laufen. Wir müssen vorgeben, welche Ziele wir erreichen wollen und die Träger müssen ihr Angebot danach ausrichten. Unsere Ziele haben wir in unserem neuen Qualifizierungs- und Arbeitsmarktprogramm "BerlinArbeit" formuliert.

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