29.12.12

Online-Handel

Wo Berliner ihre ungeliebten Weihnachtsgeschenke loswerden

Wer nicht das Passende geschenkt bekommen hat, verkauft es meist im Internet – und landet häufig bei der Berliner Firma Momox.

Von Hagen Seidel
Foto: Momox

Im Lager: Die Momox-Geschäftsführer Oliver Dahms, Christian Wegner und Timm Langhorst (von links)
Im Lager: Die Momox-Geschäftsführer Oliver Dahms, Christian Wegner und Timm Langhorst (von links)

Kleinanzeige war früher. Wer heute das Weihnachtsgeschenk wieder loswerden möchte, das ihm nicht gefällt, geht ins Netz und verkauft das unerwünschte Geschenk über eine so genannte Re-Commerce-Plattform, einen Händler, der Gebrauchtes oder auch Neues kauft und dann wieder verkauft. Und er landet häufig bei der Berliner Firma Momox.

"Wir sind jetzt mitten drin in der besten Zeit des Jahres. Pro Tag machen wir jetzt rund 60.000 Ankäufe von Büchern, CDs oder anderen Medien", sagt Christian Wegner, Gründer, Chef und Haupteigentümer von Momox. Das Unternehmen ist schon seit 2004 am Markt. "Derzeit haben wir 30 bis 40 Prozent mehr Ankäufe als sonst. Das fing am ersten Weihnachtsfeiertag langsam an, seit Donnerstag ist richtig was los", sagt Wegner. Bis Mitte Januar dürfte die Flut der unpassenden Geschenke und nicht mehr benötigten Medien, die hier zu Geld gemacht werden, noch anhalten.

Der Flohmarkt des Web 2.0. ist für den gelernten Groß- und Außenhandelskaufmann ein Segen: 2012 steigerte Momox den Umsatz mit den weiter verkauften Artikeln abermals um 50 Prozent auf 60 Millionen Euro. Wegner sieht gute Chancen dafür, dass es in diesem Tempo weitergeht.

Seit der Gründung 2004 hat das Unternehmen mehr als 30 Millionen Artikel gekauft, täglich sind es bis zu 100.000. Rund 200.000 Pakete mit gebrauchten Büchern, CDs, DVDs, Spielen oder Technikgeräten gehen jeden Monat an Kunden, die sie zum Bruchteil des Neupreises ordern. Zwei Euro bekommen die Kunden im Schnitt, die ihre privaten Bücher- oder CD-Sammlungen über Momox verkaufen – wobei die Preisspanne zwischen 20 Cent und 30 Euro liegt, je nach Zustand und Nachfrage. Auf klassischen Auktionsplattformen lassen sich vielleicht ein paar Cent mehr erzielen – aber beim Re-Commerce-Abnehmer geht es schneller. "Man hat keinen Ärger mit anderen Privatleuten, denen man seine Ware verkaufen will", sagt Momox-Gründer Wegner. Der Kunde gibt zum Beispiel den Artikel auf der Internetseite ein und erfährt direkt, wie viel Geld Momox dafür bezahlen würde.

Expansion nach Großbritannien

Es geht auch noch einfacher: Wer etwa die Momox-App auf sein Smartphone lädt, kann den Barcode oder die ISBN-Nummer des Artikels einscannen, den er loswerden will. Der Versand des Verkäufers zu Momox kostet dann keine Gebühren mehr. Etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes entfällt auf eingelieferte Bücher, je 20 Prozent auf CDs und DVDs. Weiter verkauft werden die Bücher über Marktplätze wie Amazon und kleinere Anbieter und die Homepage der eigenen Tochter Medimops. Bücher, die nach ein oder zwei Jahren immer noch kein Kunde haben will, werden an Recyclingunternehmen abgegeben. Weil das geschäft gut läuft, betreibt Momox inzwischen zwei Zentrallager: 40.000 Quadratmeter in Leipzig und weitere 16.000 Quadratmeter in Neuenhagen in der Nähe Leipzigs. Zudem starteten die Berliner ihr Angebot auch in Österreich, Frankreich und Großbritannien.

Die Expansion der Branche beginnt Experten zufolge erst gerade. "Der Re-Commerce-Sektor ist zu einem Wachstumsmarkt geworden", sagt Thomas Golly, Managing Director des Beratungsunternehmens Sempora Consulting, "der Handel mit gebrauchten Produkten wächst konstant." Und längst beherrschen nicht mehr nur die Urgesteine des Online-Gebrauchtwarenhandel, Amazon und Ebay, den Markt. "Zunehmend kleine Player wie Momox oder Rebuy haben sich insbesondere im Bereich der elektronischen Waren am Markt platziert und agieren zumeist auch pan-europäisch", sagt Golly. Die Vertreter der neuen Kreislaufwirtschaft für weiterhin nutzbare Dinge könnten wegen des Wachstumspotenzials sogar für Finanzinvestoren interessant sein. An Momox etwa ist Action Capital Partners beteiligt, hinter dem Burda steht. Zu den bekannten Namen der Branche gehören auch Wirkaufens.de und Hood.de.

Preisvergleich für Weiterverkäufer

Die MediaSaturn-Tochter Redcoon kaufte gerade erst eine Beteiligung am Re-Commerce-Unternehmen Flip4New. Für den gut geschriebenen Warenwert bekommen die Einlieferer etwa von MP3-Playern oder anderen Elektrogeräten Warengutscheine von Saturn oder Media Markt. Das Angebot soll jetzt auch international gestartet werden. Um den Überblick über die vielen Weiterverkäufer zu behalten, gibt es inzwischen auch Preisvergleichsmaschinen speziell für den Re-Commerce.

Mit Flip4New werden sich wohl eher der auf Technik spezialisierte Weiterverkäufer wie Rebuy auseinandersetzen müssen, Momox handelt vor allem mit klassischen Medien. "Wir haben es in den vergangenen zwei Jahren schon erlebt, dass uns Kunden ihre Bücher anbieten, wenn sie einen Kindle oder ein iPad zu Weihnachten bekommen haben, auf dem sie künftig elektronische Bücher lesen", sagt Momox-Gründer Wegner, inzwischen Chef von mehr als 600 Mitarbeitern.

Auf 40 bis 50 Konkurrenten beziffert Wegner, dem immer noch die Mehrheit an Momox gehört, den Markt in Deutschland. Er selbst kaufte übrigens zu Beginn seiner Karriere Bücher in Antiquariaten und verkaufte sie über Ebay. Wie die Momox-Eigentümer sehen auch Konkurrenten große Chancen für die virtuellen Flohmärkte: "Wir sind überzeugt, davon, dass unsere Wegwerfgesellschaft ein veraltetes Modell und unsere Kunden auf der Suche nach neuen Lösungen sind, sich von gebrauchten Handys, Musik-CDs oder Filmen zu trennen", heißt es bei der 2007 gegründeten Rebuy. Nach der Sempora-Studie gehört Ressourcenschonung aber nicht unbedingt zur Hauptmotivation der Nutzer. 85 Prozent der Re-Commerce-Fans nannten als Grund dafür "entrümpeln" – wozu ja auch der Verkauf von für unbrauchbar befundenen Weihnachtsgeschenken irgendwie gehört.

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