29.12.12

Exklusiv

Warum sich BVG-Chefin Nikutta bei Bussen das Grau spart

Die BVG verändert das Aussehen ihrer Busse. Das Grau und viele Extras sollen wegfallen – aus Kostengründen.

Von Thomas Fülling
Foto: BVG / Knoke

BVG-Chefin Sigrid Nikutta sieht bei den Bussen der BVG viel Sparpotenzial. So sollen auch die grauen Streifen wegfallen
BVG-Chefin Sigrid Nikutta sieht bei den Bussen der BVG viel Sparpotenzial. So sollen auch die grauen Streifen wegfallen

Schwarz und Weiß, Sonnengelb und Grau – das sind die Farben, die seit vielen Jahren das unverkennbare Äußere der BVG-Busse im Berliner Stadtbild bestimmen. Zumindest auf Grau wollen die Verkehrsbetriebe künftig verzichten – aus Kostengründen. Denn: "Zwei Farben bedeutet bei Schäden zweimal lackieren und zweimal trocknen – beides kostet Zeit", so BVG-Chefin Sigrid Nikutta. Sie ließ jetzt das Grau aus der Farbpalette streichen. Alle neuen Omnibusse werden von der BVG nun ohne den markanten grauen Streifen an der Karosserie-Unterkante bestellt. Und auch bei den eingesetzten BVG-Bussen wird bei größeren Reparaturen auf das Nachlackieren des Streifens, der Dreckspitzer optisch weniger präsent erscheinen lassen soll, künftig verzichtet.

BVG hat einen Schuldenberg von 800 Millionen Euro

Die Designkorrektur ist jedoch nur einer von mehreren Punkten, mit denen die BVG ihre Ausgaben verringern will. Denn der Kostendruck ist hoch. Ein Schuldenberg von mehr als 800 Millionen Euro lastet auf dem landeseigenen Unternehmen. Auch in diesem Jahr werden bei der BVG die Ausgaben die Einnahmen bei Weitem übersteigen – voraussichtlich um etwa 58 Millionen Euro. Nach dem massiven Personalabbau der vergangenen Jahre – die Zahl der Mitarbeiter hat sich bei beinahe unverändertem Angebot seit 1990 von 30.000 auf inzwischen unter 13.000 drastisch verringert – muss die BVG neue Einsparquellen suchen.

Angesichts der eigenen Schuldenlast in zweistelliger Milliardenhöhe ist zudem die Bereitschaft des Senats, die Zuschüsse an die BVG zu erhöhen, gering. Einen Mehrbedarf von 44 Millionen Euro hatte die BVG im Sommer vor Beginn der Revisionsverhandlungen zum Verkehrsvertrag ausgerechnet, damit sie die in den vergangenen Jahren erheblich gestiegenen Energie- und Personalkosten ausgleichen kann und gleichzeitig genügend Geld für den Erhalt der Infrastruktur hat. Doch Verkehrssenator Michael Müller (SPD) will die Zuweisungen höchstens um einen einstelligen Millionenbetrag aufstocken.

BVG-Chefin Nikutta ließ daraufhin alle Ausgabenposten noch einmal gründlich durchkämmen und wurde dabei auch in der Bus-Sparte des Unternehmens fündig. Eine Feststellung dort war: Die neu bestellten Busse werden nach Vorgaben der BVG oft maßgeschneidert mit etlichen Extra-Ausstattung versehen. Die Sonderwünsche lassen sich die Hersteller selbstverständlich teuer bezahlen. Und sie machen die Busse schwerer und wartungsintensiver.

BVG-Busse haben besonders glatte Fronten

Die Liste der Sonderwünsche ist lang und nicht selten unverständlich: So bekamen die BVG-Busse in der Vergangenheit speziell angefertigte Fronten, die besonders glatt sind. Auf die Frage, warum das so sein muss, bekam Nikutta eine erstaunliche Antwort. "Begründet wurde dies mit dem Bild vom Brandenburger Tor, das dort aufgeklebt wurde", so die BVG-Chefin. Das Brandenburger-Tor-Logo ist von der Busfront zwar längst verschwunden, die teure Sonderanfertigung blieb.

Ein weiteres Beispiel für Geldverschwendung sind speziell angefertigte Prospektständer. "Für die mussten die Bushersteller extra Metallstreben einschweißen lassen", so Nikutta. Und auch für den grauen Farbstreifen an der Unterkante der Bus-Karosserie habe sie mehrere Begründungen gehört. Keine davon habe sie wirklich überzeugt. "Am Ende wird auch Grau dreckig." Mit dem luxuriösen Wildwuchs will Nikutta nicht nur in der Bussparte Schluss machen. "Wir brauchen einfach weniger Sonderlocken für die BVG", so ihr Fazit.

Erstmals praktizieren wird die BVG ihre neue Genügsamkeit bei der nächsten großen Bus-Bestellung. Die Verkehrsbetriebe wollen im kommenden Jahr bis zu 140 neue Gelenkbusse anschaffen, die auch Ersatz sein sollen für die wartungsintensiven Solaris-Busse. Generell will die BVG künftig mehr Busse "von der Stange" – also aus der laufenden Serienproduktion der Hersteller – statt teurer Sonderanfertigungen kaufen.

Doppeldecker mit nur noch einer Treppe

Das könnte auch für ein Wahrzeichen der Stadt – den "Großen Gelben" – Konsequenzen haben. In Deutschland setzen bislang nur die Berliner Verkehrsbetriebe Doppeldecker-Busse im regulären Linienbetrieb ein. Busse dieser Bauart sind zwar auch in vielen anderen deutschen Großstädten zu sehen, dann jedoch meist nur im Ausflugsverkehr oder für Sightseeing-Touren. Nicht selten kommen dort dann Busse zum Einsatz, die von der BVG zuvor ausgemustert und dann umgebaut wurden. Die Folge: Die Doppeldeckerbusse für die BVG sind eigentlich immer teure Sonderentwicklungen für Berlin – zum Stückpreis von zwischen 350.000 und 400.000 Euro.

Aktuell fahren 415 dreiachsige Busse mit dem klangvollen Namen Lion's City vom Hersteller MAN durch die Stadt. Busfahrer und auch viele Fahrgäste lieben die knapp 14 Meter langen Fahrzeuge, die allerdings viel Kraftstoff verbrauchen und aufgrund ihres Schwenkbereichs auch anfällig für Dellen sind. Ihr großer Vorzug: Anders als die Vorgänger-Modelle haben sie nicht nur eine, sondern zwei Treppen zum Obergeschoss und spürbar mehr Kopffreiheit. Aber auch diese Busse sind eine teure Spezial-Anfertigung für Berlin. Im Nachhinein hat MAN noch eine Modifikation nach Dubai verkauft.

Außerhalb Deutschlands – etwa in Großbritannien – gibt es durchaus auch Hersteller, die Doppeldecker-Busse in deutlich kostengünstigeren Serien bauen, allerdings in der stadtbustypischen Länge von nur zwölf Metern und mit nur einer Treppe ins Obergeschoss. "Wir prüfen ernsthaft, wieder zum zweiachsigen Doppeldeckerbus zurückzukehren", sagte Busbetriebsleiter Detlef Naß der Berliner Morgenpost. In früheren Zeiten habe die BVG zweiachsige Busse mit nur einem Aufgang in der Stadt eingesetzt, ohne dass es ernsthaft Beschwerde gegeben habe. Da die dreiachsigen Doppeldecker-Busse erst zwischen 2005 und 2010 angeschafft wurden, wird es eine Neubestellung jedoch erst in einigen Jahren geben, so Naß. Eine Abschaffung der Doppeldecker-Busse aus Kostengründen, wie es auch innerhalb der BVG bereits diskutiert wurde, ist aber vom Tisch.

Bei allen Sparbemühungen – auf Klimaanlagen soll bei neuen Bussen nicht verzichtet werden. "Auf diesen Komfort wollen die Berliner nicht mehr verzichten", weiß auch BVG-Chefin Nikutta. Sie müssen allerdings leistungsfähiger und weniger störanfällig sein als die aktuell eingesetzte Technik. "Gerade dann, wenn die Klimaanlagen gebraucht werden, ist die Ausfallquote recht hoch", so die Erfahrung der BVG-Chefin. Bereits die aktuell vorbereitete Ausschreibung für die neuen Gelenkbusse sieht daher vor, dass die neuen Busse neben der Klimatechnik auch Fenster haben müssen, die sich ganz normal öffnen lassen. Aber das ist ja auch keine teure "Sonderlocke", sondern einfach nur eine bewährte Lösung.

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