29.12.12

Naher Osten

Wie eine Berlinerin sich um syrische Flüchtlinge kümmert

Vom Krieg in die Armut – Die Berlinerin Sarah Hasselbarth hilft syrischen Flüchtlingen in Jordanien. Viele sind durch die Hölle gegangen.

Von Eva Lindner
Foto: Eva Lindner (2)

Hausbesuch: Die Berlinerin Sarah Hasselbarth arbeitet seit drei Monaten bei einer Nichtregierungsorganisation, die sich in Jordanien um syrische Flüchtlinge kümmert
Hausbesuch: Die Berlinerin Sarah Hasselbarth arbeitet seit drei Monaten bei einer Nichtregierungsorganisation, die sich in Jordanien um syrische Flüchtlinge kümmert

Sie tritt in fremde Wohnungen ein, öffnet jede Tür, schaut in jedes Zimmer, in jedes Regal. Sie zieht den Kühlschrank auf, zählt Milch und Käse, wenn es gut läuft, ansonsten Brot und Reispackungen. Und vor allem zählt sie die Schuhe im Gang.

Schränke zu öffnen, in die Privatsphäre von fremden Menschen einzudringen, daran wird sich Sarah Hasselbarth nie gewöhnen. Doch es ist Teil ihres Jobs. So wie das Ausziehen der Schuhe, bevor sie das Haus betritt. "Salam aleikum" – "Aleikum salam", man wünscht sich Frieden. "Tee?" – "Ja, bitte", antwortet Sarah Hasselbarth, Nein sagen wäre unhöflich. Hinsetzen auf die flachen Matratzen, alle an die Wand geschoben, in der Mitte ein Teppich. Fragen stellen: Wie viele Kinder leben in der Wohnung? Haben die Männer Arbeit? Wie ist der Gesundheitszustand der Familie? Tee trinken. Weil das Getränk meist stark gesüßt ist, nennt Sarah Hasselbarth es auch "Zucker mit Tee". Nach 20 Minuten Schuhe an, Frieden wünschen, noch im Hinausgehen mit dem Kollegen Malek entscheiden, ob die Familie mit Geld unterstützt wird. Dann weiterfahren, zur nächsten.

Die Berlinerin Sarah Hasselbarth arbeitet seit drei Monaten bei einer internationalen Nichtregierungsorganisation, die syrische Flüchtlinge in Jordanien in ihren ersten Monaten nach der Flucht vor dem Krieg mit dem Wichtigsten unterstützt: Miete, Gas für den Winter, Windeln für die Kinder. Bis zu 15 Familien besucht die junge Frau täglich, sie prüft, ob die Menschen wirklich bedürftig sind. Denn das Geld wird am Ende nicht für alle reichen. Durch die Hölle aber ist jede Familie gegangen, die in Jordanien ankommt, hat Tod und Gewalt erlebt, ihren Besitz und Familienmitglieder verloren, ist geflohen vor Krieg, Mord und Zerstörung.

Fas 40.000 Menschen haben bisher ihr Leben verloren

Am Anfang wollte Sarah Hasselbarth am liebsten allen helfen, mittlerweile weiß sie, bedürftig ist nicht gleich bedürftig. Wer viele Schuhe im Gang stehen hat, läuft nicht barfuß, wer die Regale voller Reis hat, hat abends etwas zu essen. Einige Familien werden von Verwandten unterstützt, haben eine Waschmaschine und einen Fernseher, manche Männer finden Arbeit und helfen bei der Olivenernte. Sarah Hasselbarths Job ist es, zwischen arm und ärmer zu unterscheiden.

Seit eineinhalb Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Im März 2011 protestierte das Volk im Zuge des "arabischen Frühlings" erstmals gegen seinen despotischen Präsidenten Baschar al-Assad. Seitdem kämpft der Machthaber um sein Amt und richtet die Waffen gegen die eigenen Leute. Fast 40.000 Menschen haben bisher ihr Leben verloren, wer überlebt, schließt sich der Opposition an oder flieht aus der Heimat.

Wie ein aufgeschreckter Suchtrupp laufen die Syrer in alle Himmelsrichtungen, die Hoffnung ist ihre Fährte, ein Land ohne Krieg das Ziel. Sie fliehen in den Norden in die Türkei, in den Osten in den Irak, im Westen in den Libanon und im Süden nach Jordanien. Das Land ist nach der Türkei der großzügigste Nachbar, 300.000 syrische Flüchtlinge werden laut UN bis Mitte nächsten Jahres in Jordanien leben, täglich strömen Hunderte über die Grenze. Ein Großteil bleibt im Norden, in der Gegend um Irbid und Mafrak, einer der ärmsten Regionen des Landes. Hier drücken die Zuwanderer auf das soziale System, Jordanien bricht darunter selbst fast zusammen, es herrschen Wasser- und Gasmangel. Hoch sind lediglich die Schulden und die Arbeitslosenrate von 13 Prozent. Nun die Flüchtlinge mit Wasser und Medikamenten zu versorgen, die Kinder in Schulen unterzubringen stellt das kleine Land vor große Herausforderungen.

Europa und die USA unterstützen Jordanien, ist es doch der letzte stabile Partner im Nahen Osten und zudem – neben Ägypten – das einzige Land, das einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen hat. Außerdem fängt Jordanien die Flüchtlinge auf, die der Krieg sonst vielleicht nach Europa spülen würden. Die deutsche Bundesregierung hat bisher 75 Millionen Euro für Flüchtlinge außerhalb Syriens zur Verfügung gestellt. Doch auch in Jordanien ist der Frieden nicht garantiert. Kürzlich demonstrierten Tausende in Amman gegen steigende Benzin- und Gaspreise, erstmals wurden Rufe gegen König Abdullah II. laut, obwohl es unter Strafe steht, den König öffentlich zu kritisieren.

Die Angst ist groß, von Assads Anhängern aufgespürt zu werden

"Manche sprechen davon, dass der ,arabische Frühling' bald auch Jordanien erreicht", sagt Sarah Hasselbarth. Die 28-Jährige hat Islamwissenschaften studiert, sie spricht Arabisch und hat für ihre einjährige Arbeit mit den Flüchtlingen ein Stipendium erhalten. Im Rahmen des Mercator-Kollegs für Internationale Aufgaben beschäftigt sie sich mit der syrischen Flüchtlingskrise und den Auswirkungen auf die Nachbarländer.

So ist sie nach Irbid gekommen, 85 Kilometer nördlich der Hauptstadt Amman, es ist Jordaniens drittgrößte Stadt, ein konservatives Zentrum, Sehenswürdigkeiten für Touristen gibt es hier kaum. Morgens wird die Berlinerin von ihrem Kollegen mit dem Auto abgeholt, zusammen fahren sie 30 Minuten nach Mafrak, einer kleinen Stadt nahe der syrischen Grenze, in das Büro der Organisation. Der Name der Organisation soll nicht genannt werden, zu groß ist die Angst, Assads Anhänger könnten die politischen Flüchtlinge aufspüren. Auch Sarah Hasselbarth selbst versucht, möglichst wenig Aufsehen zu erregen, sie fährt nicht alleine mit dem Bus, trägt lange Hosen, schlichte, weite Oberteile, wickelt sich in ein Tuch um den Hals. Wenn sie aus dem Auto steigt, drehen sich die Männer auf der Straße trotzdem nach ihr um, Europäerinnen sieht man in Mafrak selten, viele muslimische Frauen schützen sich mit langen schwarzen Gewändern vor den Blicken Fremder, sie betrachten ihre Welt durch den Schlitz ihrer Burkas.

Im Norden Jordaniens liegt auch das größte Flüchtlingslager des Landes, Zaatari heißt die Zeltstadt, 30.000 Menschen leben hier. Es ist der Ort auf den die Medien meist blicken, wenn es um syrische Flüchtlinge geht, zwei Drittel der internationalen Hilfsgelder fließen in das UN-Lager. Absurd, findet Sarah Hasselbarth, der Großteil der Flüchtlinge komme schließlich in den Kommunen und Dörfern unter. Dort dürfen sie sich zwar frei bewegen, doch anders als in den Notlagern sind sie auf sich allein gestellt. "Es ist unsere größte Herausforderung, die Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst zu versorgen", sagt Sarah Hasselbarth.

In Mafrak und Umgebung gibt es keine Straßennamen

Bis dahin macht sie Hausbesuche. In Mafrak und Umgebung gibt es keine Straßennamen, der Fahrer lässt sich den Weg zu der nächsten Familie am Telefon erklären, bei dem Lebensmittelladen links, am Kreisverkehr rechts und dann die Nachbarn fragen. Der Wüstenstaub liegt in der Luft, auf einer Brachfläche stehen Kamele, Kinder spielen am Straßenrand, der gesäumt ist mit Plastiktüten, Pappe, Essensresten. Katzen stöbern zwischen Scherben und Stoffresten, in der Luft liegt der Gestank von verbranntem Abfall.

In der nächsten Wohnung krabbeln Sarah Hasselbarth drei Kleinkinder in schmutziger Kleidung auf einer Bastmatte entgegen, die Frauen halten weitere Kinder an den Händen oder im Arm. Sie lächeln freundlich, die junge Berlinerin begutachtet die Wohnung, der Putz bröckelt von den Wänden, im Kühlschrank zählt sie ein Brot. Die beiden Frauen sind Mutter und Tochter, beide haben Babys im gleichen Alter. Warum sie ihre Heimatstadt Homs verlassen haben, fragt Malek auf Arabisch. Hasselbarths Kollege ist selbst aus Syrien geflohen. Bei einem Hausbesuch ist er aufgefallen, weil er einen Universitätsabschluss hat und Arbeit suchte. Nun hilft er als Mitarbeiter der Organisation seinen eigenen Leuten.

Die Männer der beiden syrischen Frauen seien von Milizen getötet oder ins Gefängnis verschleppt, erzählen die Frauen, ihr Haus, eine dreistöckige Villa, von einer Granate getroffen worden. Der Rest der Familie lief daraufhin 300 Kilometer zu Fuß, bis zur jordanischen Grenze, die Frauen hochschwanger, die Kinder todmüde. Amscha, die 19 Jahre alte Tochter, trägt ein schwarzes Kopftuch, ihre Augen sind hellgrün, ihre Handbewegungen elegant. Ihre größte Angst sei immer gewesen, von den Milizen vergewaltigt zu werden. Sie habe das bei ihrer Nachbarin mitansehen müssen. "Es ist leichter zu sterben, als vergewaltigt zu werden", sagt sie.

Nun sei ihnen nichts geblieben. Morgens, so die junge Frau, wisse sie nicht, was sie den Kindern zu essen geben soll, abends stehe sie auf dem Dach, schaue in den Himmel und weine um ihren Mann, der in einem syrischen Gefängnis gefoltert wird. "Dass die Frauen allein leben, kommt in der arabischen Gesellschaft äußerst selten vor", sagt Sarah Hasselbarth. "Es ist ein Phänomen, das der Krieg mit sich bringt."

Die Armut und das Elend erschüttern Sarah Hasselbarth

Amscha erzählt von ihrem Leben, bevor der Krieg ausbrach, von ihrem Vater, der das Geld in den Golfstaaten verdient hatte. Ihre Familie ist gebildet, und anders als der Großteil der Flüchtlinge wolle sie nie mehr in ihre Heimat zurückkehren, in Syrien habe sie alles verloren, sie wünsche sich nichts mehr, als in Jordanien bleiben und ihre Kinder hier in die Schule schicken zu können.

Auf dem Weg zur nächsten Familie ist es still im Auto. Die Armut und das Elend, das Sarah Hasselbarth fast täglich sieht, erschüttern sie. An den Wochenenden fährt sie deshalb oft in die Wüste, die Weite, der Sand und das Nichts beruhigen ihre aufgewühlte Seele.

Jetzt muss Sarah Hasselbarth aber weiter Fragen stellen, ihre Schuhe ausziehen, Zimmer besichtigen, Kühlschränke öffnen. Entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer nicht. Sie wird Tee trinken, mit viel Zucker. Und Frieden wünschen.

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