28.12.12

Silvester

Warum sich der Feuerwehrchef Schneeregen wünscht

Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling über immer mehr Einsätze, fehlendes Personal und die Vorbereitungen auf den Jahreswechsel.

Von Christina Brüning
Foto: dpa

Landesbranddirektor Wilfried Gräfling leitet die Berliner Feuerwehr seit 2006. 3600 Mitarbeiter gehören zur größten Berufsfeuerwehr Deutschlands
Landesbranddirektor Wilfried Gräfling leitet die Berliner Feuerwehr seit 2006. 3600 Mitarbeiter gehören zur größten Berufsfeuerwehr Deutschlands

Mehr als 1000 Einsätze bewältigt die Berliner Feuerwehr jeden Tag, insgesamt 372.000 in diesem Jahr – Tendenz steigend. 3600 Mitarbeiter gehören zur größten Berufsfeuerwehr Deutschlands. Ihr Chef ist Landesbranddirektor Wilfried Gräfling, der die Feuerwehr seit 2006 leitet.

Die Berliner Morgenpost hat mit Gräfling über neue Rekordzahlen, schlechte Eintreffzeiten und das Lieblingswetter eines Feuerwehrchefs an Silvester gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Gräfling, vergangenes Jahr ist die Zahl der Feuerwehreinsätze zum dritten Mal in Folge gestiegen. Wie sehen die Zahlen für 2012 aus?

Wilfried Gräfling: Wir werden auch in diesem Jahr wieder einen neuen Rekord haben, gut 15.000 Einsätze mehr als im Vorjahr, schätze ich. Gerade im Notfallrettungsdienst gehen die Einsatzzahlen kontinuierlich nach oben.

Berliner Morgenpost: Woran liegt das?

Gräfling: Wir haben in den letzten Jahren den Bevölkerungszuwachs einer kleinen Großstadt gehabt, gleichzeitig wird die Bevölkerung im Durchschnitt älter. Das ist der Hintergrund. Die Zahlen werden weiter steigen.

Berliner Morgenpost: Die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen sollte verbessert werden, um die Feuerwehr zu entlasten. Klappt das?

Gräfling: Wir als Feuerwehr sind zuständig für die Notfallrettung, also alles mit Blaulicht. Die privaten Krankentransportunternehmen übernehmen die nicht eiligen Transporte, etwa zwischen den Kliniken. Dazwischen haben wir jetzt noch eine Ebene eingefügt. Wenn es nicht eilig ist, aber der Patient trotzdem von einem Arzt angeguckt werden muss, dann geben wir die Einsätze ab an die Kassenärztliche Vereinigung und ihren 'rollenden Hausarzt-Dienst". Der Arzt entscheidet dann, ob ein Krankentransport oder die Feuerwehr sich weiter um den Patienten kümmern muss. Das klappt ganz gut, die KV nimmt uns im Jahr so bis zu 12.000 Einsätze ab.

Berliner Morgenpost: Berlin wird in den kommenden Jahren weiter wachsen, sagen Prognosen. Wann ist die Feuerwehr mit ihren Kapazitäten an der Grenze, wenn es so wenig Abhilfe gibt?

Gräfling: Wir werden unsere Grenzen schnell erreichen, wenn wir kein zusätzliches Personal bekommen. Wir machen gerade die sogenannte Dienstkräfteanmeldung für 2014 und 2015 und bestimmen, wie viele Stellen wir brauchen. In der Brandbekämpfung, wo die Einsatzzahlen stagnieren, ist das Personalproblem nicht so groß, beim Rettungsdienst schon. Wir errechnen dort einen Mehrbedarf von 150 bis 200 Stellen, damit wir zukünftig gut 20 zusätzliche Rettungswagen besetzen können.

Berliner Morgenpost: Wann wird sich bei Ihnen die Pensionierungswelle bemerkbar machen?

Gräfling: Im Moment stellen wir jedes Jahr 80 bis 100 Kräfte neu ein und decken damit die Altersfluktuation gerade ab. Wir wissen aber, dass in den nächsten Jahren geburtenstarke Jahrgänge in Ruhestand gehen. Ein Problem ist, dass wir an unserer Schule nur 120 Leute pro Jahrgang ausbilden können. Eigentlich müssten wir jetzt anfangen, mehr auszubilden als wir derzeit brauchen, um einen Personalmangel in ein paar Jahren zu verhindern – andere Bundesländer machen das bereits. Aber uns fehlen dazu die Stellen. Wir sind im Gespräch mit der Politik darüber.

Berliner Morgenpost: Mit Aussicht auf Erfolg?

Gräfling: Der Innensenator hat großes Verständnis für die Situation, glaube ich. Die Frage ist, ob der Finanzsenator uns entsprechend unterstützen kann. Weil das Steueraufkommen gerade gut ist, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Berliner Morgenpost: Ein Problem sind auch die Schutzziele des Rettungsdienstes. Eigentlich sollen die Einsatzkräfte bei 75 Prozent der Notfälle innerhalb von acht Minuten vor Ort sein, 2011 schafften sie nur 44 Prozent. Hat sich das verbessert?

Gräfling: Wir werden in der Statistik 2012 ungefähr wieder in der Größenordnung landen. Vielleicht verbessern sich die Werte auch ein wenig, weil wir Maßnahmen ergriffen haben, um schneller auszurücken.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Gräfling: Wir haben die Räume, von denen ausgerückt wird, näher an die Fahrzeughalle heran gebracht. In der Notrufkette vom Anruf in der Leitstelle bis zum Eintreffen vor Ort haben wir also den Zeitraum des Ausrückens verkürzt. Und ich habe mit den Direktionsleitern Schutzziele vereinbart, die monatlich erörtert werden.

Berliner Morgenpost: Wie weit sind Sie damit, neue Stützpunkte aufzubauen, um die Eintreffzeiten zu verbessern?

Gräfling: Wir sind dabei. In der Nöldnerstraße zum Beispiel. Wir prüfen kontinuierlich, wo Lücken sein könnten. Wir müssen die Fläche abdecken, also innerhalb von einer vier- oder fünfminütigen Fahrtzeit am Ziel sein können. Außerdem schauen wir, wo es besonders viele Einsätze gibt, zum Beispiel weil in einer Ecke der Stadt sehr viele oder viele ältere Menschen leben. Aus diesen Faktoren errechnen wir den Bedarf.

Berliner Morgenpost: Wo in Berlin gibt es diese problematischen Orte?

Gräfling: Im Nordosten haben wir einige Stellen identifiziert, wo es noch nicht so gut klappt. Wartenberg oder Hellersdorf zum Beispiel.

Berliner Morgenpost: Im Moment ist Berlin wegen diverser Baustellen besonders staugeplagt. Macht sich das bei den Einsatzzeiten bemerkbar?

Gräfling: Das merken wir sehr. Unsere Berechnungen der Fahrtzeiten sind sehr idealistisch, da rechnen wir bei einer normalen Straße mit 30 Kilometern pro Stunde. Während der Stoßzeiten oder in einigen Gebieten, wo wegen Baustellen die Straßen dicht sind, erreichen wir diese Zeiten auch mit unseren Sonderrechten im Verkehr nicht.

Berliner Morgenpost: Wird bei Ihnen überprüft, welche Folgen zu lange Eintreffzeiten haben?

Gräfling: Wir bekommen unmittelbares Feedback über Beschwerden oder Klagen, werten das aber nicht in der Tiefe aus. Das Thema Qualitätsmanagement möchte ich allerdings noch in Angriff nehmen. Dafür muss viel überprüft werden: Wann wurde ein Patient transportiert, mit welchen Zeiten, wie ist das Resultat? Gerade Letzteres wissen wir derzeit oft gar nicht. Uns fehlen aus meiner Sicht auch signifikante Studien, die sagen, in welcher Zeit bei welchem Notfall welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Klar ist eigentlich nur: Bei einem Herzstillstand muss man in wenigen Minuten da sein.

Berliner Morgenpost: Für den neuen Flughafen BER in Schönefeld ist Brandenburg zuständig. Muss Berlin trotzdem für Notsituationen zusätzliche Einsatzkräfte im Süden vorhalten?

Gräfling: Das wünschen sich die Brandenburger, aber Berlin ist nicht zuständig. Wenn etwas passiert, werden wir natürlich helfen. Wir werden aber keine regionale Vorhaltung für Brandenburg machen und dadurch Bedürfnisse Berlins vernachlässigen. Das würde hier kein Bürger verstehen.

Berliner Morgenpost: Und einen Staatsvertrag zwischen den Ländern, der gewisse Vorhaltungen auf Seiten Berlins garantiert, wird es nicht geben?

Gräfling: Das würde bedeuten, dass Brandenburg dafür an Berlin Geld zahlen muss. Das wird so schnell nicht kommen.

Berliner Morgenpost: Stichwort Silvester. Wie bereitet sich die Feuerwehr auf die Nacht vor?

Gräfling: Wir haben wie immer zusätzliche Einsatzkräfte in Bereitschaft. Freiwillige Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Hilfsorganisationen. Dann sind wir insgesamt etwa 1400 Einsatzkräfte in der Nacht. Die Leitstelle und die Führungsdienste werden auch verstärkt. In den letzten Jahren ist Gott sei Dank nichts unerwartet Großes passiert. Aber vorbereitet müssen wir natürlich auf alles sein.

Berliner Morgenpost: Im vergangenen Jahr gab es neue Richtlinien, die bei Feuerwerk mehr Schwarzpulver und flachere Abschusswinkel erlauben. Sie haben davor gewarnt. Was erwarten Sie in diesem Jahr?

Gräfling: Wir warnen auch in diesem Jahr wieder, auch wenn wir letztes Silvester trotz dieser neuen Super-Böller keine signifikanten Unterschiede bei den Einsätzen festgestellt haben. Das ist gut, aber man muss auch die Wetterlage letztes Jahr bedenken. Es fing kurz nach null Uhr zu regnen an und wurde kalt und ungemütlich. Dann gehen die Leute schnell wieder ins Haus und die Böller auf der Straße werden nass und gehen kaputt.

Berliner Morgenpost: Ist das Ihr Lieblingswetter als Feuerwehrchef zu Silvester?

Gräfling: Am besten ist Schneeregen bei knapp über null Grad, damit es nicht glatt ist und keiner stürzt. Dann haben wir die wenigsten Einsätze: Die Dächer und Straßen sind feucht, verirrte Böller können nichts entzünden, die Leute feiern lieber drinnen als bis tief in die Nacht draußen zu knallen.

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