28.12.12

DGB-Studie

Jeder fünfte Berliner Jugendliche lebt von Hartz IV

Gut 20 Prozent der 15- bis 24-Jährigen beziehen Hartz IV. Das sind doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Oft liegt es an den Eltern.

Von Florian Kain
Foto: dpa

Alarmierend: Die meisten hilfsbedürftigen Jugendlichen wurden beim Jobcenter Berlin-Mitte (10.467) gezählt, gefolgt von Neukölln (9591) und Marzahn-Hellersdorf (6098)
Alarmierend: Die meisten hilfsbedürftigen Jugendlichen wurden beim Jobcenter Berlin-Mitte (10.467) gezählt, gefolgt von Neukölln (9591) und Marzahn-Hellersdorf (6098)

Es sind beunruhigende Zahlen für Berlin: Wie eine am Donnerstag bekannt gewordene Analyse des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeigt, ist der Anteil junger Menschen an den Hartz-IV-Empfängern in der Hauptstadt im Vergleich von 14 deutschen Städteregionen am höchsten.

Demnach bezogen in Berlin im September 2012 mit 19,2 Prozent fast ein Fünftel aller 15- bis 24-Jährigen Hartz IV. Somit ist das Verarmungsrisiko von Jugendlichen in Berlin statistisch gesehen gut doppelt so hoch wie für Jugendliche in Deutschland insgesamt. Denn bundesweit waren nur 8,8 Prozent aller 15- bis 24-Jährigen auf Hartz IV angewiesen. Die meisten hilfsbedürftigen Jugendlichen zählten die DGB-Experten mit 10.467 im Jobcenter Berlin-Mitte, gefolgt von den Jobcentern Neukölln mit 9591 und Marzahn-Hellersdorf mit 6098. Zum Vergleich: Im Jobcenter der bayerischen Landeshauptstadt München waren es zum selben Zeitpunkt insgesamt nur 6886, was dort einem Anteil von 5,1 Prozent der 15- bis 24-Jährigen entspricht. Hohe Hartz-IV-Quoten in dieser Altersgruppe verzeichnete man außer in Berlin auch in Duisburg (17,4 Prozent), sowie Dortmund (15,7) und Bremen mit 14,7 Prozent. Dass nicht alle größeren ostdeutschen Städte automatisch Hochburgen der Jugendarbeitslosigkeit sind, zeigt das Beispiel Dresdens, wo sich die Quote von 9,6 Prozent ungefähr auf dem gleichen und vergleichsweise niedrigen Niveau der Weststädte Aachen (10,0) und Nürnberg (10,2 Prozent) befindet.

Oft sind Eltern arbeitslos

"Die Erfolge beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit haben bisher nichts daran ändern können, dass Jugendliche ein überdurchschnittliches Verarmungsrisiko haben", heißt es in der Studie, über die zuerst die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Tatsächlich ist die Jugendarbeitslosigkeit im europaweiten Vergleich nirgendwo niedriger als in Deutschland. Dennoch gibt es immer noch 534.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die auf die Grundsicherung angewiesen sind. Das heißt aber nicht, dass diese alle als arbeitslos gemeldet waren. Im Gegenteil, weniger als die Hälfte von ihnen war offiziell ohne Job, während die anderen noch zur Schule gingen oder Ausbildungsgänge an Berufsfachschulen besuchten. "Das Verarmungsrisiko dieser Jugendlichen ist hier offensichtlich längst nicht immer Ausdruck nur eigener beruflicher Integrationsprobleme, sondern relativ oft auf das Fehlen Existenz sichernder Arbeitsplätze der Eltern zurückzuführen", lautet die Schlussfolgerung der Autoren des Papiers, das der Berliner Morgenpost vorliegt. Schließlich lebten die jungen Leute oft noch bei den Eltern oder einem Elternteil.

Jedenfalls liegt die Hartz-IV-Bedürftigkeit bei Kindern, die weniger als 15 Jahre alt sind, bundesweit sogar bei 15,3 Prozent. Das Schlusslicht bildet im Vergleich der Großstädte auch in dieser Kategorie Berlin, wo ein gutes Drittel aller Kinder unter 15 Jahren (34,3 Prozent) von Hartz IV leben muss. Und Armut geht einher mit schlechten Bildungschancen, so die Analyse. An Hauptschulen gebe es dreimal öfter arme Schüler. "Eltern armer Kinder entscheiden sich häufiger gegen weiterführende Schulen, weil ihre Kinder früher Geld verdienen sollen", schreiben die Autoren. Relativ geringe berufliche Perspektiven förderten dann Resignation und Mutlosigkeit. "Es verwundert nicht, wenn jugendliche Hartz-IV-Empfänger die Schule ohne Schulabschluss verlassen", meint man beim DGB.

Berufsvorbereitung verbessern

Ein Teufelskreis, denn nicht nur nach Auffassung der Experten im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) trägt gerade ein fehlender Schulabschluss maßgeblich zu einer späteren dauerhaften Hartz-IV-Bedürftigkeit bei. In Berlin ist die Zahl der Abbrecher seit Jahren relativ hoch, wenngleich mit rückläufiger Tendenz. So beendeten im Schuljahr 2010/2011 nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung 2407 Jugendliche ohne ein qualifizierendes Zeugnis ihre Schullaufbahn, in den Jahrgängen zuvor waren es 2674 beziehungsweise 2718.

Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) bezeichnete die Zahlen in der DGB-Studie gegenüber der Berliner Morgenpost als "alarmierend, aber auch nicht unbekannt". "Mein Ziel ist es, dass es in Zukunft gar nicht mehr so weit kommt, dass sogenannte Hartz-IV-Generationen entstehen", sagte Kolat. Die besten Antworten auf die Jugendarbeitslosigkeit seien neben einer abgeschlossenen Schul- und Berufsausbildung auch bessere Schulabschlüsse und die richtige Berufswahl. "Wir wollen die Berufsorientierung und die Berufsvorbereitung verbessern, denn die Jugendlichen sollen von der Schule möglichst ohne Warteschleife in eine betriebliche Ausbildung kommen, zur Not auch mit Zwischenschritten wie der Einstiegsqualifizierung. Das alles schaffen wir, wenn es in Berlin Betriebe gibt, die mehr ausbilden", sagte die Senatorin.

Flankierende Hilfe kommt vom Bund: So finanziert das von Ursula von der Leyen (CDU) geführte BMAS für alle Schulabgänger in den Jahren 2012/2013 und 2013/2014 einen Modellversuch mit "Berufseinstiegsbegleitern" an rund 1000 ausgewählten Haupt- und Förderschulen. Sie sollen leistungsschwachen Schülern nicht nur dabei helfen, ihre Prüfungen zu bestehen, sondern ihnen auch bei der Ausbildungsplatzsuche zur Seite stehen.

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