24.12.12

Weihnachtsgeschichte

Was Küche und Blasmusik für Kaminer gemeinsam haben

Wenn Fernsehleute einen Plan haben, kann man als Schriftsteller oft nur schwer entkommen. Wladimir Kaminer hat es versucht - und gewonnen.

Von Wladimir Kaminer
Foto: Breuer, Boris

Einfallsreich: Schriftsteller Wladimir Kaminer beobachtet und schreibt über die Eigenarten seiner Landsleute - und ihr Bemühen, fern der Heimat Fuß zu fassen
Einfallsreich: Schriftsteller Wladimir Kaminer beobachtet und schreibt über die Eigenarten seiner Landsleute - und ihr Bemühen, fern der Heimat Fuß zu fassen

Mein Vater war ein Kulturverweigerer, er las keine Bücher, hörte kein Radio, sein Fernsehgerät war kaputt und er wollte sich kein neues kaufen. Er hat in einer geheimnisvollen Welt ohne Nachrichten gelebt und ist als unverbesserlicher Medienverweigerer gestorben.

Ich dagegen produziere ausschließlich in diesem kulturellen Kontext, auf den er verzichtete. Ich schreibe regelmäßig Bücher, ich hatte eine eigene Radiosendung, in der viele blinde Menschen anriefen und ihre Wunschmusik bestellten, ich werde gelegentlich für gutes Geld ins Fernsehen eingeladen.

Das ist wie eine Einladung in eine fremde Welt. Im Dezember drehte ich für einen Nachrichtensender ein Programm über Weihnachten in Berlin. "Wir brauchen dafür drei Orte in der Stadt, die Sie besonders gerne mögen", sagte die Redakteurin. Ich dachte nach. Irgendwie befanden sich alle Orte in Berlin, die ich besonders gerne mag, in meiner Wohnung: in der Küche, auf dem Balkon und im alten Sessel, der in meinem Arbeitszimmer steht.

"Es wäre außerdem schön, wenn wir einen Ort hätten, der über einen längeren Zeitraum eine besondere Rolle in Ihrem Leben gespielt hat, zu dem sie immer wieder zurückkehren", fügte die Redakteurin hinzu. Ich wusste sofort, welchen Ort: meinen Kühlschrank in der Küche. Mich zieht es ständig zu ihm hin.

Eine ganz besondere Stammkneipe

Ich wollte jedoch nicht dem Fernsehteam einen Drehtag vor dem Kühlschrank zumuten. Statt "Kühlschrank" sagte ich "Bahnhof". Das sei genau der Ort, zu dem es mich immer wieder hinzieht. An dem Tag musste ich sowieso aus Braunschweig, wo ich die halbe Nacht eine Russendisko organisiert hatte, mit dem Zug nach Berlin zurückkommen.

"Der Bahnhof spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben, er war auch das erste Stück Berlin, das ich kennenlernte, als ich vor einem Vierteljahrhundert hierher kam", klärte ich die Redakteure auf. "Bahnhof ist gut, dazu hätten wir gern noch eine Kneipe. Haben Sie eine Stammkneipe in Berlin?", fragten sie.

Ich überlegte. Meine Stammkneipe, das ist eigentlich meine Küche, dort kenne ich jeden, und niemals erscheinen ungebetene Gäste in meiner Küche. Damit das auch weiterhin so bleibt, verheimlichte ich ihnen diese wahre Stammkneipe und nannte stattdessen eine Kneipe, die direkt nebenan ist: zwischen unserem Haus und der Sporthalle gegenüber.

"Perfekt!", freuten sich die Fernsehmacher. "Jetzt bräuchten wir nur noch ein Event, ein Konzert oder Theaterstück zum Beispiel, zu dem wir sie begleiten können." Mein Lieblingsevent im wirklichen Leben ist es, dabei zu sein und zu beobachten, wie mein Kater Fjodor Dostojewski Spatzenjagd auf dem Balkon veranstaltet.

Mysteriöse Sporthalle direkt vor dem Haus

Er imaginiert sich dabei zu einem Jagdgott hoch, obwohl ihm noch nie ein einziger Spatz in die Fänge geraten ist. Man sagt, die Katzen nehmen in ihrer Wahrnehmung immer die Größe des Raumes an, in dem sie sich befinden. Bei Fjodor sieht man deutlich, dass er sich so groß wie eine Dreizimmerwohnung fühlt.

Manchmal steht er lange vor der geöffneten Balkontür und überlegt, ob er da überhaupt durchkommt. Wenn ich ihn zu lange bei diesem Nachdenken beobachte, kommt es mir nach einer Weile auch so vor, dass er möglicherweise nicht durch die Tür passt.

Aber so ein Nachdenken ist als Fernseh-Event schwer zu filmen, deswegen verheimlichte ich auch diese Vorliebe. "Ich gehe gern zu Sportveranstaltungen in unsere Sporthalle", log ich stattdessen der Redaktion vor. Direkt vor meinem Haus neben der sogenannten Stammkneipe ist eine Sporthalle, in der jeden Sonntag irgendein Spiel läuft, ich war aber, ehrlich gesagt, noch nie dort.

Normalerweise schlafe ich am Sonntag aus, weil ich die Nacht davor Disko hatte. Aber die Sporthalle direkt vor meinen Fenstern hätte unsere Dreharbeit sehr erleichtert. Die Redaktion war aber misstrauisch geworden. Sie riefen bei der Hallenverwaltung an und erfuhren, dass just an dem Tag kein Sportevent dort stattfindet, sondern ein Militärmusikwettbewerb.

Dudelsack, Feder, Stahlhelm

Ob wir vielleicht nicht doch ins Theater gehen sollen? "Nein, auf gar keinen Fall!", schrie ich in den Hörer. Ich wollte partout nicht ins Theater. "Mein Leben lang habe ich davon geträumt", sagte ich, "eine Militärmusikveranstaltung zu besuchen, ich habe sogar ein Buch geschrieben mit einem solchen Titel: Militärmusik", fügte ich sehr überzeugend hinzu.

Am verabredeten Tag holten mich die Fernsehmacher vom Bahnhof ab. Zehn Mal filmten wir dort, wie ich durch eine Glastür rein- und rausgehe. Dann fuhren wir in die Stammkneipe, tranken dort einen Glühwein und einen Tee. Und schon blieb nur noch der Sporthallenbesuch.

Die Musik spielte bereits und die Halle war voll, als wir dort aufkreuzten. Überall liefen Spielmannzüge mit Pauken und Trompeten herum, die aussahen, als wären sie gerade aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen, die Schotten in Strümpfen mit Dudelsäcken bewaffnet, die Franzosen mit bunten Federn am Kopf, die Deutschen mit Stahlhelmen auf dem Kopf.

Tausende Menschen aus der ganzen Welt kamen hier zusammen, um begeistert ihrer Lieblingsmusik, der Militärmusik, zu lauschen, Ich wunderte mich über diese fremde Welt direkt vor meiner Haustür, über diese verrückt gewordene Menschheit, die mehr Krach machte als jede gutbürgerliche Rockband. Die Veranstalter des Events begrüßten uns freundlich und fragten, ob ich was dagegen hätte, vom Moderator des Programms erwähnt zu werden? Ich hatte nichts dagegen.

Blasinstrumente statt Waffen

"Heute ist ein besonderer Tag in der Geschichte unserer Veranstaltung", rief der Moderator ins Hallenmikrofon. "Heute haben wir einen Überraschungsgast, einen Schriftsteller: Wladimir, der das Buch über Militärmusik geschrieben hat." Die ganze Halle stand auf wie ein Mann und rief "Ahoi, Wladimir!". Hunderte Trommeln ertönten. "Und jetzt", setzte der Moderator fort, "möchten wir dem Schriftsteller zu Ehren mit unseren Gästen aus Russland beginnen. Begrüßen Sie mit mir die Blaskapelle der russischen Streitkräfte der Stadt Tschernigow!"

Fünfzig Majore in Uniformen kamen mir entgegen, statt Waffen trugen sie Blasinstrumente. Dann sprangen sie auf der Bühne herum und spielten Michael Jacksons "Thriller". Ganz vorne stand ein Oberst und gab mit hoher Stimme den Michael Jackson, dabei sah er die ganze Zeit mich an. Er hatte genau denselben Blick wie mein Kater Fjodor, wenn er auf dem Balkon auf die Spatzen schaut.

Einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, noch einmal in die Armee einberufen zu werden. Ich erinnerte mich an die Kälte in der Kaserne, an das trockene Brot unter dem Kopfkissen der jungen Soldaten, an die großen Klobürsten, mit denen wir den Fußboden schrubbten, an die Lieder, die wir beim Marschieren auf dem Platz singen mussten, Michael Jackson war nicht dabei.

Zum Glück dauerte dieser Moment nicht lange, ich erwiderte den Blick des Obersten – ohne auch nur einmal zu zwinkern, äußerte dann meine Begeisterung über das neue fortschrittliche Repertoire der russischen Streitkräfte, trank noch einen Glühwein in meiner "Stammkneipe" und ging nach Hause – schlafen.

Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit 1990 als Schriftsteller in Berlin. Sein bekanntestes Werk sind Kurzgeschichten unter dem Titel "Russendisko".

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