24.12.12

Frühchen

Luca kämpft sich ins Leben - Gramm für Gramm

Das Mädchen kam viel zu leicht auf die Welt. Aber Luca schaffte es. Mit ihrer Energie und der Liebe ihrer Eltern.

Von Nicole Dolif
Foto: Amin Akhtar

Glücklich: Anke Schneider und Matthias Peucker feiern zum ersten Mal mit Töchterchen Luca (11 Monate) Weihnachten
Glücklich: Anke Schneider und Matthias Peucker feiern zum ersten Mal mit Töchterchen Luca (11 Monate) Weihnachten

Luca (elf Monate) quietscht vor Vergnügen. Sie krabbelt zwischen den bunten Bällen hindurch und strahlt. Dann dreht sie plötzlich um, krabbelt auf ihre Mama zu und zieht sich an ihrem Bein hoch, bis sie steht. Ein bisschen wackelig, aber sie steht. Anke Schneider (34) streicht ihrer Tochter über das Köpfchen. Liebevoll – und stolz. Dass Luca so putzmunter ist, in diesem Jahr zum ersten Mal in ihrem Leben an Weihnachten das Geschenkpapier aufreißen wird, ist für sie noch immer ein kleines Wunder.

1300 Gramm wog Luca, als sie Anfang des Jahres per Notkaiserschnitt viel zu früh auf diese Welt geholt wurde. 1300 Gramm, eine Handvoll Mensch. Ein Gewicht gerade mal ein bisschen höher als das eines Pakets Mehl aus dem Supermarkt. Aber Luca war stark. Gramm für Gramm kämpfte sie sich ins Leben. Ihre Eltern wachten rund um die Uhr an ihrer Seite. "Das war eine sehr harte Zeit", sagt ihre Mutter Anke Schneider. "Die Angst, die man um sein eigenes Kind hat, ist kaum zu beschreiben."

Die Geburt wird eingeleitet

Die Angst um Luca begann für Anke Schneider und ihren Partner Matthias Peucker (28) vor gut einem Jahr. Es war ein paar Wochen vor Weihnachten, bis dahin war die Schwangerschaft unauffällig verlaufen. Das Paar freute sich auf sein erstes Kind. Anke Schneider war in der 20.Schwangerschaftswoche, da stellte der Gynäkologe bei einer Routinekontrolle per Ultraschall eine Gestose fest. "Ich war überrascht, denn ich fühlte mich gut", sagt Anke Schneider.

Eine Gestose wird auch Schwangerschaftsvergiftung genannt. Bei dieser seltenen, aber gefährlichen Erkrankung in der Schwangerschaft steigt der Blutdruck sehr hoch an, die Gefäße verengen sich und die Organe werden nicht mehr richtig durchblutet. Das Baby wird im Bauch zu wenig versorgt. "Ich kannte die Krankheit, und natürlich hat es mir Angst gemacht. Aber irgendwie dachte ich, bei mir wird es bestimmt gut gehen", sagt Anke Schneider. Sie bekam Blutdrucksenker, schonte sich. Alle zwei Wochen wurde sie kontrolliert, später sogar jede Woche, denn die Blutwerte verschlechterten sich weiter.

Anfang Januar spitzte sich die Situation zu. Am 11. Januar 2012 entschieden die Ärzte im St.-Joseph-Krankenhaus, Luca per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. Sie wurde im Bauch nicht mehr richtig versorgt – und auch Anke Schneider war in Gefahr. Denn in manchen Fällen entwickelt sich aus einer solchen Schwangerschaftsgestose bei der Mutter ein Hellp-Syndrom, das dann zu Organversagen bei der Mutter führen kann.

Mutter und Kind auf der Intensivstation

Vor der Tür des Kreißsaals wartete ungeduldig Matthias Peucker. Er war nervös, sorgte sich um seine Freundin und seine Tochter. Als die Tür aufging, wurde seine Partnerin in die eine Richtung gebracht, sein Kind in die andere.

Beide mussten sofort auf die Intensivstation. Dort sah der Vater seine Tochter dann auch zum ersten Mal. "Sie war so winzig", sagt er. Sie lag in einem Inkubator, eine Sonde steckte in ihrer Nase, eine Atemmaske sollte ihr das Luftholen erleichtern. In ihrer winzigen Ader am Arm steckte eine Kanüle, die sie mit Nährstoffen und Medikamenten versorgte. Überall piepsten Monitore.

Die Eltern nennen das Mädchen Luca. "Luca so zu sehen war natürlich erst mal ein Schreck", sagt Matthias Peucker. "Den ersten Kontakt zu seinem Kind stellt man sich ja ein wenig anders vor." Er macht eine Pause. Dann sagt er: "Aber ich war erst einmal froh, dass beide so weit gesund waren." Körperlich erholt Anke Schneider sich recht schnell. "Ich wollte ja zu meinem Kind", sagt die Physiotherapeutin aus Friedenau.

Aber die seelischen Wunden brauchen viel länger zum Heilen. Die abrupte Trennung von ihrem Kind, die Angst, der Schmerz, dieses hilflose Wesen zu sehen, das eigentlich noch die Geborgenheit in ihrem Bauch bräuchte, das alles ist nur schwer zu ertragen.

Es hat Anke Schneider geholfen, dass das Krankenhaus ihr vom ersten Tag an den Kontakt zu ihrem Kind ermöglicht hat. In den ersten Tagen wurde sie mit ihrem Bett zu Luca gefahren, danach mit einem Rollstuhl. "Der Kontakt und das Stillen waren gerade in den ersten Tagen so wichtig", sagt sie. "Und als ich dann endlich als Patientin entlassen werden konnte, bin ich gleich zu Luca auf die Station gezogen."

Angst vor Spätfolgen

Von da an ist sie rund um die Uhr bei ihrem Baby. Sie legt es sich auf die Brust, stillt es, spricht mit ihm. "Eine sehr intensive Zeit", sagt sie. Aber auch voller Ängste. Sie sieht ihr eigenes Baby, so klein und hilflos im Wärmebett. Und sie sieht auch die anderen Frühchen auf der Station, die teilweise mit noch mehr Schwierigkeiten zu kämpfen haben. "Ich habe mich immer wieder gefragt, ob es meinem Baby gut geht, wie es sich entwickeln würde und ob es vielleicht Spätfolgen haben wird", sagt Anke Schneider. Gleichzeitig musste sie Ruhe und Liebe ausstrahlen. Für Luca.

Jeden Tag ging es ein kleines Stück voran. Luca brauchte schon bald keine Atemhilfe mehr und auch die Sonde konnte gezogen werden – das Baby trank eifrig bei seiner Mutter. Das Wiegen – jeden Tag eine kleine Angst. Es ging um jedes Gramm. Luca nahm zu. Langsam, aber stetig.

"Als die Waage 1600 Gramm anzeigte, durften wir nach Hause", sagt Anke Schneider. "Sie war zwar noch sehr klein, aber es lief so gut, und wir kamen gut klar." Es war der 6.Februar und der kälteste Tag des Jahres. "Wir wussten überhaupt nicht, wie wir sie warm nach Hause bringen sollten." Denn die eigene Körpertemperatur konnte Luca noch nicht gut halten. Die Eltern zogen ihr all die mühsam besorgten Sachen in Größe 42 über, deckten sie warm zu und machten sich auf den Weg nach Hause.

"Es war ein komisches Gefühl, mit ihr in die Wohnung zu gehen", sagt Anke Schneider. Die Altbauwohnung kam ihr viel zu kalt für das Baby vor. "In ihrem Bett konnte ich sie immer nur kurz lassen, meistens lag sie bei mir oder ihrem Papa auf der Brust", sagt Anke Schneider. "Damit haben wir uns alle am sichersten gefühlt."

Noch sind die Auflagen für Luca streng. Sie muss weiterhin ein Medikament bekommen, damit sie gut zunimmt. Die Wohnung sollten sie mit ihr auch noch nicht verlassen. Trotzdem versuchte die Familie, ihren Alltag zu finden. Anke Schneider kaufte Kleidung für Luca. "Das war sehr schwierig", sagt sie. "Diese kleinen Größen werden fast nirgendwo verkauft. In einem Laden, in dem ich ein warmes Wollmützchen kaufen wollte, sagte die Verkäuferin, ich solle am besten in der Puppenabteilung schauen", erinnert sich Anke Schneider.

Die Eltern sind dankbar

Schlimm war auch die erste Erkältung, die der Papa aus dem Büro mit nach Hause brachte. "Da liefen wir hier alle mit einem Mundschutz umher, damit Luca sich bloß nicht ansteckt." Doch mit jedem Gramm, das Luca zunahm, kam ein kleines Stück Normalität in die Familie. Das Mädchen begann sich zu drehen, mit neun Monaten zu krabbeln. "Da endlich fiel die Angst von mir ab", sagt Anke Schneider. "Da wusste ich, es geht Luca gut."

Aber wenn Luca an diesem Weihnachtsfest neugierig ihre Geschenke aufreißt, dann werden ihre Eltern ganz bestimmt noch einmal an ihre Geburt denken und daran, wie viel Angst sie um ihre kleine Tochter in ihrem ersten Lebensjahr haben mussten. Anke Schneider: "Wir wissen alle: Wir haben ganz viel Glück gehabt."

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