22.12.12

Deutsche Bahn

Lokführer sollen besser auf ihre Zugbegleiter aufpassen

Die Bahn hat das Abfertigungsverfahren für die Züge im Regionalverkehr umgestellt. Dadurch blieben schon mehrmals Zugbegleiter zurück.

Von Thomas Fülling
Foto: ZB

Sicherheit: Die Lokführer haben neue Anweisungen von der Deutschen Bahn erhalten
Sicherheit: Die Lokführer haben neue Anweisungen von der Deutschen Bahn erhalten

Dass ein Reisender seinen Zug verpasst, soll ja immer wieder vorkommen. Doch dass der diensthabende Zugbegleiter der Deutschen Bahn die Rücklichter seines Regionalexpress nur noch von hinten sieht, ist bislang wohl kaum geschehen. Doch genau das ist in Berlin jetzt passiert – allein im Bereich der Stadtbahn innerhalb von gut einer Woche mindestens zwei Mal, wie ein Bahnsprecher der Berliner Morgenpost auf Nachfrage bestätigte.

Die Vorfälle waren offenbar so gravierend, dass die Bahn ihre Lokführer jetzt per Rundschreiben und per SMS offiziell anwies, doch besser aufzupassen, ob der Zugbegleiter auch mit an Bord ist. "Sehr geehrte Triebfahrzeugführer, bitte achten Sie bei der Zugabfertigung auf den Zustieg der KiN", heißt es in der Mitteilung auf die Diensthandys der Lokführer.

KiN ist die bahninterne Abkürzung für "Kundenbetreuer im Nahverkehr", den Nachfolger des altehrwürdigen Zug-Schaffners. Hintergrund der peinlichen Pannen ist eine zum jüngsten Fahrplanwechsel am 9. Dezember erfolgte Änderung des Verfahrens zur Abfertigung von Zügen im Regionalverkehr. Statt SAT ("Selbstabfertigung durch Triebfahrzeugführer") heißt es nun im Eisenbahnerdeutsch TAV ("Technikbasiertes Abfertigungsverfahren").

Oder einfacher gesagt: Hatte bislang der Zugbegleiter nach einem prüfenden Blick über den Bahnsteig seinem Lokführer zugewinkt und ihm damit signalisiert, dass alle Fahrgäste sicher in den Zug eingestiegen sind, gibt sich der Lokführer nach dem Schließen aller Türen nun selbst das Abfahrtssignal.

Mehr Sicherheit für die Fahrgäste

Auch in diesem Fall ist zwar ein "Serviceblick" aus dem Fenster des Führerstands vorgeschrieben. Doch weil gerade auf der Stadtbahn die Bahnsteige oft sehr voll und zudem häufig gekrümmt gebaut sind, kann der Lokführer seinen möglicherweise noch vor dem Zug stehenden KiN rasch mal übersehen.

Die Bahn begründet die jetzt auch für die über die Stadtbahn fahrenden Züge der Regionalexpress-Linie 1 (Magdeburg–Potsdam–Berlin–Frankfurt/O.) erfolgte Umstellung des Abfertigungsverfahrens mit Sicherheitserwägungen. Anders als bisher könne der Zug jetzt erst abfahren, nachdem die Lichtschranken-Sensoren melden, dass alle Türen geschlossen sind.

"Solange nicht alle Türen zu sind, kann der Zug nicht abfahren. Damit haben wir die Sicherheit der Reisenden erhöht", sagte der Bahnsprecher. Bei dem bisherigen Abfertigungsverfahren hat der Zugbegleiter zumindest eine Wagentür separat geöffnet, um nach dem Erteilen des Abfahrtssignals noch einsteigen zu können.

Aus Sicht der Bahn könnte es auch bei diesem Verfahren passieren, dass der Zugbegleiter außen vor bleibt – etwa wenn ein Fahrgast im Inneren des Waggons den Schließknopf für die Tür betätigt. Bekannt geworden sind derartige Vorfälle allerdings nicht.

Fahrgastverband kritisiert Änderungen

Vor allem Gewerkschafter unter den Mitarbeitern befürchten indes, dass die Bahn mit der Änderung des Abfertigungsverfahrens vor allem neue Einsparziele verfolgt. Denn bei dem neuen Verfahren braucht der Zugbegleiter keine qualifizierte Eisenbahner-Ausbildung mehr zu haben und muss auch nicht mehr dementsprechend bezahlt werden.

So könnten auch "Seiten-Einsteiger", die vorher in ganz anderen Bereichen gearbeitet haben, in Kurz-Lehrgängen zu "Kundenbetreuern im Nahverkehr" ausgebildet werden. Praktiziert wird dies schon lange von den Privatbahnen, die ihre Zugbegleiter teilweise deutlich schlechter bezahlen als der bundeseigene Bahn-Konzern.

Auch der Berliner Fahrgastverband Igeb ist wenig begeistert über die erfolgte Änderung des Abfertigungsverfahrens im Regionalverkehr. "Das ist blindes Technik-Vertrauen", sagte Igeb-Vize Jens Wieseke. Auch das Argument der höheren Sicherheit lässt er nicht gelten. "Ich sehe da eher eine geringere Sicherheit, da nicht der gesamte Zug eingesehen werden muss, sondern sich darauf verlassen wird, dass die Türen geschlossen sind. Ob da jemand zwischen Zug und Bahnsteigkante gerutscht ist, wird nicht erfasst."

Der Fahrgastvertreter hält es weiterhin für wichtig, dass der Zugbegleiter auf dem Bahnsteig rausgeht und auch für ratsuchende Fahrgäste ansprechbar ist. "Ein Betriebseisenbahner kann bei Problemen auch ganz anders eingreifen als ein Kundenbetreuer, der lediglich Ahnung vom Fahrkartenkontrollieren und Snackverkaufen hat", sagt Wieseke.

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