22.12.12

Banküberfall

Berliner Geiselnehmer hatte finanzielle Probleme

Gegen den Täter ist Haftbefehl erlassen worden. Mit Mehl und Schreckschusspistole hatte er für einen fast zehnstündigen Nervenkrieg gesorgt.

Von Michael Behrendt, Hans Nibbrig und Steffen Pletl
Foto: dpa

Der Angeklagte Thomas D. auf der Anklagebank im Kriminalgericht Moabit in Berlin. Der 30-Jährige soll im Dezember 2012 in einer Filiale der Deutschen Bank einen Mitarbeiter als Geisel genommen haben.

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Nach der unblutig beendeten Geiselnahme in einer Filiale der Deutschen Bank in Berlin ist Haftbefehl gegen den Täter erlassen worden. Dies habe am Sonnabend ein Haftrichter entschieden, sagte die Sprecherin der Berliner Staatsanwaltschaft, Simone Herbeth. Dem 29-Jährigen werde erpresserischer Menschenraub vorgeworfen, sagte sie. Dafür drohen bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe.

Der Mann aus Wolfsburg hatte am Freitag und in der Nacht zu Sonntag die Polizei rund zehn Stunden in Atem gehalten. Angesichts der Dramatik der vorangegangenen Stunden endete die Geiselnahme in der Deutsche-Bank-Filiale in Zehlendorf am frühen Sonnabendmorgen gegen 1.15 Uhr vergleichsweise unspektakulär.

Der Mann, der eine Bank überfallen, eine Geisel genommen und mit dem Zünden einer Bombe gedroht hatte, gab auf, ließ zunächst seine Geisel unbeschadet frei und dann sich selbst widerstandslos festnehmen. Die Taktik der Polizei, konsequent und geduldig auf ein unblutiges Ende der Geiselnahme zu setzen, war aufgegangen.

Erst danach wurde bekannt, wer der Mann ist, der einen 40 Jahre alten Bankangestellten einen Albtraum durchleben ließ, einen fast zehnstündigen polizeilichen Großeinsatz auslöste und nebenbei auch noch das Zentrum von Zehlendorf über Stunden komplett lahmgelegt hatte. Thomas D. ist 29 Jahre alt und lebt in Wolfsburg, hält sich aber häufig in Berlin auf. Der Russlanddeutsche soll ehemaliger Bundeswehrsoldat mit Afghanistan-Erfahrung sein.

Lesen Sie auch: Die dramatischen Stunden der Geiselnahme im Ticker-Protokoll

Die noch wichtigere Nachricht kam ebenfalls kurz nach dem Ende des Einsatzes. Die Geisel hat das Geschehen zumindest äußerlich unbeschadet überstanden. Er sei gefasst und stabil, sagte Jochen Sindberg, der Leiter des Polizeieinsatzes, am Sonntag. Der 40-jährige Klaus H. aus Michendorf (Potsdam-Mittelmark), Geschäftskundenberater der Deutschen Bank, war fast zehn Stunden in der Gewalt des Geiselnehmers. Um ihn kümmern sich jetzt psychologisch geschulte Mitarbeiter der Polizei.

Was Geisel und Polizei zuvor nicht wissen konnten: Die Waffe, die der Täter mit sich führte, war eine Schreckschusspistole, und in der Tasche, in der sich angeblich die Bombe befand, fanden die Beamten lediglich drei Kilogramm Mehl.

Die Frage, was den Geiselnehmer zu seiner Tat trieb und warum er sich die Filiale in Zehlendorf aussuchte, ist jetzt Gegenstand der Ermittlungen. Bereits am Sonntag begannen die Vernehmungen des geständigen Täters. Nach ersten Erkenntnissen lag bei dem 29-Jährigen aber wohl das klassische Motiv vor: finanzielle Probleme wegen hoher Schulden. Einsatzleiter Sindberg attestierte dem Geiselnehmer in der Pressekonferenz "ein gewisses Maß an Naivität". Seine Tat war offensichtlich geplant, aber kaum durchdacht. Bekannt wurde, dass Thomas D. bereits am Vortag die Bankfiliale in Zehlendorf aufgesucht hatte, in der Absicht, mit einer Bombendrohung Geld zu erpressen. Als Vorwand gab der 29-Jährige am Donnerstag an, ein Konto eröffnen zu wollen. Da der mit ihm befasste Bankberater einen anderweitigen Termin hatte, wurde D. vertröstet und gebeten, am nächsten Tag wiederzukommen.

Geisel rettet Menschen mit Trick

Thomas D. kam wie vereinbart am nächsten Tag um 15.30 Uhr wieder. Diesmal kümmerte sich Klaus H. um ihn, und diesmal setzte D. sein kriminelles Vorhaben in die Tat um. Ohne große Vorreden forderte er 100.000 Euro und drohte für den Fall der Weigerung, eine in seiner mitgeführten Tasche befindliche Bombe zu zünden. Geistesgegenwärtig erklärte ihm der Bankberater, dies nicht allein entscheiden zu können, und konnte so mit dem Filialleiter telefonieren. Der alarmierte die Polizei und sorgte zugleich dafür, dass alle anderen 20 Mitarbeiter die Bank verlassen konnten. Übrig blieben in der Bankfiliale Thomas D., Bankberater Klaus H. und eine angebliche Bombe. Eine Geiselnahme, die sich neuneinhalb Stunden hinziehen sollte, nahm ihren Anfang.

Für die Polizei begann nach der Alarmierung durch den Filialleiter die erste, in der Regel hektische Phase eines Einsatzes mit Bombendrohung. Überprüfung der Ernsthaftigkeit der Drohung, weiträumige Absperrung des Tatortes, Umleitung des Verkehrs und gegebenenfalls Evakuierungen. "Wird eine solche Drohung als ernsthaft eingestuft, müssen wir immer vom schlimmsten Fall ausgehen", sagte am Sonnabend Bert König vom Lagezentrum der Polizei, der in Zehlendorf die erste Phase des Einsatzes leitete.

Kurz nach Abschluss der polizeilichen Erstmaßnahmen rückten nach und nach 300 Einsatzkräfte, darunter Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) und Rettungskräfte, an. Ganze Straßenzüge waren inzwischen gesperrt, der Verkehr kam vollständig zum Erliegen. Geschäfte und Lokale in unmittelbarer Nähe mussten schließen, einige Anwohner ihre Wohnungen verlassen, Tankstellenbetreiber wurden aufgefordert, ihre Tanks abzusperren, eine Vorsichtsmaßnahme für den Fall einer Bombendetonation. In der Umgebung gingen Scharfschützen in Stellung, Rettungswagen fuhren vor. Und das alles am Freitagnachmittag vor dem letzten Adventswochenende, an dem in der Umgebung des Tatortes Tausende Menschen unterwegs waren.

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Tanja Romberg hat den Großeinsatz hautnah miterlebt. Sie betreibt seit vielen Jahren ein Lokal in dem Gebäude, in dem sich auch die Deutsche-Bank-Filiale befindet. "Ich hatte drei Gäste im Lokal, als plötzlich eine der Bankangestellten den Schankraum betrat und einen älteren Herren bei sich hatte", berichtet die Frau der Berliner Morgenpost am Tag nach dem Zwischenfall. "Ich habe mich um den Mann gekümmert und ihm erst einmal einen Kaffee gemacht. Diese Frau war für mich eine Heldin, weil sie in den ersten Wirren der Geiselnahme nicht einfach allein geflüchtet ist, sondern sich um den alten Herrn gekümmert hat, der im Kassenbereich mit seinem Rollator stand." Leid tue ihr vor allem die Geisel, sagte Tanja Romberg am Sonntag.

Innensenator dankt Einsatzkräften

Während sich am frühen Freitagabend immer mehr Schaulustige an der Absperrung sammelten, begannen im Gebäude die Gespräche zwischen dem Geiselnehmer und den Verhandlungsspezialisten der Polizei. Dabei wurde offenbar schnell klar, dass auch dem Täter die Entwicklung schnell über den Kopf gewachsen war. "Offenbar hat er damit gerechnet, seine Drohung mit der Bombe würde reichen, um schnell mit den geforderten 100.000 Euro wieder zu verschwinden", sagte Sindberg. Obwohl er seine ursprüngliche Forderung zunächst auf 500.000 Euro und dann auf eine Million nebst Bereitstellung eines Fluchtwagens erhöhte, sei den Beamten schnell klar gewesen, dass auch der Täter an einer friedlichen Lösung der Situation interessiert gewesen sei, erklärte Sindberg. Für die Polizei der entscheidende Grund, auf eine gewaltfreie Lösung zu setzen. Gegen 1.15 Uhr ging die Taktik auf. Die Geisel, die nach Angaben von Sindberg "sehr anständig" behandelt wurde, konnte gehen, dann stellte sich der Täter.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zeigte sich am Sonnabend erleichtert über den Ausgang des Dramas, Innensenator Frank Henkel (CDU) dankte den Beamten und bezeichnete den Einsatz als Beleg für eine professionell arbeitende Hauptstadtpolizei.

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