21.12.12

Berliner Nahverkehr

Zugausfälle und Personalnot - Verkehrsverbund rügt S-Bahn

Die Krise bei der Berliner S-Bahn ist noch lange nicht beendet, bilanziert der Verkehrsverbund VBB. Das Unternehmen weist die Kritik zurück.

Von Markus Falkner
Foto: picture alliance / dpa

Kritik: Die S-Bahn-Kunden sind mit der Leistung des Unternehmens immer unzufriedener. Sie geben die Note 2,74, die schlechteste seit 2009
Kritik: Die S-Bahn-Kunden sind mit der Leistung des Unternehmens immer unzufriedener. Sie geben die Note 2,74, die schlechteste seit 2009

Zu viele Ausfälle und Verspätungen, zu wenig Personal und jede Menge unzufriedene Kunden. Kurz vor dem Jahreswechsel hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) der Berliner S-Bahn ein negatives Zeugnis für 2012 ausgestellt. Die Krise bei dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn ist nach Einschätzung des Verkehrsverbundes auch nach dreieinhalb Jahren noch lange nicht beendet. Schlimmer noch: "2012 ist in Bezug auf die Überwindung der S-Bahnkrise leider ein verlorenes Jahr", sagte VBB-Chef Hans-Werner Franz. Die S-Bahn und ihren Mutterkonzern, die Deutsche Bahn, kritisierte Franz scharf: "Versprechungen werden nicht eingehalten, Störungen und Probleme kleingeredet."

Für die S-Bahn ist die Kritik unverständlich. Der größte Teil der in den vergangenen Jahren aufgetretenen Technikprobleme sei pünktlich zum Jahreswechsel gelöst, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner am Donnerstag. Das habe zuletzt auch das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) gewürdigt. Wie berichtet hatte die Aufsichtsbehörde der S-Bahn Berlin GmbH Anfang Dezember vorzeitig eine neue Betriebserlaubnis erteilt und dabei den maximal möglichen Zeitrahmen von 15 Jahren ausgeschöpft.

Der VBB beruft sich in seiner Jahresbilanz für die S-Bahn auf täglich gemeldete Fahrzeugzahlen, die monatliche Pünktlichkeitsanalyse und die halbjährliche Kundenbefragung. In allen drei Punkten habe die S-Bahn regelmäßig die Zielvorgaben verfehlt, kritisierte der Verkehrsverbund. So seien statt der bereits für Ende 2011 versprochenen täglich etwa 500 Doppelwagen fast das gesamte Jahr über deutlich weniger der sogenannten Viertelzüge im Einsatz gewesen.

Die S-Bahn begründet das vor allem damit, dass an großen Teilen der Flotte noch umfangreiche Umrüstarbeiten zu erledigen gewesen seien. Statt im Linieneinsatz zu rollen, standen täglich viele Züge deshalb in den Werkstätten.

Schlechte Pünktlichkeitswerte und Personalengpässe

Die Folgen spürten die Fahrgäste das gesamte Jahr über. Beim Fahrzeugeinsatz verfehlte die S-Bahn laut der VBB-Analyse nicht nur die Vorgaben des geltenden Verkehrsvertrages – vereinbart sind 562 Viertelzüge in der Hauptverkehrszeit – deutlich. Auch für das im jeweils geltenden Notfahrplan vorgesehene Angebot fehlten meist Fahrzeuge. Erst im Herbst konnte die S-Bahn zusätzliche Züge einsetzen und den Verkehr stabilisieren. Doch die Entlastung hielt nicht lange an. Mit dem ersten Wintereinbruch im Dezember fielen reihenweise Züge aus. Die von der S-Bahn für den Fahrplanwechsel am 9. Dezember vorgesehene Wiedereröffnung der seit Juni 2009 eingestellten Linie S85 (Grünau–Waidmannslust) sei daher "völlig unrealistisch" gewesen, schreibt der VBB in seiner Bilanz.

Auch weil Fahrzeuge fehlten, erzielte die Bahntochter 2012 bei der Pünktlichkeit oft Werte, die noch unter jenen des Vorjahres lagen. Im Durchschnitt fuhren von Januar bis November 93,1 Prozent der Züge mit weniger als vier Minuten Verspätung. Im gesamten Jahr 2011 waren es 95,6 Prozent. Im Verkehrsvertrag mit den Ländern Berlin und Brandenburg ist eine Mindest-Pünktlichkeitsquote von 96 Prozent festgeschrieben.

Doch nicht nur die fehlenden Fahrzeuge und große Baustellen im Netz sorgten für die schlechten Werte. Vor allem im ersten Quartal 2012 verursachten Personalengpässe immer wieder Ausfälle und Verspätungen. Hinzu kamen in diesem Jahr zahlreiche Probleme, für die nicht die S-Bahn, sondern eine andere Tochter des Bahnkonzerns, das Infrastrukturunternehmen DB Netz, verantwortlich ist. Schon vor dem Wintereinbruch fielen fast täglich Weichen oder Signale aus. Vor allem diese Störungen ärgern auch den Berliner Fahrgastverband Igeb. "Der Zustand der Infrastruktur von DB Netz ist besorgniserregend", sagte Igeb-Vize Jens Wieseke. Sein Fazit für 2012: "Von einem verlorenen Jahr würde ich nicht sprechen. Vor allem bei den Fahrzeugen ist eine Menge gemacht worden, zu Ende ist die S-Bahnkrise aber sicher noch nicht." Die Fahrgäste quittierten die Leistungen der S-Bahn auf ihre Weise. In der jüngsten Befragung zur Kundenzufriedenheit gaben sie dem Unternehmen mit der Note 2,74 die schlechteste Bewertung seit 2009.

Entschädigung gefordert

Angesichts des immer noch eingeschränkten Verkehrs sowie der Ausfälle und Verspätungen der vergangenen Wochen hatte Stefan Gelbhaar, Verkehrsexperte der Grünen im Abgeordnetenhaus, bereits vor einigen Tagen Entschädigungen für die Fahrgäste gefordert. Denkbar seien etwa Freifahrten an den Weihnachtsfeiertagen. Igeb-Vize-Wieseke geht das nicht weit genug. Er forderte am Donnerstag ebenfalls einen Ausgleich für die krisengeplagten S-Bahn-Kunden. Von besagten Freifahrten würden aber nur Gelegenheitsfahrer profitieren, sagte Wieseke. Stattdessen müsse die S-Bahn sich etwas überlegen, um ihre treuesten Stammkunden, also die Abonnenten und Inhaber von Monats- und Jahreskarten zu entschädigen.

S-Bahnchef Buchner sieht dafür keinen Anlass, wie er auf Anfrage der Berliner Morgenpost sagte. "Es gab in diesem Winter bisher in einer Woche an einigen Tagen ein leicht eingeschränktes Angebot", sagte Buchner. "Mit den Vorjahren war das überhaupt nicht zu vergleichen."

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