20.12.12

Gefährdungsquote

Jeder fünfte Berliner ist von Armut bedroht

Laut einem Bericht ist die Lage in der Hauptstadt besorgniserregend: Im bundesweiten Ranking belegt Berlin demnach den drittletzten Platz.

Von Viktoria Solms
Foto: dapd

Dem Bericht zufolge erreichte die Armutsquote deutschlandweit einen neuen Höchststand in 2011
Dem Bericht zufolge erreichte die Armutsquote deutschlandweit einen neuen Höchststand in 2011

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband sieht eine besorgniserregende Armutsentwicklung in Berlin. Zwischen 2010 und 2011 sei der Anteil der Menschen, die von Armut bedroht sind, so stark gewachsen wie in keinem anderen Bundesland, teilte der Verband am Donnerstag mit.

Jeder fünfte Berliner sei gefährdet, binnen eines Jahres habe die Quote um fast zwei Prozentpunkte auf 21,1 Prozent zugenommen. Im bundesweiten Ranking belegt Berlin damit den drittletzten Platz vor Mecklenburg-Vorpommern(22,2 Prozent) und Bremen(22,3 Prozent). Baden-Württemberg schneidet mit 11,2 Prozent am besten ab.

Im mehrjährigen Vergleich falle die Situation in der Hauptstadt noch dramatischer aus: Zwischen 2006 und 2011 habe die Gefährdungsquote um 24,1 Prozent zugelegt. Neben dem Ruhrgebiet stelle Berlin damit die mit Abstand am meisten besorgniserregende Region Deutschlands dar.

Die Experten verweisen darauf, dass es sich bei den beiden Regionen um die größten Ballungsgebiete Deutschlands handelt, in denen jeder zehnte Bundesbürger wohnt.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte: "Die Ergebnisse des Berichts muss man ernst nehmen und entsprechend darauf reagieren.". "Das größte Armutsrisiko ist die Arbeitslosigkeit. Das betrifft vor allem Alleinerziehende. Deshalb tut Berlin seit Jahren viel für die Kinderbetreuung."

Trotz der Studie dürfe nicht vergessen werden, dass Berlin "wirtschaftlich auf einem sehr guten Weg" sei. "In den vergangenen zwölf Monaten sind rund 40.000 sozialversicherungspflichtige Jobs entstanden." Kein anderes Bundesland weise einen höheren Zuwachs auf. "Wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt" steige aber auch die Gefahr der Schieflagen, sagte Wowereit. "Diesen Verwerfungen müssen wir begegnen." Dazu gehörten bessere berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten ebenso wie die Einführung eines Mindestlohns.

Armutsquote erreicht einen neuen Höchststand

Dem Bericht zufolge erreichte die Armutsquote deutschlandweit einen neuen Höchststand in 2011. Die Gefährdungsquote sei von 14,5 Prozent in 2010 nach oben gegangen auf 15,1 Prozent. Ein positiver Zusammenhang zwischen Armuts- und Wirtschaftsentwicklung ist den Angaben nach nicht zu erkennen: Im Jahresvergleich sei das Bruttoinlandsprodukt zwar um 3,9Prozent gestiegen, die Armut habe aber ebenfalls um 4,1 Prozent zugenommen.

Bundesarbeitsminister Ursula von der Leyen (CDU) hält die Entwicklung der Armut in Deutschland für nicht alarmierend. "Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden. Armut ist in einem reichen Land wie Deutschland relativ", sagte sie.

Anders sieht das Ramona Popp. "Endlich hat auch der Regierende Bürgermeister verstanden, dass arm eben nicht sexy ist. Besonders wichtig: gute Arbeitsplätze statt immer mehr prekärer Beschäftigung", sagte die grüne Fraktionschefin im Berliner Abgeordnetenhaus. Gegen die besorgniserregende Kinderarmut in der Stadt brauche es endlich konkrete Taten.

Den Fokus auf die Bildung legen will Thomas Gleißner, Sprecher der Caritas Berlin. "Bildung ist das beste Mittel um die Vererbung von Armut zu durchbrechen", so Gleißner. In Berlin sei die hohe Armut von Kindern und Jugendlichen besonders schlimm. "Wir brauchen in Berlin daher dringend bessere Betreuungsangebote für kleine Kinder aus armen Familien und ein Schulsystem, in dem die Kinder individuell gefördert werden."

Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit in Berlin

Susanne Kahl-Passoth, Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, denkt vor allem an die Menschen, die lange arbeitslos sind. "Es gelingt in Berlin abseits von statistischen Tricks und Spielereien nur schlecht, die anhaltend hohe Zahl langzeitarbeitsloser Menschen zu reduzieren", kritisiert sie. "In unserer Stadt leben weiterhin viele junge Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden, zudem viele Menschen, die zwar arbeiten, mit ihrer Arbeit aber ihre Existenz nicht sichern können."

Realität sei, dass Arbeitgeber schon bei der Einstellung in eine Niedriglohnbeschäftigung auf die Möglichkeit verweisen, finanzielle Hilfen beim Jobcenter zu beantragen, Kahl-Passoth. "Auch die Lebenshaltungskosten in Berlin steigen – wie das Beispiel Mietsteigerungen deutlich macht. Wenn die Löhne nicht entsprechend steigen, sind Armutslagen vorprogrammiert." Sie fordere deshalb, "die Ausweitung von prekärer Beschäftigung insbesondere für gering qualifizierte Menschen nicht schön zu rechnen, sondern über einen Existenz sichernden Mindestlohn Grenzen nach unten einzuziehen.

Quelle: mit dpa
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Was ist Armut?
  • Minimum

    Als arm gilt im Allgemeinen, wer sich nicht angemessen mit lebensnotwendigen Dingen wie Essen und Kleidung versorgen kann. In der EU spricht man von „relativer Armut“, wenn Menschen über so geringe Mittel verfügen, „dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“.

  • Einkommen

    So gilt ein Privathaushalt als arm, der weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten Nettoeinkommens zur Verfügung hat. 2011 lag die so errechnete Armutsgefährdungsschwelle für Alleinstehende in Deutschland damit bei 848 Euro. Für Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 1781 Euro.

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