20.12.12

Betonteile

Friedrichstraße - Verdacht auf Pfusch beim Bahnhofsumbau

Nachdem ein Brocken von der Decke stürzte, suchen Experten nach weiteren Gefahrenstellen. Das bremst den Verkehr auf unbestimmte Zeit aus.

Von Thomas Fülling
Foto: dpa

Im S-Bahnhof Friedrichstraße sind Teile der Decke im Erdgeschoss abgestürzt

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Der Blumenschmuck steht noch einsam und etwas heruntergekommen an der Westseite der Halle. Doch die vielen Buden, die den Bahnhof Friedrichstraße in der Adventszeit sonst in einen kleinen Weihnachtsmarkt verwandeln, sind längst verschwunden. Stattdessen werden überall in der Einkaufspassage unter den Gleisen Gerüste aus Stahl und Holzplanken aufgebaut. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, wie Bahnsprecher Burkhard Ahlert am Mittwoch versicherte. Klingt allerdings eher wie Pfeifen im Wald. Denn im Moment kann so genau keiner sagen, wie groß die Gefahr eigentlich ist.

Genau vor einer Woche war völlig unvermittelt und ohne jede Vorwarnung ein 25 Kilogramm schwerer Betonbrocken von der Decke heruntergestürzt. Nur durch ein Wunder wurde von dem Brocken keiner der zahlreichen Passanten in der Einkaufspassage verletzt. Erste Untersuchungen ergaben, dass das Betonteil an einer Stelle eingebaut worden war, wo es nicht hingehört. Denn über der Halle sind Gleise montiert, über die täglich tonnenschwere Züge fahren. Vier Gleise für die Fern- und Regionalbahn, zwei für die S-Bahn. Entgegen den Konstruktionsplänen sei Beton auf den Bahnsteigträgern aufgebracht worden. Diese müssten sich aber frei bewegen können, da sonst – etwa bei Temperaturschwankungen – Risse auftreten. Diese wiederum könnten denn dazu führen, dass einzelne Teile sich aus der Decke lösen.

Umbau des ehemaligen Grenzbahnhofes in den 90er-Jahren

Bereits kurz nach dem Zwischenfall kam der Verdacht auf, dass Mitte der 90er-Jahre bei der umfassenden Sanierung und den Umbau des jahrzehntelang vernachlässigten Grenzbahnhofs aus den Zeiten der Berliner Teilung gepfuscht worden sei. Zunächst war nur von einem maroden Bereich unter Gleis 4 die Rede gewesen. Doch offenbar befürchteten die von der Deutschen Bahn beauftragten Gutachter, dass auch an anderen Stellen noch versteckte Gefahren lauern. Anders jedenfalls lässt sich nicht erklären, dass jetzt nicht nur unter Gleis 4, sondern auch unter den benachbarten Gleisen noch Gerüste aufgebaut werden. Die mit Netzen und Holzplanken ausgestatteten Leichtbau-Konstruktionen können bei Bedarf nicht nur weitere herabstürzende Teile auffangen, sie können auch von den Gutachtern zur Untersuchung der darüber liegenden Deckenkonstruktion genutzt werden.

Mindestens bis zum Wochenende soll es dauern, bis alle Gerüste aufgebaut sein werden. Bis dahin hat die Bahn die Geschwindigkeit der Fern- und Regionalzüge, die in den Bahnhof Friedrichstraße einfahren, auf maximal 20 Kilometer pro Stunde begrenzt. Der Verkehr der Berliner S-Bahn sei von dieser Einschränkung aber nicht betroffen, hieß es. Das verordnete Schleichtempo hatte weitreichende Folgen für den gesamten Zugverkehr auf der ohnehin bis zur Kapazitätsgrenze ausgelasteten Stadtbahntrasse. Ähnlich wie bei einer Baustelle auf der Autobahn staut sich der Verkehr kilometerlang zurück. Die Folge sind Verspätungen von bis zu einer halben Stunde im Fern- und Regionalverkehr. Besonders betroffen davon war am Mittwoch die Regionalexpresslinie 1 (Rathenow–Berlin–Frankfurt/O).

Um die Stadtbahntrasse zu entlasten, hat die Deutsche Bahn die Regionalbahnlinien 21 und 22 verkürzt. Die Züge aus Wustermark, Potsdam und Golm fahren bis auf Weiteres statt bis Friedrichstraße nur bis zum Bahnhof Zoologischer Garten. Detaillierte Informationen zu allen Fahrplanänderungen gibt die Bahntochter DB Regio Nordost über ihre Hotline (Tel: 0331-235-6881/6882) sowie im Internet auf der Seite www.bahn.de unter der Rubrik "Ist mein Zug pünktlich". Die zusätzlichen Einschränkungen am Bahnhof Friedrichstraße sowie auf der gesamten Stadtbahn dürfte die diesjährige Qualitätsbilanz für den Regionalbahnverkehr nochmals verschlechtern. Bereits jetzt sind nach einer aktuellen Analyse des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) die Werte bei der Pünktlichkeit und die Zuverlässigkeit der Züge so schlecht wie lange nicht. Laut VBB fuhren nur 83,6 Prozent aller Regionalzüge im Monat November pünktlich. Erfasst werden dabei nur Verspätungen von fünf und mehr Minuten.

Viele Verspätungen im November

Der Novemberwert ist dabei der zweitschlechteste im ganzen Jahr, lediglich im Juli hatten noch mehr Züge Verspätung. Im Jahresvergleich waren die Züge dabei noch unpünktlicher als im Vorjahr (Pünktlichkeit 2011: 85,7 Prozent – bis November 2012: 85,4 Prozent). Besonders betroffen von Verspätungen sind die Regionalexpress-Linien RE2 (Wismar-Berlin–Cottbus), RE3 (Stralsund/Schwedt–Berlin–Elsterwerda), RE5 (Rostock/Stralsund–Berlin–Wittenberg) und RE10 (Cottbus–Leipzig). Der VBB macht erneut Mängel in der Bahn-Infrastruktur als eine der wesentlichen Ursache für die vielen Verspätungen aus. "Der zuständige Infrastrukturbetreiber, die DB Netz AG, muss endlich wieder mehr Wert auf exakte Baufahrpläne legen, damit durch schludrig gerechnete Baufahrpläne keine Verspätungen mehr durchs Netz geschleppt werden", forderte Verbundgeschäftsführer Hans-Werner Franz: "Insgesamt können wir mit der Pünktlichkeit im Regionalverkehr nicht zufrieden sein, hier muss dringend nachgebessert werden – auch im Fernverkehr, der mit seinen Verspätungen die Regionalzüge ausbremst", sagte Franz.

Durch die Umsetzung eines neuen Fahrplankonzeptes südlich von Berlin konnte zwar die Pünktlichkeit der Regionalexpresslinie RE3 spürbar verbessert werden, dennoch gab es im Herbst aufgrund von Bahnsteigmängeln im Bahnhof Zossen und der baubedingten Eingleisigkeit zwischen Wünsdorf und Baruth wieder zunehmend Verspätungen.

Auch die Pünktlichkeit des RE5 ist laut VBB seit Mitte des Jahres durch mehrere Ursachen negativ beeinflusst. Neben der Baustelle auf der Bahnstrecke Berlin–Rostock habe vor allem die kurzfristige Umleitung von Fernverkehrszügen aufgrund der mängelbedingten Streckensperrung zwischen Halle (Saale) und Bitterfeld die Pünktlichkeit der RE5 im südlichen Abschnitt massiv beeinträchtigt.

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