17.12.12

Bus geklaut

Praktikant rammt bei Spritztour zwei Autos und eine Ampel

Ein 16-Jähriger fährt mit einem Linienbus vom Betriebshof und wird erst nach drei Unfällen in Lichtenberg gestoppt. Er ist BVG-Praktikant.

Von Markus Falkner, Peter Oldenburger und Steffen Pletl
Foto: ABIX

Hoher Sachschaden: Nach der Sicherstellung weist der gestohlene Bus erhebliche Unfallschäden au
Hoher Sachschaden: Nach der Sicherstellung weist der gestohlene Bus erhebliche Unfallschäden auf

Die nächtliche Spritztour eines 16-Jährigen mit einem gestohlenen Linienbus der Berliner Verkehrsbetriebe endete auf der Rhinstraße in Marzahn. Eine Funkstreife des Polizeiabschnitts 61 stoppte am Sonntag gegen 23.15 Uhr das erheblich beschädigte Fahrzeug in Höhe der Einmündung Pyramidenring. Glücklicherweise wurde bei den Karambolagen des Mercedes-Eindeckers mit zwei Autos und einem Ampelmast niemand verletzt. Der angerichtete Sachschaden wird Kevin A. wohl länger beschäftigen, als die kaum halbstündige Busfahrt. Die Polizei schätzt allein den am Bus entstandenen Schaden auf einen fünfstelligen Euro-Betrag.

Der Bus mit der Fahrzeugnummer 1670 war nach ersten Erkenntnissen der Polizei gegen 22.50 Uhr vom BVG-Betriebshof an der Indira-Gandhi-Straße gerollt. Offenbar war der 16-Jährige – auf welche Art ist unbekannt – in den Besitz eines Zweitschlüssels gelangt. Denn der Originalschlüssel für den Bus wurde am Montagmorgen im Depot gefunden. Und kurzgeschlossen war das Fahrzeug nach BVG-Angaben auch nicht.

Mehrere Kilometer von Alt-Hohenschönhausen bis nach Lichtenberg blieb die illegale Spazierfahrt des Jugendlichen erst einmal unfallfrei. Doch in der Plauener Straße kollidierte der Bus mit einem geparkten Nissan. Über welche Straßen der 16-Jährige dorthin gelangte, müssen die polizeilichen Ermittlungen noch klären. Wenige Hundert Meter hinter der ersten Unfallstelle krachte es erneut. Der 16-Jährige rammte mit dem Linienbus auf dem Arendsweg Höhe Sollstedter Straße einen stehenden VW.

Von diesen Missgeschicken offensichtlich wenig beeindruckt setzte Kevin die Fahrt fort und bog vom Arendsweg nach links in die Landsberger Allee ein. Offenbar hatte der Jugendliche den Radius des lang gestreckten Fahrzeuges unterschätzt und prallte mit dem linken Teil der Busfront gegen eine Ampel. Die Frontscheibe, Karosserie und die Stoßstange wiesen inzwischen heftige Unfallspuren auf. Dennoch gab Kevin A. aus Neu-Hohenschönhausen weiter Gas. Kurz darauf stoppten alarmierte Polizisten in der Rhinstraße das Fahrzeug, holten den Jugendlichen aus dem Bus und nahmen ihn fest. Nach der Aufnahme seiner Personalien und einer ersten Befragung durch die Polizei wurde der 16-Jährige an seine Eltern übergeben.

Zutritt zum Depot war keine Hürde

Dass Kevin A. auf den eigentlich verschlossenen Betriebshof gelangen und sich dort unbehelligt bewegen konnte, dafür gibt es eine simple Erklärung. Der , wie Sprecher Klaus Wazlak bestätigte. Er habe daher einen Zugangs-Ausweis für das Gelände besessen. Als Vorbereitung auf die von der Arbeitsagentur geförderte Ausbildung zur "Fachkraft im Fahrbetrieb" habe er sich mit den Abläufen auf dem Betriebshof vertraut machen können. "Genau das ist ja das Ziel des Praktikums", sagte Wazlak. Allerdings nicht das Fahren eines Busses.

Offen blieb zunächst, wie sich der 16-Jährige einen Zündschlüssel für seine Spritztour beschaffen konnte. Der Bus sei am Vorabend gegen 22.30 Uhr ordnungsgemäß auf dem Betriebshof abgestellt worden. Wie üblich habe der Fahrer Schlüssel und Papiere bei einem Betriebshof-Mitarbeiter, dem sogenannten Rangierer, abgeliefert, sagte Wazlak. Nach BVG-Angaben lassen sich mit einem Zündschlüssel in der Regel mehrere Busse starten.

Als der Bus kurz vor 23 Uhr vom Hof rollte, schöpfte offenbar auch der Pförtner keinen Verdacht und öffnete die Schranke. Die Mitarbeiter seien wohl einfach davon ausgegangenen, dass der Bus auf Linie ginge, vermutete der BVG-Sprecher.

Dass der Mercedes-Eindecker anschließend – von der Leitstelle unbemerkt – durch Berlin fahren konnte, ist nach BVG-Angaben nicht ungewöhnlich. Die Busse haben zwar ein GPS-Gerät, das es den Mitarbeitern in der Leitstelle ermöglicht, alle Fahrzeuge in der Stadt genau zu verfolgen. Die sogenannte On-Board-Unit, über die unter anderem auch die Haltestellen-Ansagen, der Ticketverkauf und der Funkverkehr abgewickelt werden, muss aber vom Fahrer eingeschaltet werden. "Ich bezweifle, dass der Junge das getan hat", sagte Wazlak.

Auch die im Bus installierte Videokamera habe die Tat nicht verhindern können. Anders als bei Kameras auf U-Bahnhöfen werden die Bilder aus den Bussen zwar aufgezeichnet, aber nicht in Echtzeit in die Sicherheits-Leitstelle übertragen. Eine nachträgliche Auswertung etwaiger Videoaufnahmen sei aber in diesem Fall wenig hilfreich. "Wir wissen ja schließlich ganz genau, wer da gefahren ist", sagte Wazlak.

Über die Motive des 16-Jährigen kann man bei der BVG hingegen nur mutmaßen. "Wir wissen aber, dass unsere Fahrzeuge und unsere Technik auf einige Leute eine große Faszination ausüben. Das sehen wir bei jedem Tag der offenen Tür", sagte der Unternehmenssprecher. Die Tat sei aber umso unverständlicher, weil der Junge mit der Ausbildung zur "Fachkraft im Fahrbetrieb" ja offenbar eine Berufskarriere bei den Verkehrsbetrieben anstrebte.

Keinen Zweifel ließ der Sprecher daran, dass die Verkehrsbetriebe statt eines Jobangebots nun versuchen werden, den Jugendlichen oder seine Eltern für den Schaden haftbar zu machen. "Das war ein sehr teures Praktikum", so Wazlak.

Wie hoch der Sachschaden genau ist, konnte die BVG noch nicht sagen. Bus 1670 ist nach der nächtlichen Unfall-Tour durch den Berliner Osten zumindest zunächst nicht mehr fahrbereit und musste in die Werkstatt abgeschleppt werden. Neupreis eines vergleichbaren Fahrzeugs: etwa 250.000 Euro.

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