15.12.12

Veruntreuung

Wie sich ein Mitarbeiter im Bundestag selbst bediente

Oberamtsmeister Klaus B. hat seinen Job in der Poststelle hemmungslos ausgenutzt und 780.000 Euro veruntreut. Jetzt steht er vor Gericht.

Von Michael Mielke
Foto: dapd

Angeklagt: Klaus B. (links) und Tino L. (rechts) zu Prozessbeginn im Moabiter Kriminalgericht
Angeklagt: Klaus B. (links) und Tino L. (rechts) zu Prozessbeginn im Moabiter Kriminalgericht

Klaus B. galt als "König der Poststelle" im Bundestag. Der Oberamtsmeister habe in seinem Bereich über alles Bescheid gewusst, heißt es in der Behörde. Und er habe bereitwillig alle Aufgaben übernommen.

Doch das Motiv dafür war nicht nur Fleiß. Klaus B. hat sein Amt skrupellos ausgenutzt und sich seit dem Jahr 2002 vermutlich mehr als eine Million Euro aus dem Budget der Poststelle angeeignet. Ein Teil der Taten ist verjährt. Aber rund 780.000 Euro stehen noch zu Buche. Jetzt muss sich der 43-Jährige vor einer Moabiter Strafkammer wegen Untreue im besonders schweren Fall verantworten.

Klaus B. gesteht diese Veruntreuungen gleich zu Beginn des Prozesses. Das ist wenig verwunderlich. Sie können ihm ohnehin auf Cent und Euro nachgewiesen werden. Die Schuld indes sieht Klaus B. – so deutet er es an – zumindest teilweise auch bei den Vorgesetzten. Sie hätten nicht kontrolliert, sagt er, seien nicht sachkundig gewesen und im Grunde auch nicht interessiert. So hätte er seinem direkten Vorsitzenden auf Formularen immer nur die Stelle zeigen müssen, wo dieser unterschreiben sollte, das habe dieser angeblich auch ohne Prüfung getan.

Begonnen mit den Unterschlagungen hatte Klaus B. im Jahr 2002. Es bedurfte dafür keines genialen Plans, sondern eher einer gehörigen Portion Frechheit: Er schickte unter seinem eigenen Namen per Nachnahme Pakete – gefüllt mit leeren Flaschen oder Knüllpapier – und gab als Empfänger für die Nachnahmegebühren ebenfalls seinen eigenen Namen an. Die Gebühren, die er als Mitarbeiter der Poststelle erstattete, lagen in der Regel bei 2000 bis 3000 Euro – und wurden auf seinem eigenen Konto verbucht. "Es war so einfach", sagte er, "die wollten es offenbar nicht merken." Selbst bei einer Kassenprüfung durch den Bundesrechnungshof seien die Überweisungen auf sein eigenes Konto nicht aufgefallen.

Komplize von der Post

Ein Mitarbeiter der Post, der zur Poststelle des Bundestages regelmäßig Briefe und Pakete brachte, sitzt wegen Beihilfe zu besonders schwerer Untreue ebenfalls auf der Anklagebank. Der 44-jährige Tino L. war wegen des ständig gleichen Empfängernamens und der vergleichsweise hohen Nachnahmegebühren stutzig geworden. Er hatte den Oberamtsmeister dann auch sehr direkt angesprochen: Ob das in der Behörde nicht auffallen würde, ob das keiner kontrolliere. Worauf ihm Klaus B. geantwortet haben soll, dass es überhaupt kein Problem sei. Er verfüge in der Poststelle jährlich über ein Budget von 800.000 bis zu einer Million Euro. Da seien diese kleinen Summen "doch nur ein Trinkgeld". Das habe ihn überzeugt, sagt der Postmitarbeiter. "Ich habe mir gedacht, wenn so viel Geld übrig ist und keiner was merkt, kann ich ja auch was von dem Kuchen abbekommen."

Fortan arbeiteten die beiden Hand in Hand. Tino L. konnte das betrügerische Verfahren sogar noch ein wenig straffen. Sie sparten sich die Pakete und benutzten einfach Blanko-Formulare, in denen Tino L. die zuvor abgesprochenen Summen eintrug. Die Beute teilten sie sich. Das funktionierte auch, als der Oberamtsmeister fast das ganze Jahr 2011 krankgeschrieben und der Poststelle fern geblieben war.

1200 Euro für Privattrainer

Klaus B. sagt vor Gericht, dass er zuweilen "Skrupel und Angst" gehabt und manchmal auch "schlecht geschlafen" habe. "Mit war klar, dass ich meinen Job als Beamter verliere, wenn ich goldene Löffel klaue", sagt er. Aber er habe nicht daran gedacht, deswegen eines Tages vor einem Strafgericht sitzen zu müssen.

Von seinem Anteil an der Beute, die Staatsanwaltschaft geht von mindestens 400.000 Euro aus, will Klaus B. nichts übrig haben. Er habe als Fotoamateur "viel Geld für mein Hobby ausgegeben", sagt er. Für zwei Foto-Workshops auf Lanzarote und Mallorca und Ausgaben für Models und für eine Visagistin. Zudem will er einem Privattrainer monatlich angeblich 1200 Euro gezahlt haben.

300.000 Euro auf der Bank

Die Richter sind skeptisch, ob dafür wirklich das ganze Geld ausgegeben wurde. Klaus B. bleibt dabei. Anders ist es bei seinem Komplizen. Tino L. sagt unumwunden, dass er das betrügerisch erworbene Geld "eigentlich gar nicht gebraucht" habe. "Ich verdiente 2300 Euro netto, war nicht spielsüchtig." Einen Teil der Beute investierte er für die Finanzierung eines Reihenhauses. Das meiste Geld – knapp 300.000 Euro – verteilte er auf drei Bankkonten. Dort lag es auch noch und konnte zurückgegeben werden, als die beiden im Februar dieses Jahres festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht wurden. Eine Referatsleiterin hatte etwas bemerkt und eine Tiefenprüfung eingeleitet.

Klaus B. saß vier Monate in Untersuchungshaft, ist jetzt vom Dienst suspendiert und erhält nur noch die Hälfte seiner Bezüge – immerhin noch 1100 Euro.

Komplizen haften gesamtschuldnerisch

Auch Tino L. kam zunächst in Untersuchungshaft. Er hatte nach seiner Festnahme alles zugegeben und auch die Rolle von Klaus B. beschrieben, der anfangs nicht sehr aussagewillig gewesen sein soll. Den Job bei der Post hat Tino L. verloren. Er arbeitet jetzt bei einem Versandhandel, für monatlich 600 Euro. Von seinem Reihenhäuschen, das er mit Ehefrau und Kind bewohnt, wird er sich wohl trennen müssen. Dennoch steht er auch weiterhin vor einem riesigen Berg Schulden. Denn er und Klaus B. haften als ehemalige Komplizen gesamtschuldnerisch für den Schaden. Und beim Oberamtsmeister ist von der Beute angeblich ja nichts geblieben.

Der Prozess wird mit Zeugenaussagen fortgesetzt.

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