15.12.12

Bröckelbeton

Bahn installiert Schutzgerüste am Bahnhof Friedrichstraße

Möglicherweise könnten durch Baufehler weitere Deckenteile im Berliner Bahnhof Friedrichstraße herabstürzen. Die Bahn prüft die Schadstellen.

Von Markus Falkner
Foto: Glanze

Steinschlag: Gerüste sollen verhindern, dass weitere sich lösende Betonteile die Menschen im Berliner Bahnhof Friedrichstraße gefährden
Steinschlag: Gerüste sollen verhindern, dass weitere sich lösende Betonteile die Menschen im Berliner Bahnhof Friedrichstraße gefährden

Im Berliner Bahnhof Friedrichstraße scheppert Metall. Gerüstbauer tragen Stangen und Bretter durch die belebte Passage unterhalb der Gleise. Fast 70 Meter zieht sich rot-weißes Flatterband entlang der Schaufenster. Reisende blicken besorgt nach oben – zu der mit weißen Rigips-Platten abgehängten Decke, durch die am Donnerstag ein 25 Kilogramm schweres Betonteil gekracht war.

"Ständig fragen Touristen, was denn hier passiert sei", sagt eine Verkäuferin in der Passage. Dann zeigt sie dorthin, wo eine Frau tags zuvor nur knapp von dem 40 mal 40 Zentimeter großen Brocken verfehlt worden war. Über der Unfallstelle klafft ein Loch in der Decke, wenig weiter ein zweites. Schaulustige bleiben an der Absperrung stehen, diskutieren darüber, wie sicher der Bahnhof denn nun eigentlich sei. Mitarbeiter der Bahntochter DB Sicherheit sorgen – wenn nötig im harschen Ton – dafür, dass niemand die gesperrte Zone im Erdgeschoss betritt.

Statik nicht gefährdet

Einen Tag nach dem "Steinschlag" im Bahnhof konnte die Deutsche Bahn am Freitag die wohl wichtigste Aussage des Vortages bestätigen. Die Statik der gesamten Anlage sei definitiv nicht gefährdet, betonte ein Sprecher. Nach ersten Erkenntnissen könnten aber weitere Auflagepunkte betroffen sein. In den kommenden Wochen will die Bahn daher die gesamte Konstruktion am Gleis 4 schrittweise auf mögliche weitere Schadstellen untersuchen lassen, wie der Sprecher bestätigte. Dass weitere Betonteile herunterfallen könnten, will das Unternehmen vorerst nicht ausschließen. Auf der gesamten Länge unter dem betroffenen Gleis werden daher vorsorglich Gerüste errichtet. Ob auch Deckenbereiche unter anderen Gleisen betroffen sein könnten, ließ der Sprecher offen.

Nach einer Begutachtung durch eigene Experten schloss sich das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) am Freitag der Einschätzung der S-Bahner an. Auch in einer anderen Frage gab das EBA der Bahn recht. "Die von der Bahn geäußerte Einschätzung, dass es sich bei der Ursache des Unfalls um Bauausführungsmängel gehandelt habe, wird von unserer Behörde geteilt", sagte ein Sprecher. "Die Ermittlungen zu den genauen Ursachen sind aber noch nicht abgeschlossen."

"Nicht plangerecht gearbeitet"

Nach ersten Erkenntnissen war das Betonteil dort abgebrochen, wo die Bahnsteigplatte auf dem u-förmigen Gleistrog aufliegt. Wegen des großen Gewichts war das Trümmerstück durch die Rigips-Platten bis in die Bahnhofspassage geknallt. Nur durch Glück war niemand verletzt worden. Durchschnittlich 190.000 Menschen nutzen die Station täglich – wegen des Touristenansturms in der Adventszeit derzeit wohl deutlich mehr. Offen blieb am Freitag, wer für den Schaden verantwortlich ist. Nach Planskizzen des Bahnhofs hätte dort, wo der Brocken abbrach, gar kein Beton sein dürfen, sagte ein Bahnsprecher. Die Bahnsteigplatte liege auf dem Gleistrog wie auf einem Brückenlager. Bei Temperaturschwankungen oder beim Bremsen und Beschleunigen der Züge müsse die Konstruktion Spiel haben. Durch den Betonauftrag sei das verhindert worden. "Da wurde nicht plangerecht gearbeitet", sagte der Sprecher. Offen ließ er, ob der Baufehler bei der 115 Millionen Euro teuren Sanierung des Bahnhofs in den Jahren 1995 bis 1999 oder möglicherweise schon früher passiert sei.

Während der Aufbauarbeiten für die Schutzgerüste blieb das Gleis 4 auch am Freitag noch bis in den Nachmittag gesperrt. Betroffen waren vor allem die Fahrgäste der Regionallinien RB21 und RB22. Weil auf der dicht befahrenen Stadtbahntrasse am Bahnhof Friedrichstraße ein Gleis fehlte, endeten die Züge bereits am Bahnhof Zoologischer Garten und fuhren von dort zurück nach Potsdam. Gegen 15 Uhr waren die Sicherungsmaßnahmen im Bahnhof so weit abgeschlossen, dass erste Züge wieder fahren konnten, zunächst aber nur im Schleichtempo. Um 15.37 Uhr wurde das Gleis wieder ohne Tempolimit freigegeben. Die RB21 und RB22 sollen am Montag wieder planmäßig fahren. Der S-Bahn-Verkehr war von den Sperrungen nicht betroffen.

Winterwetter mach S-Bahn zu schaffen

Dafür machte das anhaltende Winterwetter dem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn auch am Freitag zu schaffen. Am Morgen waren zwar mit 475 Doppelwagen elf mehr als am Vortag im Einsatz, zu Verspätungen und einzelnen Ausfällen kam es aber im gesamten Netz. Vor allem die noch zu DDR-Zeiten entwickelte Baureihe 485, wegen der ehemals roten Lackierung "Coladosen" genannt, fiel auch am Freitag reihenweise aus. "Die Biester machen uns zu schaffen", sagte ein S-Bahn-Sprecher. Zeitweise hätten von den etwa 70 – teilweise erst in den vergangenen Jahren reaktivierten – "Coladosen" bis zu 50 wegen Schäden in den Werkstätten gestanden. Ursachen seien vor allem Tür- und Antriebsstörungen gewesen. Als Folge musste die S-Bahn auch am Freitag Züge anderer Baureihen aus dem Rest des Netzes abziehen. Die Linien S75 (Wartenberg–Westkreuz) und S5 (Strausberg Nord–Spandau) fuhren daher bis zum Abend auf einigen Abschnitten nur mit ausgedünnten Takten. Die Linie S45 (Flughafen Schönefeld–Südkreuz) wurde wegen des Fahrzeugmangels komplett eingestellt. Am Morgen hatten bereits eine Signalstörung am Alexanderplatz und ein Polizeieinsatz in Zehlendorf für Ausfälle und Verspätungen gesorgt.

Fahrgäste kritisierten zudem fehlende oder falsche Informationen. Das mit Millionenaufwand installierte System mit modernen LCD-Anzeigen versagte demnach auf mehreren Streckenabschnitten. Teilweise seien komplett falsche Liniennummern und Abfahrtzeiten angezeigt worden, berichteten S-Bahn-Nutzer.

Sonderschichten in Werkstätten

Am Wochenende müssen die Fahrgäste mit weiteren Einschränkungen rechnen. Grund sind Bauarbeiten. In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag fahren von 22 bis 1.30 Uhr auf der Linie S8 keine Züge zwischen Blankenburg und Birkenwerder. Als Ersatz setzt die S-Bahn Busse ein. Ebenfalls gebaut wird auf der Linie S7 in der Nacht zu Montag zwischen 22 und 1.30 Uhr. Betroffen ist der Abschnitt zwischen Westkreuz und Wannsee. Dort müssen Fahrgäste die Regionalzüge der Linien RE1 und RE7 nutzen.

Über das Wochenende will die S-Bahn aber beim Fahrzeugeinsatz für Entlastung sorgen. So sind Sonderschichten in den Werkstätten geplant. Ziel sei es, spätestens Mitte kommender Woche deutlich mehr Züge zur Verfügung zu haben.

Probleme mit dem Winterwetter hatte am Freitag auch die BVG. In Prenzlauer Berg entgleiste gegen 11 Uhr eine Straßenbahn der Linie 50, weil Räumfahrzeuge Eis und harten Pappschnee in die Gleise geschoben hatten. BVG-Sprecherin Petra Reetz schilderte den Vorfall undramatisch: "Meist merken die Fahrgäste bei der Straßenbahn nicht einmal, wenn so etwas passiert", sagte sie. Bis die Tram wieder auf ihr Gleis gestellt wurde, blieben die Linien 50 und M13 aber unterbrochen.

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