14.12.12

Jobs

Tausende Berliner bangen um ihre Arbeitsplätze

Laut Statistik wächst die Zahl der Jobs in Berlin. Doch kurz vor Weihnachten häufen sich die Krisenmeldungen der Traditionsbetriebe.

Von Hans Evert
Foto: REUTERS

Ein Siemens-Mitarbeiter an einer Gasturbine: In keinem Bundesland wächst die Beschäftigung schneller. Gleichzeitig sind Tausende Beschäftigte Berliner Traditionsunternehmen in Sorge
Ein Siemens-Mitarbeiter an einer Gasturbine: In keinem Bundesland wächst die Beschäftigung schneller. Gleichzeitig sind Tausende Beschäftigte Berliner Traditionsunternehmen in Sorge

Der Deutsche Wetterdienst hat den Wortschatz mit einer schönen Neuschöpfung bereichert. Seit Jahren wird neben der exakten Thermometerangabe auch die "gefühlte Temperatur" ermittelt. Überträgt man dieses Konzept auf den Berliner Arbeitsmarkt am Jahresende, ergibt sich folgendes Bild: Statistisch gesehen Hochsommer, gefühlt eher regnerisch-windiger Herbst. In keinem Bundesland wächst die Beschäftigung schneller. Gleichzeitig sind Tausende Beschäftigte Berliner Traditionsunternehmen in Sorge.

Um 2,4 Prozent wuchs die Zahl der Erwerbstätigen im dritten Quartal des Jahres im Vergleich zu 2011, wie das Berliner Amt für Statistik berichtet. Das sind im Jahresvergleich 40.000 Stellen mehr. Im Bundesdurchschnitt wuchs die Beschäftigtenzahl nur um 0,9 Prozent. "Die guten Beschäftigtenzahlen unterstreichen die positive Entwicklung am Wirtschaftstandort Berlin", berichtete Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Das ist der Kommentar zur offiziellen Statistik, gewissermaßen zur exakt gemessenen Temperatur in Celsius.

Die gefühlte Temperatur jenseits offiziell-erfreulicher Zahlen sieht dagegen so aus: Allein in fünf großen Berliner Unternehmen mit insgesamt rund 27.000 Beschäftigten kursieren Pläne für Stellenabbau und Verlagerung. Das drückt auf die Stimmung der Mitarbeiter etwa bei Air Berlin, Landesbank Berlin (LBB) oder Nokia Siemens Networks (NSN). Sie verfolge die "Meldungen über Umstrukturierungen an verschiedenen Standorten in Berlin mit Sorge" und appelliere an Unternehmen, Potenziale von Mitarbeiter zu erkennen, äußerte Yzer. Die Berliner Morgenpost zeigt, wie der Stand bei Berlins Sorgenkindern ist.

Berliner Bank: Seitdem das Haus offiziell nur noch eine Niederlassung der Deutschen Bank ist, arbeiten dort rund 650 Beschäftigte. Die Zahl der 55 Filialen soll verringert, Stellen gestrichen werden. Wie viel, dazu schweigt die Bank. Derzeit gibt es in der Zentrale an der Hardenbergstraße regelrechte Verhandlungsmarathons zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat. Möglicherweise einigen sich beide Seiten noch vor Weihnachten.

Air Berlin: Dort hat die Gewerkschaft Ver.di gerade große Erfolge beim Anwerben neuer Mitglieder. Die mehr als 2000 Berliner Mitarbeiter von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft befürchten, dass noch in diesem Jahr verkündet werden wird, wie viele Beschäftigte gehen müssen. Vorstandschef Hartmut Mehdorn hat dem hoch verschuldeten Unternehmen ein Sparprogramm verordnet. "Turbine 2013" sieht unter anderem vor, dass die Zahl der Flugzeuge auf 138 sinken soll. Daraus lässt sich ableiten, dass wohl mindestens 500 Vollzeitarbeitsplätze gefährdet sind. Mitarbeiter berichten von Verunsicherung. Viele Gerüchte machen bei Air Berlin die Runde. Genaues weiß außerhalb des Vorstands niemand. Unter Anleitung von Ver.di machen sich die Beschäftigten derzeit daran, in den verschiedenen Tochtergesellschaften Betriebsräte zu wählen. Der erste soll an diesem Freitag gebildet werden, wenn das Wahlergebnis der 350 Service-Mitarbeiter vorliegt.

Nokia Siemens Networks: 1200 Mitarbeiter hat das Unternehmen in Spandau. Insgesamt 800 davon bekommen einen neuen Arbeitgeber. Das deutsch-finnische Gemeinschaftsunternehmen veräußert gerade Sparten und Abteilungen wie im Rausch. Je 400 aus der Produktion (Optical Networks) und der Software-Entwicklung (BBS) sind betroffen. Die IG Metall fürchtet, dass das im schlimmsten Fall Arbeitsplatzabbau bedeutet. Es laufen Verhandlungen mit dem Ziel, Tarifstandards zu Gehalt und Arbeitszeit zu erhalten. 160 NSN-Beschäftigte verlieren ihren Job. Unter dem Strich bleiben nur rund 200 weiterhin bei NSN angestellt.

Siemens: Auch der Industrieriese aus München will sparen. In Deutschland könnten laut IG Metall 5100 Stellen wegfallen. Offizielle Zahlen vom Unternehmen gibt es zwar nicht. Doch dürfte Berlin nicht verschont werden. Schließlich hat Siemens hier seinen größten Produktionsstandort überhaupt. In Spandau und Moabit arbeiten rund 12.000 Beschäftigte. Immerhin: Betriebsbedingte Kündigungen sind per Vereinbarung ausgeschlossen.

Landesbank Berlin: Aus der LBB wird die Berliner Sparkasse, so wollen es die Eigentümer, ein Verbund deutscher Sparkassen. Das Kapitalmarktgeschäft geht an die Dekabank, das betrifft mindestens 350 der rund 6000 Mitarbeiter. Die Berlin Hyp wird aus der LBB herausgelöst und wie viel Mitarbeiter die Berliner Sparkasse dann noch haben wird, ist völlig offen. Immerhin einigten sich am Donnerstag Betriebsrat und Vorstand darauf, betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2013 auszuschließen. Allerdings dürfte sich der Umbauprozess bei der LBB noch eine ganze Weile hinziehen.

Bayer: 300 Mitarbeiter sollen Berlin Richtung Wuppertal und Leverkusen verlassen. Sie meisten arbeiten für die Pharmazeutische Entwicklung. Die Entscheidung hatte im September alle rund 5000 Berliner Bayer-Beschäftigten in der Hauptstadt beunruhigt. Immerhin machte der Konzern vor kurzem in einer Betriebsvereinbarung einige Zugeständnisse zur Beruhigung seiner Berliner Mitarbeiter. So soll Berlin Sitz von Bayer Pharma bleiben. Zudem verpflichtet sich das Leverkusener Unternehmen, in den nächsten Jahren 125 Millionen Euro am Standort zu investieren. Auf den Wegfall der 300 Stellen in Wedding beharrt der Konzern aber.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote