14.12.12

Rechtsextremismus

Berliner Behörden nehmen Ku-Klux-Klan ins Visier

In Berlin leitet ein Reinickendorfer den rechtsradikalen Klan. Der 59-Jährige wurde bereits wegen Volksverhetzung und Bedrohung verurteilt.

Von Hans H. Nibbrig
Foto: picture alliance / dpa

Vorbild USA: Ähnliche Treffen wie in den Vereinigten Staaten gibt es inzwischen auch in Ostdeutschland
Vorbild USA: Ähnliche Treffen wie in den Vereinigten Staaten gibt es inzwischen auch in Ostdeutschland

Sie nennen sich "European White Knights of the burning Cross" (Europäische weiße Ritter vom brennenden Kreuz). Ihr Chef, der Reinickendorfer Peter B. schmückt sich mit dem imposanten Titel "Ehrenwerter Reverend Imperial Wizzard Erzbischof Dr. h.c.". Der 59-Jährige leitet von Berlin aus einen von mehreren deutschen Ablegern des Ku-Klux-Klan.

Die Vorliebe seiner Anhänger, ähnlich wie ihre amerikanischen Vorbilder nachts auf einsamen Waldlichtungen mit weißen Kapuzen herumzulaufen und Kreuze in Brand zu setzen, veranlasste die deutschen Sicherheitsbehörden jahrelang, in den sonderbaren Grüppchen eher rechte Spinner denn eine ernste Gefahr zu sehen. Das hat sich inzwischen allerdings geändert.

Vor Monaten schon bekamen die Behörden Hinweise auf mögliche Verbindungen zwischen den "Klan-Anhängern und rechtsradikalen Gruppen wie der Terror-Gruppe NSU. Gleichzeitig liefen Ermittlungen gegen mehrere Polizeibeamte in Baden-Württemberg, die in ihrer Freizeit als Klan-Mitglieder aktiv waren. Und am Donnerstag wurde durch einen Bericht der "Bild"-Zeitung bekannt, dass einer dieser Beamten, der beim Eintritt in den Ku-Klux-Klan versichern musste, keine jüdischen Vorfahren zu haben, ausgerechnet zum Schutz des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bei dessen Berlin-Besuch eingesetzt war.

Langjährige Ermittlungen im Klan-Milieu

Ermittlungen gegen den Beamten hatten vor Jahren bereits ergeben, dass der heute 31-Jährige nach sechs Monaten wieder aus der Klan-Gruppe austrat. Er kam mit einer Verwarnung davon und versieht seinen Dienst heute bei einer Bereitschaftspolizeiabteilung im schwäbischen Böblingen. Seine Einheit war in der vergangenen Woche zum Netanjahu-Besuch in Berlin abkommandiert und sicherte das Hotel Interconti, in dem die israelische Delegation untergebracht war.

Im Stuttgarter Innenministerium hieß es am Donnerstag lediglich, der Beamte habe sich seit der Affäre um seine Mitgliedschaft im Ku-Klux-Klan nichts mehr zuschulden kommen lassen und verrichte ganz normal seinen Dienst. Ein Berliner Polizeiführer wird in einem Bericht der "Bild"-Zeitung allerdings mit der Bemerkung zitiert, ein Einsatz ausgerechnet beim Besuch des israelischen Ministerpräsidenten sei "taktlos und unsensibel". Die Kritik erscheint angesichts dessen, was über der in den Klan-Ablegern verbreiteten Gesinnung bekannt ist, durchaus verständlich.

Ein Antisemitismus, der sich teilweise in unflätigen Hetztiraden äußert, ist nur eines der typischen Merkmale der "Weißen Ritter" um Peter B. Ihre vornehmlich im Internet verbreitete Hetze richtet sich nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Muslime, Schwarze, Asiaten, Homosexuelle, Behinderte – ein Sammelsurium unsäglicher Hasstiraden gegen jeden, der nicht "weiß und christlich" ist.

Reinickendorfer zu Geldstrafe verurteilt

Vor einem Jahr wurde der "Ehrenwerte Reverend" B. vom Amtsgericht Tiergarten nach einem sich über Monate hinschleppenden Prozess zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt. Es ging um Volksverhetzung und Bedrohung. Der Richter sprach während des Prozesses von "widerlichen Bildern und Schriftsätzen", die in der Verhandlung als Beweise vorgelegt wurden. "Wir sind nicht das Land der Juden, Nigger, Moslems und Faschisten", hieß es dort unter anderem.

Und der Kommentar zum Foto eines Schwarzen mit von Krankheit entstellten Gesicht lautete: "Das Gesicht der Syphilis". In der Urteilsbegründung des Gerichts hieß es unmissverständlich, B. verbreite "blanken Rassismus". Obwohl das Gericht feststellte, dass B. Betreiber und Verantwortlicher der Internetseite war, über die die Hetze erfolgte, sieht sich der Reinickendorfer als Opfer einer Verschwörung. Ins Gericht brachte er nicht nur einen Anwalt, sondern auch einen Bodyguard mit. "Die Jagd auf mich als Bischof und auf Christen insgesamt hat wieder begonnen", begründete B. den Auftritt

Richter nach B.'s Verurteilung beschimpft

Nach seiner Verurteilung ging die Hetze im Internet erst richtig los. Der Richter wurde in schlimmster NS-Diktion als "Judensau" beschimpft. B. selbst schrieb an seine Gefolgsleute: "Glaubt mir, irgendwann werden nicht nur Plakate an den Laternen hängen." Bedroht werden allerdings nicht nur alle, die nicht weiß und christlich sind, bedroht werden auch die eigenen Anhänger, wenn sie sich aus der abgeschotteten Gruppe der "weißen Ritter" lösen wollen. "Seit meinem Austritt lebe ich in permanenter Angst", bekannte ein ehemaliger Gefolgsmann des Reinickendorfers vor Gericht. Bedroht und beschimpft werden auch Journalisten, die ihn zu seinen Aktivitäten befragen wollen. Seine Doppelhaushälfte in einem ruhigen Wohngebiet verlässt der kräftig gebaute 59-Jährige nur mit seinem Hund. Wenn er nicht pöbelt, schweigt er.

Vor fünf Jahren hat B. den Berliner Ableger des Ku-Klux-Klan gegründet, mit voller Billigung der Mutterorganisation in den USA. Öffentliche Auftritte der Gruppe sind eher selten. Die wenigen Bilder von sonderbar anmutenden Versammlungen der Mitglieder mit ihren weißen Kapuzen und brennenden Fackeln zeigen, warum die Behörden das Treiben der Gruppen lange eher als belustigend denn als bedrohlich empfanden. Inzwischen allerdings nimmt man die Gruppe durchaus ernst. Denn die Sicherheitsbehörden haben Erkenntnisse, dass die Klan-Ableger sich in Berlin und anderen deutschen Städten vermehrt um Nachwuchs bemühen. Zudem gibt es offenbar Verbindungen zu rechtsradikalen Gruppen, vor allem gewaltbereiten Neonazis. Kontakte soll es unter anderem zu ehemaligen Mitgliedern der vor Jahren in Berlin verbotenen Blood & Honour"-Bewegung geben, ebenfalls eine rassistische Gruppe mit Ursprung in den USA.

Der Berliner Verfassungsschutz ist bereits vor fünf Jahren auf die damals gerade gegründete Gruppe um B. aufmerksam geworden. Über die Struktur der Gruppe habe man derzeit keine Erkenntnisse, hieß es auf Anfrage der Berliner Morgenpost in der Senatsinnenverwaltung. Die Verfassungsschutzbehörden anderer Bundesländer wie Hessen oder Nordrhein-Westfalen haben erst begonnen, die Klan-Ableger ins Visier zu nehmen. "Wir wissen noch nicht viel, aber es wird Zeit, dass wir etwas erfahren", so ein Verfassungsschützer

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote