14.12.12

Zwischenzeugnis

Frau Freitag merkt, dass früher alles anders war

Unsere Kolumnistin Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag im Klassenzimmer.

Foto: BM

Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost
Frau Freitag schreibt wöchentlich für die Berliner Morgenpost

"Willst du so eine zu deinem Kaffee?", fragt der Freund und hält mir die Zehnerpackung Milchschnitte unter die Nase. Am Sonnabend hatte ich mir die gewünscht, und er hatte sie mir doch tatsächlich mitgebracht. Früher hieß die ja Kindermilchschnitte und wurde von mir oft und gerne gegessen. Heute, nachdem man in ihr homöopathische Mengen Alkohol entdeckt hat, darf sie nur noch Milchschnitte heißen.

Egal, wie sie heißt, es kommt darauf an, wie man die Milchschnitte isst. Zunächst muss man die langweiligen braunen Platten aufessen, damit man an die weiße Creme kommt. Das Braune schmeckt gar nicht gut, umso mehr freut man sich dann über den tollen Geschmack von dem Weißen. Meine Freundin Silke fragte mich mal, als sie mich bei diesem Prozedere beobachtete: "Magst du das Weiße nicht?" Was war das für eine bescheuerte Frage? "Natürlich mag ich das Weiße! Ich mag NUR das Weiße. Aber das Braune muss erst mal weg. Es gibt niemanden, der nur das Braune mag. Es gibt auch niemanden, der nur das Eiweiß vom Spiegelei mag. Trotzdem essen die meisten Menschen das Eigelb zum Schluss."

"Jaaaa, gib mal her!", sage ich und grabsche in die Packung, in der die zehn Milchschnitten ordentlich nebeneinander aufgereiht sind. Ich versuche sie zu öffnen. Früher gab es immer so ein rotes Band, an dem man ziehen musste und dann öffnete sich die Verpackung ganz ordentlich. Ich finde kein Band und zerquetsche die Milchschnitte deshalb beim Öffnen schon ein wenig.

Und dann der Schock: Was ist das? Die ist ja voll klein? Was soll das denn? Okay, ich bin bestimmt jetzt auch größer als ein Kind, aber ich bin mir ganz sicher, dass die Milchschnitten, als sie noch Kindermilchschnitten hießen, viel größer waren. Das ist mir doch neulich schon mal passiert. Ich stehe auf dem U-Bahnhof vor dem Kiosk, und da lacht mich ein Nuts an. Ich kaufe es mir. Und genau wie bei der Milchschnitte – gleicher Preis wie früher – aber viel kleiner. Das scheint jetzt wohl gängige Praxis zu sein: Nicht den Preis erhöhen, sondern einfach weniger Produkt in die Packung tun.

Die Schüler werden auch immer kleiner

Ist das vielleicht bei den Schülern auch so? Ich habe schon seit einigen Jahren das Gefühl, dass die immer kleiner werden. Und wenn ich versuche sie zu unterrichten, dann muss ich feststellen, dass in denen immer weniger drin ist. Früher kamen die noch in die siebten Klassen und wussten, was unregelmäßige Verben sind. Heute wollen sie mir erzählen, dass sie noch nie von der Existenz des Simple Pasts gehört hätten. Die geringere Körpergröße der Schüler könnte darin begründet sein, dass sie immer früher eingeschult werden und teilweise schon mit elf Jahren in die Oberschule kommen. Aber das mit den Verben kann ich mir nicht erklären.

Auch die Allgemeinbildung verändert sich. Neulich fragt mich Amir aus der Siebten: "Frau Freitag, kennen sie diese eine Straße in London?" Ich denke nach und kontere erst mal mit einer Gegenfrage: "Welche meinst du?"

"Also meine Tante wohnt bei diese eine Straße. Da wo die vier Männer rübergehen." Mittlerweile sind auch seine Mitschüler an dieser Straße interessiert. Aufgeregt erzählt uns Amir: "Meine Tante hat mich da fotografiert, und sie sagt, damit kannst du zu Hause angeben. Wegen die vier Männer."

"Welche vier Männer?", fragt Taifun "diese blauen?"

Ich denke: Krass… Diese vier Männer, die in London über die Straße gehen, sind den Schülern heute total unbekannt. Leise summe ich vor mich hin: "Yesterday... all my troubles seemed so far away..."

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