14.12.12

Verlag

Die Suhrkamp-Krise - Eine Seifenoper von der Pappelallee

Der Streit um den Traditionsverlag ist eine Tragödie ohne Helden: Wie sich das geistige Zentrum der alten Bundesrepublik selbst zerlegt.

Foto: picture alliance / dpa

Das Suhrkamp-Verlagsgebäude in der Pappelallee in Prenzlauer Berg
Das Suhrkamp-Verlagsgebäude in der Pappelallee in Prenzlauer Berg

Suhrkamp soll, Suhrkamp muss gerettet werden. Darüber wenigstens scheinen sich alle einig zu sein: Die Kommentatoren und Kritiker, ob Sie nun mehr aufseiten der amtierenden, freilich gerade per Gerichtsurteil abberufenen Geschäftsführung oder aufseiten des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach stehen. Die Autoren, die sich für ihr Haus und überwiegend auch für ihre Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz in die Bresche werfen wie Albert Ostermaier, Peter Handke oder Hans Magnus Enzensberger. Die Beteiligten selbst natürlich auch. Suhrkamps Anwalt Peter Raue etwa, der glaubt, vor Gericht die "Verlagskultur" gegen den Zerstörungswillen Barlachs zu verteidigen. Barlach wiederum erklärte in der "FAZ", er wolle, dass Suhrkamp "zukunftsfähig" sei und die "Struktur" des Hauses beibehalten werden könne.

Doch welches Suhrkamp ist hier gemeint! Das Suhrkamp der Vergangenheit? Das geistige Zentrum der alten Bundesrepublik, die Theorienschmiede der Studentenbewegung, die verlegerische Heimat von Hesse, Brecht, Frisch, Walser oder Peter Weiss? Jener Verlag, den der große Literaturwissenschaftler George Steiner bereits vor fast vierzig Jahren als "Suhrkamp Culture" bezeichnet hat? Dieses Suhrkamp des 2002 verstorbenen Siegfried Unselds ist längst Geschichte.

Mit wenigen Ausnahmen wie Enzensberger oder Jürgen Habermas sind die prägenden Autoren der 60er- und 70er-Jahre tot oder haben längst den Verlag gewechselt. Unselds Witwe und De-facto-Erbin Ulla Unseld-Berkéwicz hat bei all ihrer Beschwörung von Tradition und Kontinuität selbst den Bruch mit der Vergangenheit vollzogen. Durch die Trennung von langjährigen Mitarbeitern. Vor allem aber durch den hochsymbolischen Verkauf des Verlagsarchivs nach Marbach und den Umzug des eng mit Frankfurt verbundenen Hauses nach Berlin.

Man muss das nicht bedauern: Noch zu Unselds Lebzeiten hatten sich die Koordinaten der geistigen Szene des Landes wie auch der Buchbranche verschoben. Suhrkamp gehört heute wirklich besser ins pulsierende Berlin als in das ins Provinzielle abgerutschte Frankfurt am Main. Es gibt ein Suhrkamp der Gegenwart, und das ist fraglos sehr spannend: Von den sechs Romanen auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises waren allein drei aus dem Hause Suhrkamp (Clemens J. Setz, Stephan Thome, Ulf Erdmann Ziegler), da war das wichtigste deutsche Buch des Herbstes, Rainald Goetz' "Johann Holtrop", noch nicht mal dabei. Suhrkamp – das ist heute mehr ein Thriller von Don Winslow als Handkes "Don Juan".

Suhrkamp ist – heute – einer der wichtigsten Literatur- und Sachbuchverlage und auch ein lebendiges Zentrum des Berliner intellektuellen Lebens, nicht nur in der Luxusvilla in Nikolassee, die jetzt vor Gericht zum Stein des Anstoßes geworden ist. Von dieser Seite her muss hier nichts "gerettet" oder umgekrempelt werden.

Seit Jahren rote Zahlen

Wären da nicht eben die Machtkämpfe, die den Verlag von jeher begleiten. Gerade wird mit dem erbitterten Rechtsstreit zwischen Geschäftsführerin Ulla Unseld-Berkéwicz und Minderheitsgesellschafter Hans Barlach ein neuer Akt in der suhrkampschen Seifenoper aufgeführt. Anfang der Woche hatte ein Gericht Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin abberufen. Barlach hatte geklagt, weil Unseld-Berkéwicz über eine Gesellschaft, die sie selbst mitgegründet hatte, Räume ihrer Villa an den Verlag für Empfänge vermietet hatte. Suhrkamp hat Berufung gegen die Entscheidung angekündigt. Schon in mehreren Verfahren hatte Barlach versucht, die Verlegerin und die anderen Geschäftsführer wegzudrängen.

Im Streit zwischen Barlachs Medienholding Winterthur und der Mehrheitsgesellschafterin Siegfried-und-Ulla-Unseld-Familienstiftung geht es um das Suhrkamp der Zukunft. Über die aktuelle ökonomische Situation des Verlags kann man zwar nur spekulieren. Hans Barlach darf keine Zahlen nennen, will er nicht des Verrats von Geschäftsgeheimnissen beschuldigt werden. "Aber glauben Sie mir: Ich mache mir große Sorgen", wird er zitiert. Bereits Unseld-Sohn Joachim hatte seine Anteile am Verlag 2009 unter anderem deswegen verkauft, weil er nicht mehr bereit war, als Minderheitsgesellschafter Verluste auszugleichen, auf deren Zustandekommen er kaum Einfluss hatte.

Aus den veröffentlichten Bilanzen geht jedenfalls hervor, dass der Verlag seit Jahren rote Zahlen schreibt, Tendenz steigend – eine Ausnahme war das Jahr 2010, weil das Archiv und das Frankfurter Westend-Grundstück verkauft wurden, was damals zusammen auf einen Schlag ungefähr sechseinhalb Millionen in die Kasse spülte. Doch selbst 2008, als man mit Uwe Tellkamps "Der Turm" den letzten wirklichen Megabestseller hatte, machte der Verlag am Ende Minus. Und da ging es der Buchbranche insgesamt noch wesentlich besser als heute. Auch hat sich der Verlag durch den Berlin-Umzug keineswegs gesundgeschrumpft; heute hat er wieder genauso viel Personal wie zuletzt in Frankfurt. Dem Programm kommt es natürlich zugute, doch eine schlechtwetterfeste Kostenstruktur wird das kaum sein.

Möglich, dass Suhrkamp mit einem Verleger-Novizen wie Barlach vom Regen in die Traufe käme. Dass man aber bereits im Regen steht, ist auch von außen offensichtlich. Spricht man mit Branchenkennern oder auch früheren Mitarbeitern, so schätzen die die jährlichen Verluste auf über eine Million Euro, und das, obwohl der Verlag 55 Prozent seiner Umsätze immer noch mit der Backlist macht. Mit anderen Worten: Die Neuerscheinungen müssen sich überwiegend lausig verkaufen.

Kaufmännischer Sachverstand traditionell unterrepräsentiert

Dieses Problem haben auch andere bedeutende Verlage. Der Unterschied ist nur, dass bei Suhrkamp der kaufmännische Sachverstand fast traditionell unterrepräsentiert ist. Rainer Weiss beispielsweise, der als Geschäftsführer 2006 entnervt die Brocken hinwarf, gibt heute offen zu, dass er die Verlegerei so richtig erst danach, mit der Gründung seines eigenen Kleinverlags Weissbooks, gelernt habe.

Dann gibt es auch noch andere Baustellen, buchstäblich sogar: Suhrkamp hat in Berlin bisher noch immer kein dauerhaftes Verlagsdomizil; es ist auch keines in Aussicht. Der jetzige Standort in der Pappelallee war stets nur als Provisorium gedacht; ein repräsentatives Haus wurde aber bisher nicht gefunden. Und auch hier müsste übrigens Hans Barlach erst einmal seine Zustimmung geben.

Man kann es zum Inbegriff der Verlagskultur erklären, dass bei Suhrkamp der Geist und nicht das Geld regiert. Wenn aber mit dem wunderbaren Programm eines Tages Schluss sein sollte, weil der Laden pleite ist, wird das Geschrei groß sein. Sehr viel Geld soll beispielsweise jährlich allein mit dem "Verlag der Weltreligionen" verbrannt werden, einem persönlichen Prestigeprojekt von Ulla Berkéwicz. Leute, die Einblick haben, glauben, dass der Verlag seinen jetzigen Kurs noch maximal drei, vier Jahre durchhalten kann.

Doch wie dem auch sei; der Status quo wird allen Anzeichen nach sowieso nicht mehr lange währen. Im Prozess am Frankfurter Landgericht wird im Februar über die Gesellschafterstruktur entschieden. Beide haben sich gegenseitig auf Ausschluss verklagt; Barlach hat zusätzlich die Auflösung der Gesellschaft beantragt und jetzt noch mal bekräftigt, dass er wirklich bis zum Äußersten gehen würde, um seinen Einfluss durchzusetzen. Zugleich hat er Kompromissbereitschaft für den Fall signalisiert, dass Ulla Berkéwicz ihren Ausschlussantrag zurückzieht. Dann müsste man sich freilich über eine neue Geschäftsführung einigen – was nach der bisherigen Geschichte und dem bekannten Temperament der beiden Protagonisten undenkbar ist.

Tafelsilber für die Konkurrenz

Kommt es also doch nicht noch zu einer Einigung im Frankfurter Prozess, dann folgt nach einer letztinstanzlichen Entscheidung mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Auflösung der Gesellschaft; ein alleiniger Ausschluss des Gesellschafters Barlach ist nach Lage der Dinge nicht zu erwarten. Es gibt da Präzedenzfälle, die vor dem Bundesgerichtshof entschieden wurden. In einer Liquidationsgesellschaft würde der Verlag so ähnlich wie eine Insolvenzmasse behandelt: Arbeitsverhältnisse würden aufgelöst, Rechte, etwa am Namen Suhrkamp, verkauft, Lager geräumt, Schulden bezahlt.

Beim Tafelsilber könnte sich dann die Konkurrenz munter bedienen. In irgendeiner Form würde Suhrkamp dann wohl fortbestehen. Unwiederbringlich verloren ginge aber wohl die über Jahrzehnte gewachsene Struktur, das in der Institution geronnene Wissen. Man könnte es angemessen pathetisch den Geist des Verlags nennen, der eine gute Zeit lang mit dem Weltgeist praktisch identisch war.

Das kann keiner wollen. Auch ein Hans Barlach nicht, der in seinem Angriff auf Ulla Berkéwicz' Position vielleicht aus purer Eitelkeit und Starrsinn, sicher aber auch aus ökonomischem Kalkül weiter geht als seine Vorgänger. Die einzige Möglichkeit, das Äußerste zu verhindern, wäre ein starker Vermittler: ein neuer, erfahrener Geschäftsführer mit verlegerischer Autorität, der beide Parteien irgendwie unter einen Hut bekommt.

In jedem Fall scheinen die Tage gezählt, da Ulla Unseld-Berkéwicz den Verlag wie eine Nachfolgerin des Patriarchen Unseld allein führte. Sie wird ihre Macht teilen müssen, wenn sie sie nicht ganz verlieren und damit das Lebenswerk ihres Mannes aufs Spiel setzen will.

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Suhrkamps Geschichte
  • Gründung

    Streit und Machtkämpfe prägen die Geschichte Suhrkamps. Entstanden ist der Verlag 1950, nachdem Peter Suhrkamp sich als Lektor des S.-Fischer-Verlags mit Verleger Gottfried Bermann Fischer überworfen hatte. Kurz darauf gründet der Bauernsohn und studierte Germanist in Frankfurt am Main den nach ihm benannten Verlag.

  • Nachfolger

    1952 tritt Siegfried Unseld in den Verlag ein. Nach dem Tod Suhrkamps wird er alleiniger Verleger.

  • Verteilung

    Nach dem Tod des mächtigen Firmenpatriarchen im Jahr 2002 übernimmt seine fast 25 Jahre jüngere zweite Frau Ulla Unseld-Berkéwicz das Regiment. Heute hält die Verlagschefin über die Familienstiftung 61 Prozent an Suhrkamp, der Rest gehört dem Hamburger Medienunternehmer Hans Barlach. Nach einer jahrelangen Dauerfehde mit Berkéwicz hatte der schon vom Vater entmachtete Unseld-Sohn Joachim seinen Anteil an sie und Barlach abgegeben.

  • Umzug

    Im Januar 2010, dem Jahr des 60.Jubiläums, zieht der Verlag nach Berlin.

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