12.12.12

Museums-Flieger

Ein Flugzeug für das Tempelhofer Feld

Auf dem Berliner Flughafengelände restaurieren Ehrenamtliche ein Flugzeug. Die Maschine vom Typ Iljuschin stammt noch aus der Vorwende-Zeit.

Von Annette Kuhn
Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Traum vom Museum: Die Iljuschin-Restauratoren Tasso Krewel, Hagen Goerz, Ingrid Andriessen-Beck, Klaus Schäfer und Klaus Czepluch (v.l.)
Traum vom Museum: Die Iljuschin-Restauratoren Tasso Krewel, Hagen Goerz, Ingrid Andriessen-Beck, Klaus Schäfer und Klaus Czepluch (v.l.)

Können wir hier irgendetwas machen? Mit dieser Frage standen die ehemaligen Interflug-Ingenieure Hagen Goerz und Klaus Czepluch eines Tages vor Tasso Krewel, Hobby-Pilot und Mitarbeiter beim Technik-Museum. Und Krewel hatte eine Idee. Im Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof stand eine alte Iljuschin Il-14, die könne man für das Technik-Museum wieder herrichten.

Goerz, Czepluch und bald noch andere ehemalige Luftfahrt-Mitarbeiter und Piloten überlegten nicht lange. Das war genau das, was sie wollten und was Leben in ihr Rentnerdasein bringen würde. Seit 2006 nun treffen sich einmal wöchentlich etwa 20 Ehrenamtliche und arbeiten daran, dass aus der alten Maschine wieder ein intaktes Flugzeug wird. Noch mindestens zwei Jahre werden sie damit beschäftigt sein.

Als die Männer die Iljuschin IL-14 das erste Mal begutachteten, waren sie erschrocken. "Das war mehr Restmüll als Flugzeug", erinnert sich der 74-jährige Klaus Czepluch. Nach ihrer Ausmusterung in den 80er-Jahren stand die Maschine erst auf dem Militär-Flugplatz Eilenburg bei Leipzig, nach der Wende war sie dem Vandalismus preisgegeben. Fensterscheiben wurden zerschlagen, Geräte herausgerissen, Einzelteile entwendet.

Was übriggeblieben war, vermachte die Treuhand dem Deutschen Technik-Museum. Das ließ die Iljuschin in transportfähige Einzelteile zerlegen und nach Berlin überführen. Dort verstaubten sie erst einmal und warteten auf Goerz, Czepluch, Krewel und die anderen Männer.

Know-how von der Interflug

Pardon, eine Frau ist dabei: Ingrid Beck. Wie sie hatten die meisten Ehrenamtlichen des Iljuschin-Projekts vorher beruflich mit Flugzeugen zu tun gehabt. Viele waren bis zur Auflösung der Airline 1991 bei der Interflug beschäftigt, manche hatten sogar schon früher einmal an dieser Maschine herumgeschraubt. Das Know-how für die Restaurierung war also da, und die Motivation ohnehin. Also legten die Ehrenamtlichen los. Erst arbeiteten sie im Hangar 4.

Als der jedoch nach der Stilllegung des Flughafens für die Modemesse Bread & Butter gebraucht wurde, mussten sie in eine alte Kfz-Werkstatt auf dem Areal umziehen, an die eigens für die Iljuschin ein Anbau errichtet wurde.

Nun wird seit 2009 in fünf Werkstätten und der großen Halle vermessen, geschraubt, geschleift und gemalt. Dabei geht es fast zu wie im normalen Arbeitsleben. Aber eben nur fast. Gearbeitet wird nur dienstags, und vor 9 Uhr passiert meist nichts. Dafür dauert der Arbeitstag oft bis zum späten Abend. Gern wird dann noch ein bisschen gefeiert – wie als Beweis steht ein frisch gebackener Kuchen auf dem Tisch im Aufenthaltsraum.

Nach sechs Jahren kennt man sich gut, der eine bringt einen Kürbis oder Gurken aus dem Garten mit, der andere zeigt seine Urlaubsfotos herum. Das Arbeiten ist hier keine Pflicht, sondern vor allem Freude. "Und ich tue ein bisschen was während meines Rentnerdaseins", sagt Klaus Czepluch bescheiden.

Die größte Herausforderung für die freiwillige Truppe ist es, fehlende Teile und Geräte zu beschaffen. 80 Prozent waren zwar noch vorhanden, erklärt Hagen Goerz, wenn auch in schlechtem Zustand. Aber die fehlenden 20 Prozent bereiteten den Hobby-Restauratoren Kopfzerbrechen. "Da wird man erfinderisch", sagt Klaus Czepluch und zeigt auf die Bedienhebel im Cockpit der Iljuschin. Die meisten Knöpfe auf den Hebeln wurden gestohlen, originale Ersatzteile waren nicht zu beschaffen. "Da haben wir eben selbst welche aus Billardkugeln gemacht."

Ein paar Originalteile haben die Ehrenamtlichen auf Trödelmärkten erstanden, anderes bei Sammlern im Tauschgeschäft erworben. Manche Dinge wurden ihnen auch geschenkt. Nachdem in Eilenburg ein Artikel über das Iljuschin-Projekt in der Zeitung stand, wurde manches Zubehör aus den Kellern geholt. "So kam zum Beispiel eine Gerätetafel mit Instrumenten zurück", sagt der 70-jährige Goerz.

Die Kosten für Material und Zubehör übernimmt das Technikmuseum, bislang hat es 23.500 Euro gezahlt. Ansonsten lässt das Museum die unbezahlten Helfer völlig eigenständig arbeiten. Schließlich weiß sonst kaum jemand Bescheid, wie Flugzeuge vor dem Computerzeitalter gebaut wurden. Für die Restaurierung haben sie die Maschine erst einmal auseinander genommen. Zunächst wurden drei Schichten Farbe und die Textilbeschichtung entfernt. Dabei machten sie einen erstaunlichen Fund: Zwischen dem Metall und dem Stoff war Zeitungspapier ausgelegt und auf einer Ausgabe aus dem Jahr 1955 konnte Goerz noch die Schlagzeile lesen: "Adenauer in die Enge getrieben". Es war das "Neue Deutschland". Und es war die Zeit des Kalten Kriegs.

Standort ist noch unklar

Nach ihrer Fertigstellung 1958 diente die Iljuschin erst als Transportmaschine, später wurden Kameras in den Boden eingebaut und sie wurde bis zu ihrer Ausmusterung für Erkundungsflüge eingesetzt. Was aus ihr wird und wo sie einmal ausgestellt werden soll, ist noch unklar. "Wir könnten sie jetzt zusammensetzen", erklärt Goerz, "aber dann wäre sie nicht mehr transportfähig." Immerhin ist das Flugzeug 31 Meter breit und 21 Meter lang. Einen Hallenplatz hätten die Monteure schon gern. "Draußen leidet sie ja zu sehr", sagt Czepluch. Und dann hat er ja schon beim Rosinenbomber gesehen, was auf dem Gelände geschieht, wenn Modemesse ist: "Da stehen die Mädchen mit ihren Stöckelschuhen auf den Tragflächen und hinterlassen überall Dellen". Nein, so ein Schicksal soll ihrer Iljuschin erspart bleiben. Die Ehrenamtlichen träumen von einem Luftfahrtmuseum auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhof: "Wo, wenn nicht hier, wäre der richtige Ort dafür?"

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