08.12.12

Tod bei Sado-Maso

Warum Michael S. nur 39 Monate in Haft muss

Der Marienfelder hatte seinen Partner beim Sado-Maso-Sex getötet und dessen Kopf gekocht. Das Moabiter Gericht sah jedoch auch Entlastendes.

Von Michael Mielke
Foto: dapd

Verurteilt: Michael S. (M.) wurde zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt
Verurteilt: Michael S. (M.) wurde zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt

Im Prozess um einen Todesfall beim Sado-Maso-Sex hat ein Moabiter Schwurgericht den Angeklagten wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Damit blieb die Kammer weit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die von einem Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebes ausging und eine lebenslängliche Freiheitsstrafe forderte.

Der 44-jährige Michael S. hatte angegeben, den 37-jährigen Carsten Sr. am 5. Januar dieses Jahres gegen 20 Uhr in seiner Wohnung an der Marienfelder Markgrafenstraße bei einvernehmlichem sadomasochistischem Sex quasi versehentlich getötet zu haben. Er habe den Bankangestellten aus dem Stadtteil Kreuzberg verabredungsgemäß mit Armen und Beinen an ein Bettgestell gefesselt und ihm Mund und Nase mit Paketband verklebt. Als er den Sexgespielen von den Fesseln wieder befreien wollte, habe Carsten Sr. jedoch plötzlich leblos dagelegen. Er sprach von einem tragischen Unfall.

Richter sieht keinen Tötungsvorsatz

Als Carsten Sr. plötzlich leblos da lag, hatte Michael S. den Sexgespielen nach eigenen Angaben zunächst vergeblich zu reanimieren versucht. Später hatte er den Leichnam zur Badewanne geschleppt, dort ausbluten lassen, die Leiche zerlegt und den Kopf gekocht. Der Richter sagte, dass dieses Verhalten für Außenstehende schwer vorstellbar, letztlich aber nicht strafbar sei. Der Angeklagte habe den Toten nicht verunglimpfen, sondern die Leiche lediglich beseitigen wollen.

Richter Peter Faust sagte bei der Urteilsbegründung, dass es nach Meinung der Kammer vonseiten des Angeklagten eindeutig keinen Tötungsvorsatz gegeben habe. Ohne Tötungsvorsatz komme aber keine Verurteilung wegen Totschlages oder gar Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes infrage.

Angeklagter soll sich an die Spielregeln gehalten haben

Michael S. und Carsten Sr. hätten den Sado-Maso-Sex zuvor schon mehrfach praktiziert, ohne dass etwas passiert sei, sagte Faust. Auch mit anderen Männern habe der Angeklagte ähnliche Sexpraktiken angewandt. Sie hätten vor Gericht ausgesagt, dass sich der Angeklagte konsequent an die Spielregeln gehalten und bei dem verabredeten Signal sofort aufgehört habe. In keinem Fall habe es eine Grenzüberschreitung gegeben.

Berücksichtigt werden müsse bei diesem Fall auch, so der Richter, dass es von dem späteren Opfer eindeutig eine Einwilligung zu diesen Quälereien respektive einer Körperverletzung gegeben habe. Diese Einwilligung sei der aktuellen Rechtsprechung zufolge jedoch nicht gültig und müsse als "sittenwidrig" gewertet werden, da dem Angeklagten objektiv bekannt gewesen sei, wie riskant diese Sexpraktiken sind. "Zwischen dem sexuell erfüllenden Drosseln der Luftzufuhr und einer Bewusstlosigkeit liegen in der Regel nur 20 Sekunden", sagte der Richter. In dieser kurzen Zeit müsse die Atemwegsverlegung wieder rückgängig gemacht werden. Es handele sich um "ein hochgefährliches Spiel, das in diesem Fall auf tragische Weise schief gegangen" sei.

Gericht erkennt "keine sinnlose Aggression"

Das Gericht wertete die Körperverletzung mit Todesfolge jedoch als minder schweren Fall. Grundmuster des Tatbestandes der Körperverletzung sei eine tödlich endende Schlägerei. Das sei in dem hier verhandelten Fall jedoch anders, so der Schwurgerichtsvorsitzende. Es habe "keine sinnlose Aggression" gegeben, sondern "ein trautes, im gegenseitigen Einverständnis handelndes Paar".

Carsten Sr. habe sich den Angeklagten, obwohl er einen anderen Lebenspartner hatte und diesen sogar heiraten wollte, ganz bewusst als Sexualpartner gewählt. "Er war mit dieser Behandlung einverstanden. Er hat sie wieder und wieder gesucht. Er konnte offenkundig gar nicht genug davon bekommen." Berücksichtigt habe das Gericht auch die Einschätzung eines psychiatrischen Gutachters, der nicht ausschließen konnte, dass der Angeklagte zur Tatzeit wegen seines exzessiven Drogenkonsums vermindert steuerungsfähig gewesen sei, sagte der Richter. Zudem sei Michael S. vor dieser Tat strafrechtlich noch nie in Erscheinung getreten.

Brief nicht berücksichtigt

Nicht eingegangen wurde in der Urteilsbegründung auf einen Brief des Angeklagten, den er nach dem Tod von Carsten Sr. an einen Freund geschrieben hatte. Er habe schon vieles falsch gemacht, heißt es da. "Das Schlimmste ist, ich habe einen Typen auf sein Verlangen hin ermordet. Wir hatten es schon lange geplant."

Die Verteidigung war zufrieden mit dem Urteil. Er gehe davon aus, dass sein Mandant in den offenen Vollzug komme, sagte Anwalt Friedhelm Enners. Bis zur Rechtskraft des Urteils bleibt Michael S. jedoch zunächst in der Justizvollzugsanstalt Moabit in Untersuchungshaft.

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