08.12.12

Schneeräumung

Falsches Fegen macht Berlins Bürgersteige glatt

Der Wintereinbruch hat vielen Hauptstädtern eine unfreiwillige Rutschpartie beschert. Schuld daran soll auch falsches Schneeräumen sein.

Von Sabine G, lach, Brigitte Schmiemann
Foto: dpa

Problem: Wenn die Bürsten an den Räumfahrzeugen nicht richtig eingestellt sind, kann ein Bürgersteig glatt werden
Problem: Wenn die Bürsten an den Räumfahrzeugen nicht richtig eingestellt sind, kann ein Bürgersteig glatt werden

Die Schlitten stehen bereit. Endlich Winter. Vor allem Kinder freuen sich über den ersten Schnee in Berlin. Doch der Wintereinbruch bereitet längst nicht allen Freude. Viele Hauptstädter hat es bereits eiskalt erwischt: Das Vorwärtskommen auf Straßen und Gehwegen wird zuweilen zur unfreiwilligen Rutschpartie mit schweren Folgen. Dabei beklagen immer mehr Berliner Glätte auf den Gehwegen, die bereits mit kleinen Schneeräumern privater Winterdienste befahren wurden. Demzufolge auch von Schnee und Eis befreit sein sollten. Doch offenbar wird oft falsch geräumt.

"Anders lässt sich das nicht erklären", sagt auch Horst Steffen. Der Geschäftsführer des "Winterdienstes BEST" in Wilmersdorf betont, dass die Fahrzeuge zeitnah nach dem Schneefall und ordnungsgemäß eingesetzt werden müssen. "Wenn der Schnee zu lange liegt, bekommen Sie ihn mit der Bürste nicht mehr weg, sondern fahren ihn eher noch fest", so Steffen. Besonders wichtig sei auch die richtige Einstellung der Bürste, damit sie den Schnee wegräume. "Wichtig ist auch, dass die Bürste in gutem Zustand und sauber ist", sagt der Experte. Die 1,30 bis 1,50 Meter breiten und je nach Zusatz bis zu 6 oder 7 Meter langen Räumfahrzeuge bringen es je nach Modell auf ein bis mehrere Tonnen Gewicht. So sind sie vorne mit Kunststoff- oder Metallbürsten und hinten mit einem Streuer ausgestattet, aus dem Sand oder Splitt gestreut wird.

60 Menschen nach Stürzen im UKB behandelt

Die Folgen der Glätte sind auch im Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn zu spüren. Dort wurden allein vom ersten Schneetag am Donnerstag bis Freitagnachmittag fast 60 Menschen behandelt. Von Platzwunden am Kopf über Schädelhirntrauma, Schulterverletzungen bis hin zur Rückenprellung reichten die Verletzungen, die sich die Menschen beim Sturz auf glatten Straßen und Wegen zugezogen haben.

"Mehr als 30-mal wurde ein Gips angelegt, etliche Menschen mussten operiert werden", sagte UKB-Sprecherin Angela Kijewski. Viele Brüche mussten auch in den Rettungsstellen der Charité versorgt werden. Nach Auskunft des Leitenden Oberarztes der Charité-Rettungsstelle in Mitte, Dr. Marko Böhm, waren die meisten Patienten auf Gehwegen gestürzt. Aber auch Radfahrer sind gefährdet, sie müssen besonders vorsichtig sein.

Berlins Radwege nur sporadisch frei

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) kritisiert, dass trotz der Novellierung des Berliner Straßenreinigungsgesetzes Radwege und -spuren "nur nachrangig oder sporadisch freigeräumt" werden. Er rät Radfahrern, die meist besser geräumten Straßen zu benutzen. Die Berliner Stadtreinigung (BSR) unterstützt den Appell: "Die Radwege auf den Straßen werden so wie die Straßen auch von uns gestreut", sagte BSR-Sprecher Bernd Müller. Bei Radwegen auf Bürgersteigen könne es zu Überfrierungen kommen, da hier nicht gestreut, sondern mit Bürstenfahrzeugen gereinigt werde. Müller: "Wir sind die Einzigen, die streuen dürfen." Der Naturschutzbund appelliert unterdessen an die Hauseigentümer, kein Salz zum Abtauen auf den Gehwegen einzusetzen. "Das ist für Bäume und Boden, aber auch für Tierpfoten sehr schädlich", sagt Geschäftsführerin Anja Sorges. Statt des verbotenen Salzes sollten besser Splitt, Sand oder Granulat benutzt werden.

Beschwerden über nicht geräumte Gehwege werden in den Ordnungsämtern bearbeitet. "Die Anzahl der Beschwerden hält sich in Grenzen", bilanzierte Marc Schulte (SPD), Stadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, am Freitag. Das neue Gesetz, das klarer definiere, wann und wie geräumt werden müsse, helfe, sagte Schulte. Sein Kollege Oliver Schworck (SPD), in Tempelhof-Schöneberg für das Ordnungsamt zuständig, hat allerdings den Eindruck, dass die Räumfirmen am Donnerstag "Startschwierigkeiten" hatten. "Ich will den Schnee von Anfang an weghaben", sagt er. Die Firmen machten sich doch selbst mehr Arbeit, wenn sie den Schnee festpressten. Er hat allerdings Verständnis dafür, dass die Walzen dieser kleinen Fahrzeuge manchmal nicht so fest pressen wie nötig: "Auf mosaikgepflasterten Wegen fliegen sonst die Steine raus."

Drei U-Bahnhöfe für Obdachlose geöffnet

Der Betrieb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) verlief weitgehend planmäßig. "Wesentliche Behinderungen durch das Wetter gab es nicht", sagte BVG-Sprecher Klaus Wazlak. Er wies darauf hin, dass die BVG wieder drei ihrer U-Bahnhöfe für Obdachlose öffnet. Sie können sich in den Bahnhöfen Schönleinstraße (U8, Kreuzberg), Schillingstraße (U5, Mitte) oder Hansaplatz (U9, Tiergarten) auch während der Betriebspausen von 0.30 bis 4.30 aufwärmen. Das Angebot werde aber kaum genutzt. In den nachts offenen U-Bahnhöfen sind Sicherheitsdienst-Mitarbeiter der BVG im Einsatz. Auch der Kältebus der Berliner Stadtmission und der Wärmebus des DRK-Landesverbandes sind seit 1. November wieder unterwegs. Ausgestattet mit heißem Tee, Äpfeln, Isomatten, Schlafsäcken und festen Schuhen starten für die DRK täglich ehrenamtliche Sanitäter gemeinsam mit Sozialarbeitern gegen 18 Uhr. "Wir versuchen, die Obdachlosen in Notunterkünfte zu bringen, was aber viele gar nicht wollen, sie werden dann erst mal mit dem Nötigsten versorgt", sagt Rüdiger Kunz. "In Berlin gibt es etwa 430 Übernachtungsplätze, erforderlich wären laut Senatverwaltung für Soziales aber 500 Plätze", so Kunz.

Ein Problem, das bleibt. Denn das eisige Wetter hält an. Sonnabend soll es frostig werden. Nach sonnigem Start könnten Wolken aufziehen. In der Nacht zu Sonntag werden acht bis zehn Grad minus erwartet, sagt Jörg Heidermann vom Wetterdienst Meteomedia. Die Temperaturen am Tage liegen um den Gefrierpunkt. In der zweiten Tageshälfte rechnet der Meteorologe mit Schnee, eventuell auch mit Regen. "Glatteis und Schneeglätte bleiben Thema", so Heidermann.

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