03.12.12

Arbeitsmarkt

Migranten haben es im Öffentlichen Dienst schwer

Zuwanderer haben laut einer OECD-Studie gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch im Öffentlichen Dienst gibt es großen Nachholbedarf.

Von Hans Evert, Dorothea Siems
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Unterstützung: Geschäftsführer Nihat Sorgec vom Bildungswerk Kreuzberg mit Sanja (36) und Güleser (31), die sich dort zu Modeschneiderinnen umschulen lassen
Unterstützung: Geschäftsführer Nihat Sorgec vom Bildungswerk Kreuzberg mit Sanja (36) und Güleser (31), die sich dort zu Modeschneiderinnen umschulen lassen

Im Grunde zeigt die unternehmerische Existenz eines Mannes wie Nihat Sorgec, dass längst nicht alles gut ist. Sorgec ist im Alter von 14 Jahren nach Deutschland gekommen, er hat sich durchgebissen und gezeigt, was ein junger Türke aus einer Familie ohne Bildungstradition erreichen kann. Heute ist er 54 Jahre alt und leitet ein Unternehmen.

Doch Sorgec lebt davon, dass Berliner Migranten besonderer Zuwendung bedürfen. In den Kursen und Seminaren seines Bildungswerks Kreuzberg werden vor allem Jugendliche mit ausländischen Wurzeln fit gemacht, damit sie sich auf dem deutschen Arbeits- und Lehrstellenmarkt sicheren Schritts gehen können. "Es hat sich schon was bewegt in Deutschland, hier und da gibt es vernünftige Ansätze", sagt Sorgec. Doch der Mittelstand, der müsse sich noch viel mehr öffnen. Da muss einer wie Sorgec noch dicke Bretter bohren.

Da wirkt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wie Labsal in der mit Schwere beladenen Diskussion über Migranten, Integration und die ewige Schuldfrage: Wer denn am meisten versagt hat, vermeintlich unwillige Zuwanderer oder angeblich ignorante Amts- und Mandatsträger?

Nun kommt heraus, dass es in Deutschland beide Seiten gar nicht so schlecht gemacht haben. Denn bei der Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt hat es in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gegeben. Auch wandern heute mehr Hochqualifizierte in die Bundesrepublik ein als noch vor einem Jahrzehnt. Dies zeigt der erste internationale Integrationsbericht der OECD.

Großen Nachholbedarf bescheinigen die Experten allerdings dem hiesigen öffentlichen Dienst: In keinem der 34 OECD-Länder ist der Anteil der Migranten in der Verwaltung, im Gesundheitswesen, im Bildungssystem und anderen öffentlichen Sektoren geringer als in Deutschland.

42 Prozent der unter 18-Jährigen in Berlin sind Migranten

Damit spricht die Studie etwas an, das dem Integrations- und Bildungsunternehmer Sorgec ebenfalls gegen den Strich geht. "42 Prozent der unter 18-Jährigen in Berlin stammen aus Zuwandererfamilien", sagt er. "Dieser Realität müssen sich Firmen und Verwaltung stellen." Sorgec selbst arbeitet schon daran.

In dem Bildungswerk gibt es zum Beispiel eine Klasse, in der junge Berliner aus Migrantenfamilien für eine Ausbildung in der Verwaltung, darunter auch den Dienst bei der Polizei, vorbereitet werden. So will Sorgec verhindern, dass die Bewerber bei den Eignungstests scheitern. In den Kursen geht es beispielsweise darum, wie man angemessen auf unangenehme Fragen im Gespräch reagiert. "Manch türkischer Junge aus Kreuzberg muss erst einmal lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich zu entschuldigen", sagt Sorgec.

Dicke Bretter, wie gesagt. Doch die Mühen lohnen sich. "Deutschland gehört zur Spitzengruppe bei der Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern", sagte der Integrationsexperte der OECD, Thomas Liebig. So sind hierzulande unter den 15- bis 34-Jährigen 13 Prozent der Zuwandererkinder arbeitslos. Im OECD-Durchschnitt haben 16 Prozent der jungen Migranten keinen Job.

Insgesamt stieg die Beschäftigungsquote unter den Ausländern in Deutschland von 57 Prozent im Jahr 2000 auf 64 Prozent. Damit hat sich die Bundesrepublik in sehr kurzer Zeit ins Mittelfeld vorgearbeitet. Noch deutlich besser steht allerdings die Schweiz da, wo von vier Migranten drei berufstätig sind. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt sind Ausländer häufiger als die einheimische Bevölkerung von Arbeitslosigkeit betroffen. Hierzulande ist vor allem bei Frauen die Erwerbsquote der Zuwanderer deutlich niedriger als bei den Deutschen.

Positive Entwicklung beim Bildungsniveau

Dafür zeichnet sich beim Bildungsniveau der Migranten und ihrer Kinder eine positive Entwicklung ab. So stieg in Deutschland der Anteil der Hochqualifizierten unter den Zuwanderern in den vergangenen zehn Jahren um zwölf Prozentpunkte. Noch deutlich höher war dieser Anstieg nur in Dänemark und Luxemburg.

Allerdings schneiden die traditionellen Einwanderungsländer Kanada, Australien, Neuseeland und auch Großbritannien beim Wettbewerb um die klügsten Köpfe nach wie vor weit besser ab als Deutschland. In diesen Staaten weisen die Zuwanderer im Schnitt sogar ein höheres Bildungsniveau auf als die einheimische Bevölkerung. Grund ist die gezielte Auswahl qualifizierter Zuwanderer. Zwar garantiert deren gutes Bildungsniveau auch in Kanada oder Australien nicht immer eine gut bezahlte Beschäftigung. Doch schlägt sich die gute Qualifikation laut OECD im Bildungserfolg der Zuwandererkinder nieder.

Für Nihat Sorgec ist die kulturelle Prägung der Einwandererfamilien ein unterschätzter Faktor. "Keiner wollte wissen, was mein Vater mit dem Kopf zu leisten imstande war", erzählt er. Einfache körperliche Tätigkeiten – dafür seien die Gastarbeiter seit den 50er-Jahren nach Deutschland geholt worden, zum Beispiel Türken aus armen dörflichen Landwirtschaftsregionen. Viele von ihnen waren ohne jegliche Bildungstradition; Aufstiegsehrgeiz durch Bildung blieb vielfach aus. Sorgec, diplomierter Maschinenbauingenieur, ist aus jener Generation noch eine Ausnahme. "Meine Eltern waren Analphabeten", sagt er. Auf die Kinder dieser Eltern war das deutsche Bildungssystem lange nicht eingestellt.

Und so schneiden junge Ausländer in Kanada und Australien bei den internationalen Schulvergleichen besser ab als der deutsche Nachwuchs. Hierzulande haben junge Ausländer hingegen – trotz des in den letzten Jahren positiven Trends – immer noch häufiger als die Deutschen keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschulabschluss.

Viele Jobs im Niedriglohnsegment

Die OECD-Studie zeigt aber, dass es vielen jungen Migranten hierzulande trotz mäßigen Schulerfolgs gelingt, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. "Verglichen mit deutschen Jugendlichen, die nur eine geringe Schulbildung haben, sind die Zuwandererkinder sogar am Arbeitsmarkt erfolgreicher", konstatiert OECD-Forscher Liebig. Dies zeige, dass die hiesigen Arbeitgeber durchaus bereit seien, Migranten eine Chance zu geben. Günstig wirkt zudem das duale Ausbildungssystem, das Jugendlichen den Weg in den Beruf ebnet.

Allerdings seien in Deutschland weiterhin überproportional viele Migranten im Niedriglohnsegment beschäftigt, moniert die OECD. Hochqualifizierte Ausländer hätten häufig Probleme, einen adäquaten Job zu finden. Liebig: "Sie leiden unter dem Vorurteil, dass Zuwanderer generell gering qualifiziert seien."

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