03.12.12

Mutter Corsage

Enthüllungen einer Berliner Dessous-Verkäuferin

Psychologie in der Umkleidekabine und Männer beim Kauf von Damenwäsche: Die Berlinerin Heide Meyer hat ein Buch darüber geschrieben.

Von Annette Kuhn
Foto: Massimo Rodari

Jede Menge Tipps: Heide Meyer hat 52 Jahre Damenunterwäsche in Berlin verkauft. Über ihre Erlebnisse hat sie jetzt ein Buch geschrieben
Jede Menge Tipps: Heide Meyer hat 52 Jahre Damenunterwäsche in Berlin verkauft. Über ihre Erlebnisse hat sie jetzt ein Buch geschrieben

Mission Büstenhalter – so könnte man das Leben von Heide Meyer beschreiben. 52 Jahre hat die Berlinerin Damenunterwäsche verkauft. Erst bei Horten, dann im KaDeWe und seit 1972 in ihrem eigenen Dessous-Geschäft "Lady M". Vor zwei Jahren hat die heute 69-Jährige nun ihren Laden abgegeben. Aber der BH ist immer noch ihr Lieblingsthema. Sie hat eine Beratungsfirma gegründet, und schult nun Verkäuferinnen und Gründerinnen in der Dessousbranche. Immerhin gebe es ja 100 Büstenhalter-Größen, da müsse man sich schon auskennen. "Wenn ein Pullover einen halben Zentimeter zu groß ist, dann macht das nichts, aber wenn ein Büstenhalter einen halben Zentimeter zu groß ist, dann ist er absolut falsch."

Büstenhalter sagt Heide Meyer. Das klingt etwas altmodisch, aber nach viel mehr als die nüchterne Abkürzung BH. Und weil ihr das Thema so wichtig ist, hat Heide Meyer jetzt auch ein Buch geschrieben – über ihr Leben und ihren Beruf, über den Büstenhalter als Spiegel der Kulturgeschichte und über ihre Erlebnisse in der Umkleidekabine.

Sehnsucht nach der großen Welt

Verkäuferin, das wollte Heide Meyer, damals hieß sie noch Bruse, schon als Kind werden. Im Nachkriegsdeutschland faszinierten sie die neuen Kaufhäuser, in denen sich ihre Familie nur wenig leisten konnte. Verkäuferin im Kaufhaus – das erschien dem Mädchen wie der Einstieg in die große, weite Welt. Also bewarb sie sich und fing als 15-Jährige eine Lehre im DeFaKa an, dem Deutschen Familienkaufhaus am Tauentzien, Ecke Rankestraße. 30 Mark verdiente sie im ersten Lehrjahr und landete in der Strumpfabteilung. Allerdings nicht lange. Nach drei Monaten sagte ihr Chef: "Du bist so schön mollig und fröhlich, du passt gut in die Miederwarenabteilung". Ein Satz, den sich heute kein Ausbilder mehr erlauben dürfte.

Von der großen, weiten Welt waren die Mieder allerdings noch weit entfernt. "Miederwaren, das war noch schlimmer als Strümpfe", lautete schnell die Erkenntnis des Lehrlings. Deos benutzte kaum jemand und statt hauchzarter Spitzen-BHs gab es Schnürmieder, die an die vier Kilo wogen. "Hat aber schon Spaß gemacht, eine Frau da hineinzuzwängen", gibt Heide Meyer zu. So resolut die Dessous-Expertin heute rüberkommt, war sie wohl auch schon vor 50 Jahren. "Da muss es noch mehr geben", ahnte sie als 15-Jährige und machte sich auf die Suche. Schon mit Anfang 20 wurde sie Einkäuferin, erst bei Hertie, dann im KaDeWe mit einem Etat von 1,5 Millionen DM. Sie sorgte dafür, dass die BHs und Mieder mehr Farbe, Spitze und Glanz bekamen.

Fräulein Bruse, aus der inzwischen Frau Meyer geworden war, wollte die schönen Büstenhalter auch zeigen und nicht – wie bis dahin üblich – hinter Türen verstecken. Also veranstaltete sie 1970 eine Mieder-Modenschau im KaDeWe und zog damit nicht nur begeisterte Kundinnen an, sondern auch einen zornigen Propst der Gedächtniskirche, der eines Tages die Rolltreppe hochgefahren kam, um sich ein Bild von dem unzüchtigen Treiben zu machen. Ausrichten konnte er freilich nichts gegen die vielen Büstenhalter. Und dabei reichten die damals noch bis zur Taille.

Erster Laden floppte

1972 machte sich Heide Meyer selbstständig. Der erste Laden im Kudamm-Eck floppte allerdings. "Das war ja die Zeit, in der die Frauen den Büstenhalter ablegten und das Motto lautete: Nieder mit dem Mieder". An das Weihnachtsgeschäft vor 40 Jahren erinnert sie sich mit Grausen: Kaum ein Kunde kam, und die 29 Jahre alte Ladeninhaberin rannte heulend über den Kudamm. Aufgeben war für Heide Meyer aber nie eine Option, und sie hielt länger durch als die Frauen in den lila Latzhosen. Ihr drittes Geschäft an der Westfälischen Straße füllte sich schnell und war über Jahrzehnte eine Institution in der Stadt.

Irgendwann kamen auch die Männer mit in den Laden. Beim ersten Mal runzelten viele die Stirn über die Preise: 60 DM für so ein bisschen Stoff? Doch Heide Meyer wusste: Die Technik wird die männlichen Kunden faszinieren. Also erklärte sie: "Wenn Sie sehen würden, wie der gemacht wird, wie viel Technik und Handwerk in ihm steckt." Ein Jahr braucht es, um einen guten BH zu entwickeln, der immerhin aus etwa 50 Teilen besteht. Da waren die Herren schnell überzeugt, versichert sie – und eher als ihre Frauen bereit, ein paar Mark oder später Euro mehr auszugeben.

Männer und Dessous – da hat Frau Meyer so einiges erlebt. Welche Größe ihre Frauen brauchten, hätten noch bis in die 90er-Jahre hinein nur die wenigsten Männer gewusst, meist wurde dann zu klein gekauft. "Zu Weihnachten tragen plötzlich alle Frauen wieder Größe 38." Die Männer hätten nach ihrer Wunschvorstellung gekauft, "und die Frauen sind dann hinterher gekommen und haben wieder umgetauscht", erzählt Heide Meyer. "Schade nur, dass viele statt des schönen Büstenhalters lieber 20 Baumwollslips genommen haben." Heute wüssten Männer sehr viel besser Bescheid, "die jungen Männer lesen ja alle Frauenzeitschriften".

Dessous für die Geliebte

Natürlich haben die Männer bei "Lady M" aber nicht nur für ihre Frau, sondern auch für die Geliebte eingekauft. "Sie waren dann oft viel wählerischer", hat Heide Meyer festgestellt. Ansonsten hat sie diskret geschwiegen. Eine Lektion, die sie früh gelernt hat. Als sie gerade Geschäftsfrau geworden war, hatte ein Herr bei ihr einen schönen BH in Größe 75A gekauft und ließ ihn sich als Geschenk in Seidenpapier wickeln. Zwei Wochen später kam er wieder, in Begleitung einer Frau. Heide Meyers Kennerblick sah gleich: 75A. Also setzte sie gerade an: "Und wie hat Ihnen…" Weiter kam sie nicht, die bohrenden Blicke des Mannes ließen sie verstummen. "Danach fragte ich nicht einmal mehr meine beste Freundin, wenn ihr Mann etwas für sie bei mir gekauft hat."

52 Jahre im Dessous-Verkauf – da lernt man nicht nur Takt, sondern auch viel über die menschliche Seele. "An manchen Tagen hätte ich ein Schild raushängen können: "Heute berät sie wieder Psychologin Heidi". Zuhören, zuhören, zuhören – das sei das A und O, um als Verkäuferin Vertrauen zu gewinnen. Und das brauchte sie, immerhin standen die Frauen ja in jeder Hinsicht nackt vor ihr. Manche Kundinnen kamen, weil es in der Ehe nicht mehr gut lief und sie jetzt mal etwas versuchen wollten – "aber da half das Dessous meist nicht mehr", sagt Heide Meyer realistisch.

BH ist nicht gleich BH

Viele kamen und fühlten sich so unsicher und unglücklich mit ihrer Figur, dass sie zunächst nicht einmal Heide Meyer hinter den Vorhang des Umkleideraums schauen lassen wollten. Aber das ging bei "Lady M" nicht: "Ich habe dann immer gesagt: Sie können alles probieren, aber schauen lassen müssen Sie mich schon, sonst verkaufe ich Ihnen nichts." Die Unsicherheit vieler Frauen beim Thema Büstenhalter hängt auch mit der Geschichte der Emanzipation zusammen, ist sie überzeugt: "Wenn man fast 30 Jahre keinen Büstenhalter trägt, verliert man das Gefühl dafür." Immerhin tragen laut Umfragen 60 bis 70 Prozent der Frauen heute einen falschen BH.

Früher gingen die Mutter oder die Oma mit Tochter oder Enkelin los und kauften das erste Modell. Heute würden sich die jungen Frauen viel besser auskennen als ihre Mütter – "H&M sei Dank". Mit H&M meint sie aber nicht ihre Initialen, sondern den Modekonzern, der habe dafür gesorgt, dass junge Frauen wieder Dessous schätzen. Noch immer hört Heide Meyer heute den Satz: "Den Büstenhalter sieht man doch nicht." Aber nein, das sei ganz falsch, sagt sie: "Erst mit dem richtigen Büstenhalter sitzt ein Kleid." Die Mission Büstenhalter ist für Heide Meyer noch lange nicht abgeschlossen.

Heide Meyer: "Mutter Corsage – Enthüllungen einer Dessous-Verkäuferin", Knaur, 9,99 Euro

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