03.12.12

Ausbildung

Warum junge Berliner Altenpfleger werden wollen

Deutschland fehlt es an Fachkräften, denn die Vorurteile gegenüber der Branche sind groß. Zu Besuch an einer Berliner Berufsfachschule.

Von Anne Klesse
Foto: Amin Akhtar

Berufung: Die Auszubildenden Annette Liebscher (46) und und Sven Diener (24) üben an einer Puppe das Blutdruckmessen
Berufung: Die Auszubildenden Annette Liebscher (46) und und Sven Diener (24) üben an einer Puppe das Blutdruckmessen

Es ist spät am Nachmittag. Die kalte Wintersonne versinkt hinter den angrenzenden Gebäuden, auf dem Campus Berufsbildung an der Geneststraße geht die Außenbeleuchtung an. Sven Diener hat bereits einen langen Tag hinter sich, Frühschicht ab sechs Uhr morgens, neun Patienten besucht, sie an- und ausgezogen, Frühstück gemacht und Einkäufe erledigt. Der drahtige junge Mann im leuchtend gelben T-Shirt ist trotzdem hoch konzentriert, kerzengerade sitzt er im Seminarraum. "Dieser Beruf ist auch Berufung", sagt der 24-Jährige sehr ernsthaft. Nicht jeder sei dafür geeignet. "Bei den Zivis zum Beispiel merkt man recht schnell, wer ein Händchen hat. Und wer vielleicht zu unsensibel oder nicht belastbar ist."

Sven Diener ist im letzten Jahr seiner Altenpflegeausbildung. Mit 18 weiteren Teilnehmern besucht er den Abschlusskurs an der Schöneberger Berufsfachschule für Altenpflege. Während die Besuche bei den Patienten am Morgen zeitlich noch streng getaktet waren, gibt es jetzt im Seminarraum Zeit für Fragen und Anmerkungen. Thema heute: Reflexion.

Dozentin Barbara Spahn weiß um die Bedeutung des Themas. Sie erzählt von einer Teilnehmerin, die in den vergangenen Wochen oft allein auf ihrer Station gearbeitet und das als "psychisch und körperlich anstrengend" empfunden hatte. "Wie definieren Sie anstrengend?", fragt Spahn in die Runde. Die Antwort der Pflegeschüler kommt prompt: "Zeitdruck!" – "Und wie fühlen Sie sich dabei?" – "Man steht unter Stress, ist gehetzt und am Ende unbefriedigt, weil man die Arbeit nicht so machen konnte, wie man sie gern gemacht hätte." – "Woran kann das liegen?" – "Am Personalmangel, am hohen Krankenstand, an Überarbeitung." – "Und worauf führen Sie das zurück?" – "Auf schlecht strukturierte Arbeitsabläufe."

Selbstreflexion als erster Schritt

Da sind sie schon, die Vorurteile gegenüber der Pflegebranche. Und hier, im letzten Ausbildungsjahr, werden sie bereits Realität. Zum Teil zumindest. Dozentin Spahn ist darauf vorbereitet. "Es ist wichtig, dass Sie es hinterfragen, wenn Sie sich gestresst fühlen", sagt sie in die Runde. "Was steckt dahinter, inwiefern hat das mit mir zu tun, was könnte ich verbessern?" Selbstreflexion als erster Schritt zu mehr Zufriedenheit. Und: "Es ist wichtig, sich auf die Ressourcen zu konzentrieren, die man hat."

Dass die im Bereich der Altenpflege begrenzt sind, haben die Kursteilnehmer bereits gelernt. Sie wissen, was der permanente Schichtdienst für das Familienleben bedeutet, wie es ist, Dienst auf einer chronisch unterbesetzten Station zu haben. Und dass am Ende des Monats vergleichsweise wenig dabei herumkommt. Laut einer aktuellen Analyse der Hans-Böckler-Stiftung zu den Einkommens- und Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen verdienen Altenpfleger mit einer 38-Stunden-Woche im Durchschnitt 2148 Euro brutto im Monat. Nur 39 Prozent haben einen Tarifvertrag, 61 Prozent verdienen eher weniger als das Tarifgehalt. Auch zeigt die Studie, dass die Arbeitsbelastung unter Altenpflegern als relativ hoch eingeschätzt wird. Überdurchschnittlich viele Befragte gaben an, dass sie ihre Arbeit als stressig empfinden und erschöpft nach Hause kommen. Die Zufriedenheit mit Arbeit und Bezahlung ist geringer als im Durchschnitt der Beschäftigten aller Branchen.

Berlin fehlen 25.700 Vollzeitpflegekräfte

Doch die Azubis kennen auch die andere Seite ihres Berufs. Die, die kaum noch in die öffentliche Wahrnehmung dringt. "Viele Menschen haben dieses Bild im Kopf, wie wir Pfleger den Leuten den Hintern abwischen", sagt Annette Liebscher. "Dabei ist die Körperpflege ja nur ein Teil des Ganzen." Die 46-Jährige rauft sich das kurze lockige Haar, plötzlich strahlen ihre Augen. Zur Pflege eines Menschen gehöre schließlich so viel mehr als ihn "trocken, satt und sauber" zu hinterlassen. "Die Pflegeheimbewohner sind froh, wenn da mal jemand ist, der mit ihnen spricht und sich um sie kümmert", sagt Liebscher. "Das ist auch für uns ein tolles Gefühl, da kommt viel zurück. Selbst von denen, die kaum noch kommunizieren können."

Solche Aussagen sind wichtig. Die Pflegebranche in Deutschland kann jede Werbung gebrauchen. Denn Fachkräfte sind gefragt wie nie. Die Gesellschaft wird immer älter, nach Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung wird das Durchschnittsalter bis zum Jahr 2030 von derzeit 43 Jahren auf über 47 Jahre steigen, in weiten Teilen Ostdeutschlands sogar auf über 50 Jahre. 3,4 Millionen Menschen in Deutschland werden in zwei Jahrzehnten pflegebedürftig sein, eine Million mehr als noch 2009. Doch schon jetzt fehlt es an qualifiziertem Pflegepersonal, in den kommenden zwei Jahrzehnten werden laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung bundesweit eine halbe Million Vollzeitkräfte im Pflegebereich fehlen. Für Berlin und Brandenburg klingt die Situation besonders dramatisch. Während im Bundesdurchschnitt bis 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen um 47 Prozent zunehmen soll, wird auf Basis der Modellrechnungen für Berlin eine Steigerungsrate von 56 Prozent, in Brandenburg sogar von 72 Prozent vorausgesagt. Knapp 25.700 Vollzeitpflegekräfte würden somit in Berlin fehlen, in Brandenburg gäbe es rund 24.300 Pfleger zu wenig.

"Ein Stück Lebensqualität geben"

Doch genau da liegt auch die Chance. Denn so schlecht der Ruf der Branche, so gut sind die Übernahme- und Aufstiegschancen. Auf dem Flur des Campus Berufsbildung quellen die Pinnwände über vor Stellenangeboten für Berlin und Umgebung. Annette Liebscher erzählt von einer offenen Stelle in ihrem Pflegeheim, die man einfach nicht besetzen konnte. Es habe keine passende Bewerbung gegeben. Dozentin Monika Wagner spricht von einem "zukunftsträchtigen Beruf mit guten Aufstiegsmöglichkeiten". "100 Prozent unserer Azubis werden von den Unternehmen übernommen, die meisten haben schon vor ihrer Abschlussprüfung einen Vertrag in der Tasche", sagt Wagner. Ein Zustand, von denen Azubis in anderen Branchen nur träumen können.

Auf dem Campus am Standort Berlin-Südkreuz laufen derzeit fünf Altenpflege-Kurse. Zudem kann man sich hier zum Erzieher oder Sozialassistenten ausbilden lassen. Besonders gefragt aber ist die Ausbildung zum staatlich examinierten Altenpfleger. Bei Annette Liebscher zahlt sie der Arbeitgeber. Sie hat einen DDR-Studienabschluss als Diplomlehrerin, der nach der Wiedervereinigung nicht anerkannt wurde, wie sie erzählt. "Aber ich musste ja von irgendetwas leben." Also nahm sie eine ABM-Stelle in einem Pflegeheim an. Und hatte Glück: Sie wurde unbefristet als Pflegehelferin übernommen. Jetzt steht Annette Liebscher sogar ein Karriereschritt bevor. "Unsere Stationsleitung geht bald in Rente, und mir wurde die Nachfolge in Aussicht gestellt", erzählt sie.

Auch Sven Diener strebt eine Laufbahn an. Der jüngste Kursteilnehmer absolvierte seinen Zivildienst nach dem Abitur in der ambulanten Hauskrankenpflege – und blieb gleich dort. "Mir gefiel das eigenständige Arbeiten, die Verantwortung, die man hat, und dass ich in dem Job Menschen tatsächlich helfen und ihnen ein Stück Lebensqualität geben kann", sagt Diener. Um die berufsbegleitende Ausbildung machen zu können, brauchte er ein Jahr Praxis und wurde deshalb zunächst Pflegehelfer. Sein Arbeitgeber habe ihn von Anfang an in dem Wunsch unterstützt, erzählt er. Nach dem Examen möchte er Pflegemanagement studieren.

"Und nonverbal?"

Doch zunächst steht in der Berufsfachschule eine Gruppenübung an. Die Kursteilnehmer stehen jetzt im "Pflegeraum", der aussieht wie ein echtes Krankenzimmer. Sterile weiße Wände, höhenverstellbare Betten auf mintgrünem Linoleum, dazwischen Infusionsständer, das Regal voll mit Verbandszeug. Die Aufgabe: Einer spielt den Pflegebedürftigen, ein anderer die Pflegekraft. Es soll ein Kompressionsverband angelegt und der Pflegebedürftige "vom Bett in den Stuhl transferiert" werden. "Im Anschluss reflektieren Sie über Ihre Fach- und Methodenkompetenz, die personale und soziale Kompetenz", bittet Dozentin Barbara Spahn. Die Auszubildende Martina Hafenberg spielt die Kranke, Sven Diener den Altenpfleger. Spahn baut noch eine Schwierigkeit ein und gibt Hafenberg heimlich die Aufgabe, eine Seniorin zu spielen, die sich nicht gern berühren lässt.

Sven Diener legt los. "Guten Morgen, Frau Hafenberg", sagt er sehr laut und sehr deutlich. "Wie geht es Ihnen denn heute?" Er legt ihr die Hand auf die Schulter, sie zuckt zusammen. "Ach, geht so. Ich habe Kopfschmerzen." – "Möchten Sie heute ein wenig länger im Bett bleiben, soll ich später noch einmal kommen?" – "Joah." "Kann ich Ihnen denn schon mal einen Kaffee bringen?" – "Joah, das wär schön." – "Was ich jetzt aber schon gern machen würde, wäre, Ihnen den Verband anzulegen, Frau Hafenberg." – "Okay." – "Gut, dann bereite ich jetzt mal den Verband vor, und dann fangen wir an." Er holt das Verbandszeug aus dem Regal, umwickelt ihren Fuß, spricht währenddessen weiter. Fragt die vermeintlich alte Dame nach der Stärke ihrer Kopfschmerzen, nach dem Befinden ihrer Kinder. Sie erzählt bereitwillig. Das Eis zwischen den beiden scheint geschmolzen. "So, sitzt der Verband so gut?" – "Alles in Ordnung so."

Fachlich und methodisch gibt es keine Beanstandungen, der Verband sitzt, auf die Schmerzsituation sei Sven Diener gut eingegangen, ist man sich einig. Er habe versucht, auf sie einzugehen, das aus dem Bettheben habe er unterlassen, "da sie es noch nicht wollte, das hätte ich dann nach dem Frühstück getan", sagt Diener. "Insgesamt habe ich mich sicher gefühlt." Barbara Spahn hakt nach. "Ist Ihnen in der Kommunikation etwas aufgefallen?" Frau Hafenberg sei distanziert gewesen, er habe gemerkt, dass sie wohl nicht gut geschlafen habe aufgrund der Kopfschmerzen. "Und nonverbal?" – "Sie hat ihren Arm weggezogen. Vielleicht ist ihr Körperkontakt allgemein unangenehm, oder sie mag nicht von einem fremden Mann berührt werden."

Auf die eigene Gesundheit achten

Sven Diener hat die Aufgabe bestanden. "Hat Sie das Verhalten verunsichert?", fragt Barbara Spahn. "Erst einmal ja", antwortet Sven Diener ehrlich. "Aber ich habe versucht, über Ausweichfragen zu ergründen, woran ihr Verhalten liegen könnte, ob es eventuell an den Schmerzen liegt."

Im Feedback von Dozentin Spahn kommt Sven Diener gut weg. "Sie haben unglaublich viel Energie, es ist zu spüren, dass Ihnen diese Arbeit wirklich Spaß macht." Sie nickt ihm aufmunternd zu.

Es geht jetzt auf 20 Uhr zu, später am Abend werden die Azubis noch für die bevorstehende Examensprüfungen lernen. Die Ausbildung ist auch unter zeitlichen Aspekten eine gute Vorbereitung. Eine letzte Frage für heute hat die Dozentin aber noch: Ob den anderen noch etwas aufgefallen sei? Annette Liebscher meldet sich. Sven Diener habe "nicht auf rückenschonendes Arbeiten geachtet". Alle nicken. Sie wissen: Professionalität und Sensibilität sind wichtig, auf die eigene Gesundheit zu achten ist eine Voraussetzung, in diesem Beruf zu bestehen. Stichwort Selbstreflexion. Dann werden die Rollen getauscht.

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