02.12.12

Jugendkriminalität

Berliner Justiz verhängt mehr Haftstrafen gegen Jugendliche

Von wegen Kuscheljustiz: Jugendliche werden in Berlin härter bestraft, jeder zweite Verurteilte muss länger als ein Jahr in Haft.

Von Jens Anker und Joachim Fahrun
Foto: dpad

Jugendstrafanstalt in Berlin-Plötzensee: Jugendliche sitzen mittlerweile länger ein
Jugendstrafanstalt in Berlin-Plötzensee: Jugendliche sitzen mittlerweile länger ein

Die Berliner Justiz geht seit einigen Jahren härter gegen jugendliche Straftäter vor. Nach Angaben der Berliner Strafgerichte ist der Anteil derjenigen Verurteilten, die länger als ein Jahr ins Gefängnis müssen, 2011 auf 53,7 Prozent gestiegen. Im Jahr 2001 lagen erst 39,2 Prozent der verhängten Jugendstrafen über einem Jahr. 2006 waren es 45,6 Prozent.

Damit werden gegen jugendliche Delinquenten höhere Strafen verhängt als gegen Erwachsene, was aber auch an der Art der Straftaten liegen kann. Im Erwachsenenbereich stieg der Anteil von Strafen über einem Jahr von 19,8 Prozent 2001 auf 25 Prozent 2011.

Auch die Strafverfolgungsstatistik der Senatsverwaltung bestätigt den Trend einer härteren Justiz. 2011 wurden fünf junge Männer zu Haftstrafen zwischen fünf und zehn Jahren verurteilt, 60 Personen erhielten Urteile von mehr als zwei und 31 von mehr als drei Jahren. Die durchschnittliche verhängte Jugendstrafe ist erstmals auf mehr als zwei Jahre Gefängnis gestiegen. 2006 lag sie noch bei 1,6 Jahren.

"Gerede von der Kuscheljustiz"

"Die Statistiken zeigen, dass das Gerede von einer Berliner Kuscheljustiz neben der Sache liegt und eben nichts anderes ist als die Frucht von kenntnislosem Populismus", sagte Stefan Conen, Vorstandsmitglied der Vereinigung Berliner Strafverteidiger. Das Ansteigen der Strafhöhen sei zum Teil durch Gesetzesverschärfungen begründet, so der Rechtsanwalt. Zudem wird fast gegen jeden zweiten Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren das Erwachsensenstrafrecht anstatt des Jugendstrafrechts angewendet. Von den 3058 Verurteilten dieser Altersgruppe entschieden die Richter aufgrund der Persönlichkeitsstruktur der Angeklagten in 1424 Fällen, das allgemeine Strafrecht anzuwenden und nicht das Jugendstrafrecht. 1475 Täter waren zwischen 14 und 18 Jahre alt, für sie gilt immer das Jugendstrafrecht.

Nicht unwesentlich dürfte zu dieser Entwicklung einer konsequenteren gerichtlichen Ahndung, allerdings aber auch die Darstellung von Kriminalität in den Medien beitragen, sagte Conen. Diese Berichte vermittelten der Bevölkerung das Gefühl allgegenwärtiger potenzieller Bedrohung, obschon die Kriminalitätsbelastung tatsächlich stetig sinke. "Der damit einhergehenden Erwartungshaltung an die Justiz, die lediglich gefühlte Kriminalitätszunahme zu bekämpfen, kann sich diese offenbar auch nicht völlig entziehen", sagte der Strafrechtsanwalt. Ausdruck einer rationalen Kriminalpolitik seien solche härteren Strafen jedenfalls nicht, wie man aus gesicherten kriminologischen Erkenntnissen wisse.

Heilmann hat keine einfachen Antworten

Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) teilt die Ansicht, dass strengere Strafen keine Lösung für das Problem der Jugendkriminalität und vor allem der Gewaltbereitschaft darstellen. Heilmann hat sich in seinem ersten Amtsjahr ausführlich der Jugendkriminalität gewidmet und kürzlich vorgestellt, wie er mit mehr Jugendarrestplätzen und einer schnelleren Reaktion auf Verfehlungen von Jugendlichen die Lage verbessern möchte. "Auf der Suche nach einfachen Antworten habe ich nur komplizierte gefunden", sagte Heilmann.

Der Kern des Problems sei eine differenzierte Betrachtung der Einzelfälle. Bei einigen könnten härtere Strafen sicherlich etwas bewirken, bei anderen müsse man ganz neue Hilfsangebote machen. Die Maßnahmen, die Gerichten und Jugendhilfe zur Verfügung stünden, seien bei der großen Mehrheit der Jugendlichen hochwirksam, so der Senator. Bei einem harten Kern von ein paar Dutzend Jugendlichen pro Jahrgang helfen eben auch Haftstrafen nicht. Diese Gruppe mache ihm Sorgen, sagte Heilmann.

Der Senator verwies aber auch auf die stetig steigende Zahl psychisch kranker Jugendlicher unter den Gewalttätern. Andere würden von ihren Familienclans gedeckt und geschützt, für die sei auch ein Gefängnisaufenthalt nichts Schlimmes, Und wieder andere gehörten zur Gruppe der vernachlässigten Kinder. "Wir werden für all diese Fälle unterschiedliche Antworten finden müssen, damit weniger rückfällig werden", sagte Heilmann.

Jugendkriminalität sinkt

Insgesamt geht die Jugendkriminalität in Berlin zurück. Der Kriminalstatistik 2011 zufolge ermittelte die Polizei 26.367 Tatverdächtige unter 21 Jahren, das waren 2447 oder 8,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Anteil an allen Tatverdächtigen sank von 21,6 auf 20 Prozent. Auch die Zahl der Delikte wie Raub, Körperverletzung oder Sachbeschädigung, die die Polizei als Jugendgruppengewalt zusammenfasst, ging im Vergleich zu 2010 in zweistelligen Prozentzahlen zurück.

In der Folge dieser Tendenz werden in Berlin auch immer weniger junge Menschen verurteilt. Im vergangenen Jahr waren es 4533 Jugendliche oder Heranwachsende bis 21 Jahren, davon waren 857 weiblich. 2009 verhängten die Richter Freiheitsstrafen gegen 5165 Menschen dieser Altersgruppe, 2005 gegen 5967.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Internet-Gigant Alibaba bricht an der Wall Street alle Rekorde
Zufallstreffer Touristen filmen F-18-Testflug im Death Valley
Glück gehabt Bungee-Seil nicht festgemacht - Mann überlebt
Himmelskreaturen Der Angriff der Riesendrachen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kriminalität

Geldtransporter am Apple Store überfallen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote