02.12.12

Ladeninhaber

Michael Schaller ist der letzte Deutsche an der Prinzenallee

Er hat einen Feinkost-Laden in Wedding und glaubt an den Kiez. Schaller will trotz Probleme bleiben - ein Lehrstück über Gentrifizierung.

Von Alan Posener
Foto: Reto Klar

Engagiert sich im Kiez: Michael Schaller verkauft in seinem Laden an der Prinzenallee feines Brot, Wein oder auch Fischsuppe. Außerdem gibt es Fremdsprachen-Kurse
Engagiert sich im Kiez: Michael Schaller verkauft in seinem Laden an der Prinzenallee feines Brot, Wein oder auch Fischsuppe. Außerdem gibt es Fremdsprachen-Kurse

Man könnte den Laden glatt übersehen: "Michele: Feinkost und Fremdsprachen". Michael Schallers Geschäft symbolisiert die Zukunft, aber wenn man das nicht weiß, könnte man es glatt für ein Überbleibsel der Vergangenheit halten: Schaller ist der einzige deutsche Gewerbetreibende in diesem Abschnitt der Prinzenallee, mitten im sogenannten Soldiner Kiez, wo Berlin ziemlich arm und nicht sehr sexy ist. Läuft man die Zeile ab, findet man die Bäckerei Petek, einen Orientshop ("Wasserpfeifen ab 12 Euro"), den Coiffeur Umut ("Kopfmassage mit Haarwasser 6 Euro"), das "Café Mersezad", den Dönerladen "Bistro Prinz" und den Kramladen "Akso Export", wo jetzt bereits Feuerwerk der große Renner ist. Dazwischen die herabgelassenen Rollläden der Künstlergruppe Metanationale, die sich mit "Weißsein und kritischer Weißseinsforschung" beschäftigt. "Das sind so alternative Typen, die stehen später auf", sagt der arabische Besitzer des Orientshops entschuldigend. Und dann ist da noch "Michele".

Wer dort eintritt, findet sich in einem typischen Berliner Altbauladen wieder. Vorne an der Theke sitzt "Michele" Schaller und verkauft tatsächlich italienische Feinkost und Wein, Ciabatta und Kaffee. Den ehemaligen Lagerraum mit Blick auf den Hinterhof mit seinen bunten Mülltonnen hat er zu einem Bistro ausgebaut. Auf den Tischen sind rot-weiß gescheckte Tischtücher. Es ist Freitag, früher Nachmittag. Was gibt es zu essen? "Fischsuppe", antwortet knapp die schöne Frau, die jetzt als Bedienung arbeitet und später hier einen persischen Sprachkurs leiten wird. Gut, also Fischsuppe. Sie ist sensationell gut, dicke Fischstücke mit reichlich Gemüse und viel Pfeffer, dazu getoastetes toskanisches Weißbrot. Und preiswert. Deshalb sitzen hier wohl die beiden arbeitslosen Architekten, die sich gerade lustig machen über das, was ihre Kollegen gebaut haben ("Ein Atrium, verstehst du, Atrium muss sein …"), und die beiden britischen Künstlerinnen, die sonst vielleicht über kritisches Weißsein arbeiten, aber im Augenblick über irgendeinen Typen kichern, den sie gestern in einem Klub kennengelernt haben. Willkommen in Wedding.

"Wedding ist im Kommen"

Früher wohnten in Wedding die Proletarier, die bei AEG an der Drontheimer Straße, der Brunnenstraße, der Schwedenstraße Maschinen, Turbinen und Motoren bauten. Alte Arbeiterlieder feiern den "Roten Wedding" und die Barrikaden und Straßenkämpfe des "Blutmai" 1929. Nach dem Mauerbau begann der Niedergang der Industrie. Die Wiedervereinigung und die Kürzung der Subventionen für die ehemalige Frontstadt gaben ihr den Rest. Die Arbeiter verschwanden. In den "Präpelstuben" an der Osloer Straße sitzt das, was vom Proletariat übrig geblieben ist, mittags beim zweiten Bier des Tages und überlegt sich, ob man noch kurz nach nebenan zum Wettladen soll oder ob das nicht doch ein bisschen viel Action ist, schließlich ist ja Wochenende. Was draußen jung ist und beschäftigt, hat in der Regel schwarze Haare und braune Augen. In den Grundschulen und Kitas des Quartiers Soldiner Straße, wie der Kiez offiziell heißt, sind 90 Prozent der Kinder neudeutsch, mit türkischen, arabischen oder afrikanischen Wurzeln. Ein Problembezirk, sagen manche Politiker. Ein Stadtteil mit Potenzial, sagt Michael Schaller: "Wedding ist im Kommen."

Schaller kommt aus Künzelsau in der Nähe von Heilbronn, wo die Welt noch in Ordnung ist, die Kehrwoche funktioniert, die Nachbarn darauf achten, wann "Damenbesuch" ist und was sich so alles im Müll der jungen Leute findet. Er hat in Berlin BWL studiert und bekam von der Universität weg einen Job bei einer schicken Firma am Potsdamer Platz, die sich aber gleich danach verzockte und 20 Prozent der Belegschaft entließ. Darunter Schaller. Der war mit einer Italienerin verheiratet und hatte eine Sprachschule in der Toskana besucht, weil ihn die Firma nach Italien schicken wollte. "Als sich das zerschlug, dachte ich mir: Essen, Wein und Sprachkurse kannst du auch hier im Wedding haben. Nur die Landschaft ist nicht so schön. Dafür ist die Miete hier bei der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Gesobau billig, und die Nachbarn sind nett."

Sprachkurse gibt es an sechs Tagen

An sechs Tagen die Woche gibt es bei Michele Kurse, jeden Tag eine andere Sprache: Italienisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Persisch, Türkisch, Business-Englisch. Dazu gibt es Wasser, Wein, Kaffee und – nun – Feinkost: Ciabatta mit Parmaschinken oder Pecorino, solche Sachen. Die Kurse laufen so lala, aber der Laden zieht die richtigen Leute an. "Neulich, als wir den neuen Beaujolais Primeur mit Live-Musik feierten, waren 50 Leute da: Studenten, Künstler, Intellektuelle, Leute vom Quartiersmanagement." Schaller sitzt selbst im "Quartiersrat", er hält Kontakt zu den Streetworkern von Gangway e.V., seine Dozenten kommen alle aus dem Kiez, "und ich habe auch türkische Stammkunden, die hier Kaffee trinken. Darauf bin ich sehr stolz, weil Türken normalerweise nicht zu Deutschen kommen". Es gibt eine Bonuskarte: Jeder zehnte Kaffee ist umsonst, und wer 100 trinkt, bekommt einen Besuch beim Coiffeur Umut spendiert. Die Geschäftsleute halten hier zusammen. Ob Araber, Türken oder Deutsche, sie haben ein gemeinsames Interesse daran, dass der Kiez nicht abkippt.

Das ist ein Kampf. "Sechsmal ist bei Umut eingebrochen worden. In 22 Jahren. Bei mir sechsmal seit dem Mai dieses Jahres." Dabei ist bei Michele außer der original italienischen Espressomaschine nichts zu holen. Vielleicht wollen die Leute Schutzgeld erpressen, denkt Schaller, vielleicht wollen sie ihn einschüchtern, "weil ich nicht nur deutsch bin, sondern auch noch blond". Es sind verschiedene Jugendgangs, Araber aus der Soldiner Straße, Türken aus dem gelben Haus gegenüber, Sinti und Roma aus der Gegend um die Stephanskirche, Deutsche auch. Viermal war Schaller selbst im Laden, als die Einbrecher kamen. Da waren sie gleich wieder weg. Einmal hat die Polizei ein paar arabische Jugendliche frühmorgens im Keller erwischt, als Schaller auf dem Weg zum Laden war. "Die Polizei ist sehr auf Zack. Schreiben Sie das bitte. Das sind die Polizeireviere 35 und 36. In zwei Minuten sind sie da, wenn der Alarm losgeht."

Im Wedding wird Multikulti noch gelebt

Am Tag nach der Festnahme aber liefen die Jugendlichen am Laden vorbei und zeigten Schaller durchs Fenster den Stinkefinger. Man hatte sie gehen lassen müssen, weil sie minderjährig waren und noch bei den Eltern wohnten. "Wissen Sie, es müsste so laufen, wie es die Richterin Kirsten Heisig geschrieben hat. Schnelle Reaktion und schnelle Strafe. Es sind Jugendliche, ich weiß, dass sie frustriert und gelangweilt sind, aber sie müssen merken, wo die Grenze ist. In Neukölln funktioniert das. Hier anscheinend nicht. Aber das ist auch ein Grund, weshalb ich für die Gentrifizierung bin. Da gibt"s im Quartiersmanagement auch andere Stimmen, weil das ja die Mieten hochtreibt. Aber wenn die Justiz mit diesen Gangs nicht fertig wird, muss es eben über die Sozialstruktur gehen." Und im Grunde genommen baut Schallers Businessmodell darauf.

Aus Prenzlauer Berg und Mitte ziehen die Leute mittlerweile verstärkt nach Wedding: Künstler und Studenten, junge Intellektuelle, Unternehmer und sogenannte Kreative: Schallers Kundschaft halt. Die Mieten sind bezahlbar, es sind nur ein paar Tramstationen in die Szenebezirke, und hier wird Multikulti noch gelebt. Weißsein, ob kritisch-selbstkritisch oder nicht, ist in vielen Häusern und Straßen noch Alleinstellungsmerkmal. Es ziehen aber nicht nur die üblichen Verdächtigen in den Kiez: Auffallend gut restauriert ist das Haus Prinzenallee Ecke Osloer Straße. "Dort im Haus mit dem pinkfarbenen Putz ist der Kardinal Woelki eingezogen. Der holt sich beim türkischen Bäcker gegenüber morgens seine Brötchen, steht ganz normal in der Schlange wie alle anderen."

Rituelle Schläge gegen die Brust

Vor einigen Tagen hätte der Kardinal auf eine Prozession schiitischer Muslime mit ihren Imamen stoßen können, die mit schwarzen Fahnen und rituellen Schlägen gegen die Brust des Massakers von Kerbela gedachten. Stumm schauten aus den Spielhöllen und Änderungsschneidereien die sunnitischen, aber religiös eher indifferenten türkischen Ladenbesitzer dem Treiben zu. Aus den Fenstern betrachteten türkische Mädchen ohne Kopftuch die voll verschleierten Frauen, die dem Zug der Männer folgten, unter ihnen einige hellhäutige Konvertitinnen, die sich durch besonders heftige Selbstkasteiung hervortaten. Schnell ließ ein deutsches Pärchen die Rollläden vor ihrer Erdgeschosswohnung herunter, in der man durch die Scheiben die Reichskriegsflagge und ähnliche Devotionalien hängen sah. Im Soldiner-Kiez gibt es eine katholische und eine evangelische Gemeinde, aber sechs Moscheen beziehungsweise Moschee- und Kulturvereine. Kampf der Kulturen? Eher ein gesundes Zeichen ihrer Koexistenz. Möglicherweise wäre dem Kardinal weniger die Fremdheit der Prozession ins Auge gefallen, als vielmehr ihre Ähnlichkeit mit den Zügen klagender christlicher Pilger an Karfreitag über die Via Dolorosa in Jerusalem.

Gutes Wedding, schlechtes Wedding

"Gutes Wedding, schlechtes Wedding" heißt ein Kultkabarett, eine Live-Soap, die das multikulturelle Leben des Bezirks zelebriert, die Marotten seiner Bewohner auf die Schippe nimmt und Abend für Abend ausverkauft ist. Bei Michele ist die Seifenoper tägliche Praxis. Gutes Wedding, darauf ist Michael Schaller eine existenzielle Wette eingegangen: Das wäre ein Stadtbezirk, in dem Schickimicki und Multikulti koexistieren, in dem Unternehmungsgeist belohnt und die Kriminalität bestraft wird, in dem die Hinterlassenschaft der Deindustrialisierung nicht nur Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, sondern auch preiswerte Lofts und ungewöhnliche Zukunftsideen bedeutet.

Gutes Wedding sind der Kaffee bei Michele und der Haarschnitt bei Umut, Künstler und Kardinäle, die beim türkischen Bäcker einkaufen. Schlechtes Wedding wäre das Szenario, bei dem der Suff, die Reichskriegsflagge und die Gewalt testosterongesteuerter Jugendgangs die Oberhand gewinnen. Schlechtes Wedding würde nicht nur für "Michele" das Aus bedeuten, sondern auch für den Traum einer Neubelebung des einstmals stolzen Arbeiterbezirks aus dem Geist der Gentrifizierung. Schade wäre es.

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