02.12.12

Sigrid Nikutta

Was die BVG-Chefin gegen U-Bahn-Schläger unternimmt

Seit zwei Jahren ist Sigrid Nikutta BVG-Chefin. Morgenpost Online sprach mit ihr über Sicherheit, Investitionen und Busse im Stau.

Von Thomas Fülling und Gilbert Schomaker
Foto: Glanze

Chefetage Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe BVG, führt das Unternehmen seit mehr als zwei Jahren
Chefetage Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe BVG, führt das Unternehmen seit mehr als zwei Jahren

Morgenpost Online: Frau Nikutta, wann sind Sie das letzte Mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren?

Sigrid Nikutta: Ich fahre eigentlich jeden Abend mit der Bahn nach Hause.

Morgenpost Online: Können Sie die schlechten Noten verstehen, mit denen die Berliner die Sicherheit abends in Berliner U-Bahnhöfen bewerten?

Nikutta: Eigentlich nicht, weil ich die Fakten kenne. Das ist eine Frage des subjektiven Sicherheitsgefühls. Weil ich weiß, dass alle U-Bahnhöfe videoüberwacht werden, kommt bei mir das Unsicherheitsgefühl nicht auf. Eher oben im Straßenland, weil ich weiß, hier gibt es keine Kamera mehr.

Morgenpost Online: Viele Fahrgäste wünschen sich aber, dass die Bahnhöfe nicht nur videoüberwacht werden, sondern dass dort auch wieder BVG-Personal anzutreffen ist?

Nikutta: Wir haben wieder deutlich mehr Personal auf den Bahnhöfen – auch dank der guten Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei. Nach dem im Mai vorigen Jahres mit dem Senat gemeinsam erarbeiteten "Maßnahmepaket für mehr Sicherheit" ist auch die Sichtbarkeit deutlich besser geworden. Und während wir früher nur Videobilder aufzeichneten, haben wir jetzt für herausragende Orte eine Videobeobachtung. Das heißt, wir haben Mitarbeiter in unserer Leitstelle, die sich die neuralgischen Punkte rund um die Uhr anschauen. Die können bei Gefahren sowohl verbal, also mit Hilfe von Lautsprecher-Durchsagen, eingreifen und wenn nötig sofort Sicherheitskräfte anfordern.

Morgenpost Online: Wie viele Vorkommnisse gibt es denn in den Bahnhöfen?

Nikutta: Pro Jahr wird allein auf den Bahnsteigen 55.000 Mal der Notruf-Knopf gedrückt. Zu 95 Prozent sind das Fehlalarme. Alle Zahlen, auch die der Polizei, belegen: Bei uns passiert eigentlich nicht viel. Allerdings: Anders als bei Übergriffen auf der Straße gibt es Dank unserer Videoanlagen sehr oft Bilder von den Zwischenfällen. Die sind anschließend in den Medien zu sehen. Wieder und immer wieder. Bei den Zuschauern entsteht daraus das Gefühl, bei der BVG passiert so viel. Das ist die Macht des Bildes. Verglichen mit den täglichen Fahrgastzahlen liegt die Zahl der Gewalttaten im Promillebereich. Dennoch bin ich froh, dass wir diese Bilder zur Verfügung stellen können. Sie helfen der Polizei, die Täter schnell zu fassen. Dank der Fandungserfolge gerade in den letzten Wochen hoffe ich, dass dies eine abschreckende Wirkung hat. Da klar sein muss, dass unsere Kameras Täter erfassen.

Morgenpost Online: Würden Sie sich wünschen, dass die Polizei stärker in den Bussen und Bahnen der BVG unterwegs ist?

Nikutta: Die Polizeipräsenz im ÖPNV hat sich in den letzten eineinhalb Jahren deutlich erhöht. Die Kollegen reagieren schnell und zuverlässig. Wir sind da sehr zufrieden. Besonders froh sind wir über den so entstandenen Polizei-Arbeitsplatz in unserer Leitstelle. Dieser ist rund um die Uhr besetzt, und der Beamte hilft unseren Mitarbeitern bei der Einschätzung von Problemlagen und kann gegebenenfalls sofort ein Eingreifen veranlassen.

Morgenpost Online: Vereinbart wurde im Mai 2011 auch, dass für mehr Sicherheit im Nahverkehr neben 200 Mitarbeitern der BVG auch 200 Polizisten eingestellt und eingesetzt werden?

Nikutta: Die Polizisten, die im "Maßnahmepaket für mehr Sicherheit" vereinbart wurden, sind noch in der Ausbildung. Das ist völlig nachvollziehbar. Ich gehe davon aus, dass sie danach auch bei uns zum Einsatz kommen. Das ist Basis für all unsere Planungen.

Morgenpost Online: Es gab ja auch BVG-intern Überlegungen, einige U-Bahnhöfe wieder ständig mit Personal besetzen. Wie ist da der Stand?

Nikutta: Die BVG hat schon jetzt Bahnhöfe ständig besetzt – nach einem hoffentlich nicht von Jedem nachvollziehbaren Prinzip. Wir entscheiden das immer operativ, wo unsere Kräfte gerade sind. Natürlich an Orten, wo wir sagen, da haben wir gewisse Häufungen von Vorkommnissen. Es gibt auch Überlegungen, dieses Team weiter aufzustocken. Aber das Problem der subjektiven Sicherheit ist nicht damit zu fassen, indem wir zehn Bahnhöfe jetzt ab sofort ständig mit Personal besetzen. Zum Beispiel der Vorfall im Februar 2011 im U-Bahnhof Lichtenberg, wo ein junger Mann schwer verletzt wurde. Da waren ungefähr 40 Leute auf dem Bahnsteig. Und kaum einer hat mitbekommen, dass da etwas passiert – so rasend schnell lief der Übergriff ab. Da hätte auch ein BVG-Mitarbeiter auf dem Bahnsteig nicht eingreifen können.

Morgenpost Online: Im Busverkehr ärgert viele Kunden im Alltag die "Pulkbildung". Erst kommt eine halbe Stunde lang gar kein Bus, dann fahren plötzlich drei hintereinander. Das ist weder kundenfreundlich, noch wirtschaftlich.

Nikutta: Wir sind jetzt ernsthaft dabei, das zu optimieren. Die BVG hat in ihrer Leitstelle extra einen Arbeitsplatz eingerichtet, damit sich ein Mitarbeiter genau um dieses Problem kümmert. Die Stelle ist rund die Uhr besetzt, das sind insgesamt sechs Kollegen, die nur dafür eingesetzt werden, sich die neuralgischen Linien wie etwa den M28, aber auch den M48 anzugucken und operativ einzugreifen. Das kann bedeuten, dass ein Bus den anderen überholt oder früher wendet. Letzteres kann aber bedeuten, dass die Fahrgäste, die möglicherweise lange gewartet haben, nun noch einmal umsteigen müssen. Das Problem ist: Wenn alle Busse in den gleichen Stau gefahren sind, dann kommen sie auch zur gleich Zeit da wieder raus. Dann ist der erste Bus voll, der zweite halb voll und der dritte leer. Da macht es schon Sinn, einen Bus eher wenden und ihn zurückfahren zu lassen. Die Maßnahme zeigt inzwischen schon Wirkung. Aber wenn in der Innenstadt gar nichts mehr geht, geht auch im Busverkehr nichts mehr.

Morgenpost Online: Können denn die Fahrgäste über solche Probleme nicht auch besser informiert werden?

Nikutta: Wir machen das ja schon, zum Beispiel durch Echtzeitinformationen, die mit dem Handy abgerufen werden können. An jeder Haltestelle können sich die Fahrgäste diese Information über den angebrachten QR-Code holen. Aber all diese Angebote sind eben nur etwas für eine zwar stetig wachsende Teilgruppe unter unseren Fahrgästen.

Morgenpost Online: Den Kunden ohne Smartphone könnten doch zum Beispiel Lautsprecher-Durchsagen an den Haltestellen helfen, wie es sie zum Beispiel in Zürich gibt.

Nikutta: Wir haben derzeit keine Lautsprecher an unseren Haltestellen, das ist historisch so. Es ist die Frage, ob man das jetzt noch nachträglich macht oder besser auf andere Informationssysteme setzt. Die mehr als 7200 BVG-Haltestellen in Berlin mit Lautsprecher nachzurüsten, ist auch finanziell kaum zu stemmen. Und es entstünde ein neues Problem, weil dann mit Beschwerden der Anwohner über Lärmbelästigung zu rechnen ist. Die BVG setzt vielmehr den Aufbau unseres Daisy-Systems fort, das darüber informiert, wann der nächste Bus oder die nächste Bahn kommt.

Morgenpost Online: Wie viele weitere Haltestellen sollen mit den Anzeigen ausgerüstet werden?

Nikutta: Unsere U-Bahnhöfe sind ja schon lange komplett ausgestattet. Bei unseren insgesamt 7.272 Bus und Straßenbahn-Haltestellen gibt es aktuell 498 solcher Anzeigetafeln. Bis Mitte 2013 werden es dann 608 Daisy-Anzeigen sein.

Morgenpost Online: Die steigenden Treibstoffkosten belasten die BVG. Sind da die "Großen Gelben", die bis zu 70 Liter Diesel auf 100 Kilometer verbrauchen, noch zeitgemäß?

Nikutta: Die BVG wird am Doppeldecker in der bisherigen Größenordnung festgehalten. Im Moment fahren bei uns dreiachsige Busse, die in der Tat sehr schwer und sehr lang sind. Früher hatte die BVG zweiachsige Fahrzeuge, die waren für den Berliner Stadtverkehr etwas besser geeignet. Wir werden uns anschauen, was es auf dem Markt gibt, und voraussichtlich im übernächsten Jahr eine Ausschreibung machen.

Morgenpost Online: Das wichtigste Investitionsvorhaben der BVG ist der Weiterbau der U-Bahn-Linie 5. Liegt bei dem Projekt alles im Plan, zeitlich und finanziell?

Nikutta: Die U-5-Baustelle läuft und sie läuft auch gut. Das ist aber kein Selbstläufer. Da muss man immer auf dem Laufenden sein. Das kostet schon einen nicht unerheblichen Anteil meiner Arbeitszeit.

Morgenpost Online: Zeichnen sich da schon Probleme ab?

Nikutta: Den Eröffnungstermin 2019 werden wir halten.

Morgenpost Online: Auch in dem vorgegebenen Kostenrahmen?

Nikutta: Ich habe keine anderen Indizien bisher. Aber wir bauen in Berlins Innenstadt, wahrlich kein leichter Baugrund. Man darf auch nie vergessen, dass das Kostenvolumen von 433 Millionen Euro aus dem Jahr 2007 kommt. Das ist schon ehrgeizig, was wir hier im Auftrag von Bund und Land leisten.

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