01.12.12

Verkaufsmesse

Auf der Ostpro stehen Besucher Schlange wie vor 1989

Ein Besuch auf der Ostpro ist wie eine Zeitreise in die ehemalige DDR. Viele der Produkte gibt es auch heute noch zu kaufen.

Von Nina Dinkelmeyer
Foto: Massimo Rodari

Wasser marsch: Jörg Widowski präsentiert seine „Dusch-Fee“
Wasser marsch: Jörg Widowski präsentiert seine "Dusch-Fee"

Um elf Uhr ist die Schlange schon gut 100 Meter lang – und sie wird minütlich länger. Der eisige Wind macht nicht nur die Hände und Füße kalt – er treibt auch verführerische Düfte in die Nasen der Wartenden. Es riecht nach Thüringer Bratwurst, nach Krakauer, nach Dresdner Stollen und Glühwein. Doch das bringt die Menschen nicht aus der Ruhe. Auch im Inneren der Halle geht es nur im Schneckentempo voran. Um die meisten Stände drängen sich immer gleich mehrere Besucher, die nicht nur eine Tüte tragen, sondern mehrere. Sie sind gefüllt mit Backmischungen von Kathi, Spreewälder Gürkchen oder dem Knusperbrot Filinchen.

Ostpro, Deutschlands größte Verkaufsmesse für Produkte aus den neuen Bundesländern, ist eine Zeitreise zurück in die DDR und ein kleines Einkaufsparadies für Ostalgie-Liebhaber. Aber sie ist mehr als nur das. Sie bietet eine Plattform für mehr als 140 kleine und große ostdeutsche Firmen, die Produkte aus dieser Zeit bewahrt oder weiterentwickelt haben.

Ein kleiner Messestand

Jörg Widowskis Messestand ist nicht größer als ein Quadratmeter. In eine kleine Badewanne hat er eine Puppe aus Plastik montiert. Das Produkt, das er an den Mann bringen will, gab es schon vor dem Fall der Mauer. Der 46-Jährige hält einen weißen, länglichen Duschkopf aus Plastik in den Händen. Seine "Dusch-Fee" ist eine Weiterentwicklung des typischen Kunststoffduschkopfs aus DDR-Zeiten. "Schauen Sie, hier spritzt nichts", sagt er mit kräftiger Verkäuferstimme und lässt seiner Puppe Wasser über den Kopf laufen. Die Brause entwickelte sein Vater in Chemnitz kurz nach der Wende, als es die alte Ostmarke plötzlich nicht mehr gab. "Sie ist für kleine Badezimmer geeignet", sagt er. Denn man könne sich mit ihr auch im Stehen in Badewannen duschen. Mittlerweile verkauft er seine Brause, die im Set rund 20 Euro kostet, in ganz Deutschland. Viele Kunden wüssten nicht einmal, dass es sie schon zu DDR-Zeiten gab.

Trotzdem: Dass auch Erinnerung eine große Rolle spielt, ist auf der Messe allgegenwärtig. Der Altersdurchschnitt liegt über 50 Jahren, die meisten Besucher kommen aus den neuen Bundesländern. "Viele können zu den Produkten Geschichten erzählen", sagt Veranstalterin Ramona Oteiza, die die Messe seit 1991 mit ihrer Firma Scot Messen organisiert.

"Es geht um die Erinnerungen

Auch die Sofamöbel von Creativ Sachsenpolster aus Kamenz gab es schon vor der Wende, und auch sie kann man inzwischen nicht nur in Berlin, Leipzig und Dresden, sondern auch in Dortmund und Siegen kaufen. "Natürlich haben wir die Qualität verbessert", sagt Verkaufsleiter Thomas Winter. Sonst aber wirken die bunten Sessel und Sofas wie aus den 80er-Jahren gefallen. Es gehe aber nicht nur darum, alte Emotionen zu wecken: "In den DDR-Plattenbauten hatte man früher nicht viel Platz. Heute haben wir uns auf Sofas und Sessel für kleine Wohnungen spezialisiert", sagt er.

Bei Creativ Sachsenpolster sitzen zwar immer wieder ein paar Messebesucher Probe, die Masse der Menschen aber drängt sich an anderen Ständen. "Es geht uns um die Erinnerungen", sagt Ute Giese. Die 61-Jährige lebt zwar mittlerweile in Mariendorf im Süden Berlins, wuchs aber in der ehemaligen DDR auf. Sie ist mit ihrer Tochter hier – schon zum fünften Mal. "Die Produkte gehörten zu meinem Leben bis 1989", sagt sie. Es sei eben doch etwas besonderes, die Spreewälder Gürkchen hier aus dem großen Glas und nicht im nächsten Supermarkt zu kaufen. Auch ihre 27-jährige Tochter Franziska muss bei vielen Dingen schmunzeln. "Vor allem bei alten Kinderbüchern", sagt sie.

Vor allem Kinder- und Kochbücher aus der Ex-DDR sind gefragt

Neben den Essensständen sind es die Spielzeug- und Buchstände, die mindestens genauso viele Besucher anlocken. "Das ist ein Stück Erinnerungskultur", sagt Birgit Hoffmann vom Kleinen Buchladen aus Berlin. Das Geschäft konzentriert sich auf politische und ostdeutsche Literatur. Während der Messe sind bei ihr aber vor allem die Kinder- und Kochbücher aus der Ex-DDR gefragt. "Die Leute haben mit den Büchern kochen gelernt", sagt sie. Viele möchten die Rezepte auch an ihre Kinder weitergeben.

"Welche Ostalgie?", fragt Reiner Karsten vom Stand des Berliner Geschäfts Ostpaket. Er mag das Wort nicht, das spürt man gleich. Um bei dem 60-Jährigen mit der Brille einzukaufen, muss man noch einmal extra anstehen. Die Leute drängen sich dicht an dicht. Karsten rechnet im Kopf die Preise der Waren aus ihren grünen Einkaufskörben aus Plastik zusammen. Die meisten kaufen mehr als nur einen Artikel: Tempo Linsen, Einkaufsnetze, kleine Plastiklöffel für Kinder. "Die Leute kennen die Produkte und können die Qualität einschätzen", sagt er. Den Menschen gehe es nicht um Ostalgie-, sondern um Heimatgefühle.

Das findet auch Isabell Weiß. Die 21-Jährige aus dem Erzgebirge besucht Verwandte in Berlin. "Sie sagten, da musst du unbedingt her", erzählt sie. Viele der Produkte kennt sie nur aus Erzählungen ihrer Familie. "Aber Filinchen-Brot, das gibt es bei uns immer noch", sagt sie.

Messe Ostpro, Velodrom, Paul-Heyse-Straße 26, noch am Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: zwei Euro.

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