28.11.12

Nach Skandal

Charité legt Konzept gegen weiteren Missbrauch vor

Nach nur einem Tag legt die von der Klinik gebildete Expertenrunde einen Acht-Punkte-Plan vor. Der Kern: Transparenz und Vertrauenspersonen.

Von Joachim Fahrun
Foto: dapd

In Sorge: Der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl
In Sorge: Der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl

Einen Tag, nachdem sich fünf Fachleute zur Aufarbeitung der Missbrauchskrise an der Charité zusammen gefunden haben, muss sich ein Expertengremium nun mit dem Papier "Acht Maßnahmen und Handlungsempfehlungen" beschäftigen. Es soll helfen, die Probleme in dem Uniklinikum zu beheben.

Die "Vorlage zur Bewertung durch das Expertengremium" wurde am Dienstag überraschend im Auftrag des Charité-Vorstandes formuliert. Noch am Dienstagmorgen wusste die Pressestelle des Universitätsklinikums nichts von diesem Vorstoß der Charité-Leitung. "Wir haben uns Gedanken gemacht und die Dinge analysiert", sagte Charité-Chef Karl Max Einhäupl.

Nun habe man aufgeschrieben, "was wir uns vorstellen können". Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) habe solch ein Papier verlangt.

Vorstand will Präventionsangebot erweitern

Der Vorstand möchte das umfangreiche Angebot an Prävention und Hilfen für misshandelte oder missbrauchte Kinder erweitern. Die Universitätsklinik will zudem ein Präventionskonzept gegen sexuellen Missbrauch und Übergriffe innerhalb der Charité erarbeiten. "Die Zahl nicht registrierter Verfehlungen ist vermutlich erheblich", heißt es in dem Text. Das sei bei 13.000 Mitarbeitern und 700.000 Behandlungsfällen pro Jahr schwer zu verhindern.

Solche Fälle sollen nun besser erfasst und daraus Präventionsideen entwickelt werden. Als Schlagworte werden in dem Papier unter anderen eine "weitere Sensibilisierung, verbesserte Meldekultur, Transparenz, Vertrauenspersonen, Mehraugenprinzip und Abfordern des erweiterten Führungszeugnisses in sensiblen Bereichen der Patientenbetreuung" genannt.

Externe Stelle soll vertrauliche Informationen entgegennehmen

Als dritten Punkt will der Vorstand die Möglichkeiten verbessern, Vorfälle anonym zu melden, über das "Vertrauenstelefon" und spezielle Vertrauenspersonen. Um das Bild der Charité in den Medien zu verbessern und zu vermeiden, dass der Vorstand wie im Falle des Keim-Ausbruchs auf der Frühchenstation und des Missbrauchsfalles in der Kinderrettungsstelle unter Verdacht gerät, Informationen zu unterdrücken, soll eine externe Stelle eingerichtet werden.

Diese soll vertrauliche Informationen mit eventuell heiklem Inhalt entgegennehmen und mit dem Vorstand den Zeitpunkt und zu Details einer eigenständigen Veröffentlichung beraten. Diese Aufgabe sollen eine oder mehrere "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit hoher Integrität" übernehmen.

Charité plant Kampagne für Respekt und Achtsamkeit

Fünftens soll die Charité intern eine Kampagne für Respekt und Achtsamkeit sowie für eine Kultur des "Hinschauens" starten. Sechstens soll eine Studie über zurückliegende Fälle und den Umgang damit erarbeitet werden. Ein weiteres Ziel sollen bessere Organisation und klarere Handlungsanweisungen an die mittlere Führungsebene in den Leitungen der einzelnen Zentren der Charité sein.

Dabei sei die Möglichkeit zu prüfen, die Leitung der großen und sensiblen Zentren künftig hauptamtlich zu besetzen. Bisher erledigen Ärzte beziehungsweise Wissenschaftler diese Aufgabe. Dieser Schritt solle "vorbehaltlich der Empfehlungen der Expertenkommission" erfolgen. Als achter und letzter Punkt sind ein "umfassendes strategisches Kommunikationskonzept (intern und extern) sowie die Vorbereitung für Krisenkommunikation aufgeführt.

PR-Agentur arbeitete zu

Wie die Mitglieder der Kommission dieses Vorgehen bewerten, war am Dienstag nicht zu erfahren. Die Vorsitzende Brigitte Zypries (SPD) war wegen ihres Armbruchs im Krankenhaus, ein weiteres Mitglied der Kommission wollte sich nicht äußern. Beteiligt an dem Acht-Punkte-Plan sind maßgeblich die PR-Berater, die der Charité-Vorstand als Reaktion auf die Krise hinzugezogen hat. Die ehemalige Berliner SPD-Gesundheitsexpertin Stefanie Winde, die Einhäupl 2010 aus dem Abgeordnetenhaus in die Charité holte, um in der Debatte um die Landessubventionen für die Sanierung die Kontakte in die Politik zu nutzen, spielt hingegen keine Rolle mehr. Sie steht vor der Ablösung.

Die Bonner Agentur Bonne Nouvelle, die von der früheren Sprecherin der Bundesfamilienministerin Claudia Nolte (CDU), Simone Stein-Lücke, geführt wird, soll die Charité nun unterstützen. Dabei stellte Stein-Lücke auch den Kontakt zu dem Kinderschutz-Verein Innocence in Danger vor, der durch eine Fernsehserie mit Jagd auf Sexualtäter und dessen Vereinspräsidentin Stephanie zu Guttenberg bekannt geworden ist.

Einhäupl weist Gerüchte über Bezahlung der Experten zurück

Stein-Lücke betreibt auch PR für Innocence in Danger. Innocence-Geschäftsführerin Julia von Weiler saß auch auf dem Podium der beiden Pressekonferenzen, in denen Charité-Chef Einhäupl die Versäumnisse in seinem Klinikum einräumte. Nun ist von Weiler Mitglied im Expertengremium. Ebenfalls Mitglied im Innocence-Präsidium ist der Berliner Kinderchirurg Sylvester von Bismarck. Udo Nagel, Hamburgs Ex-Innensenator und ebenfalls in der Beraterkommission, moderierte seinerzeit die Fernsehsendungen dazu. Die hohe Aufmerksamkeit hat Innocence in Danger nicht geschadet. Das Finanzvolumen wuchs von etwas mehr als 400.000 Euro 2009 auf mehr als 900.000 Euro zwei Jahre später.

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres, Aufsichtsrätin der Charité, musste durchsetzen, dass mit "Kind im Zentrum" (KiZ) eine Berliner Beratungsstelle für missbrauchte Mädchen in die Expertenkommission aufgenommen wurde. KiZ soll sich nun vor allem die Strukturen in der Charité vornehmen, hieß es aus dem Hause Scheeres.

Gerüchte, wonach die Experten für ihren Einsatz bezahlt würden, wies Charité-Chef Karl Max Einhäupl zurück. Die Bundestagsabgeordnete und Ex-Justizministerin Zypries wünsche keine Bezahlung. "Ich gehe davon aus, dass die Mitglieder der Kommission ehrenamtlich arbeiten", sagte Einhäupl. Im Wissenschaftsbereich sei das üblich, natürlich würden ihnen Auslagen erstattet.

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