26.11.12

Berlin-Buch

Flucht von Berliner Intensivtäter war geplant

Ein drogensüchtiger 23-Jähriger saß im Maßregelvollzug in Buch. Bei einem Arztbesuch konnte er spektakulär fliehen.

Von Hans H. Nibbrig
Foto: dpa
Die Berliner Polizei warnt die Bevölkerung vor dem geflohenen Intensivtäter und sucht nach ihm
Die Berliner Polizei warnt die Bevölkerung vor dem geflohenen Intensivtäter und sucht nach ihm

Raub, Erpressung, gefährliche Körperverletzung, Einbruch, Fahrerflucht – das Strafregister von Nadim O. hat einiges aufzuweisen. Wegen seiner Drogensucht schickte ein Gericht den 23-Jährigen bei seiner bislang letzten Verurteilung in ein Krankenhaus des Maßregelvollzugs in Buch.

Dort saß er seit Anfang des Jahres 2012 ein. Am Sonntag gelang ihm dann eine spektakuläre Flucht. Die Senatsgesundheitsverwaltung, der die Berliner Krankenhäuser des Maßregelvollzugs unterstehen, sieht sich jetzt veranlasst, die Öffentlichkeit vor dem aggressiven Verhalten des Flüchtigen zu warnen.

Alles minutiös vorbereitet

Sonntagabend kurz nach 22 Uhr. Wegen einer Verletzung an der linken Hand wird Nadim O. von der geschlossenen Station 12a des Krankenhauses in die Rettungsstelle des Helios-Klinikums gebracht. Die Verantwortlichen in der Einrichtung des Maßregelvollzugs wissen um die Gefährlichkeit, die jederzeit von einem drogensüchtigen Gewalttäter ausgehen kann.

O. wird mit Handschellen gefesselt, die durch eine Kette mit einem so genannten Bauchgurt verbunden sind und so fixiert von einem Wachmann und einem Pfleger in die Rettungsstelle gebracht. Was die Verantwortlichen hingegen nicht wissen: In der für die Öffentlichkeit jederzeit zugänglichen Rettungsstelle warten bereits zwei Bekannte von O.

Der gebürtige Araber mit deutschem Pass springt in einem unbeobachteten Moment plötzlich auf und rennt zum Ausgang, wo seine beiden Helfer alle Türen aufhalten. Wachmann und Pfleger machen sich sofort an die Verfolgung des Flüchtenden, können aber nicht verhindern, dass O. und seine Fluchthelfer in einen draußen bereits mit laufendem Motor wartenden Pkw springen, der sofort mit Hochgeschwindigkeit in der Dunkelheit verschwindet.

Mit Haftanstalten hatte der Flüchtige Erfahrung

Direkt nach dem Vorfall wird die Polizei alarmiert und eine Fahndung nach dem Flüchtigen ausgelöst, bislang ohne Ergebnis. Für die Fahnder steht ebenso wie für die Verantwortlichen des Krankenhauses fest, dass die Flucht lange zuvor geplant und vorbereitet wurde.

Wie die Suchaktion verläuft und welche konkreten Maßnahmen eingeleitet wurden, dazu wollte sich die Polizei am Montag nicht äußern. Es ist davon auszugehen, dass alle denkbaren Anlaufstellen des Flüchtigen in seinem familiären Umfeld sowie im Freundes und Bekanntenkreis in Augenschein genommen werden. Auch Berichte, wonach Fahnder und Funkstreifenwagenbesatzungen ausdrücklich vor der Gefährlichkeit des Mannes gewarnt worden seien, wollte die Polizei nicht kommentieren.

Nadim O. war im Herbst 2011 wegen Raubes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Wegen seiner Kokainsucht ordnete das Gericht die Vollstreckung der Strafe im Maßregelvollzug an, um dem Verurteilten die Möglichkeit einer Therapie einzuräumen. Nach Rechtskraft des Urteils landete O. in Buch.

Es war der erste Aufenthalt des 23-Jährigen in einem Krankenhaus des Maßregelvollzugs. Mit Haftanstalten hat der von der Polizei als Intensivtäter geführte Deutsch-Araber dagegen schon mehr Erfahrung. Bei seiner ersten Verurteilung war er 16, es folgten weitere Urteile wegen diverser Gewalttaten. Unter anderem wurde er als Jugendlicher zu einer fünfjährigen Haftstrafe wegen eines Überfalls auf eine Postbankfiliale verurteilt, von der er drei Jahre verbüßte.

Insassen haben Anspruch auf medizinische Behandlung

Häftlinge oder Insassen des Maßregelvollzugs, die wegen einer Verletzung oder anderen Beschwerden in ein öffentliches Krankenhaus gebracht werden, stellen stets ein Risiko dar. Schon manchem ist aus einer Klinik oder Rettungsstelle die Flucht gelungen. Das weiß man insbesondere auch in Buch.

Für besonders Aufsehen sorgte der Fall des 33-jährigen Sömmez B., der bereits zweimal in spektakulärer Manier aus dem Maßregelvollzug flüchten konnte. Im Oktober 2010 täuschte er so lebensecht Bauchschmerzen vor, dass er in die Rettungsstelle gebracht wurde. Dort riss sich der "Schwerkranke" in einem günstigen Moment von seinen Bewachern los und rannte nach draußen, wo bereits zwei Bekannte mit einem Fluchtauto auf ihn warteten.

Nach fünf Monaten spürten Fahnder ihn in Budapest auf. Bei seinem zweiten Ausbruch in Buch gelang es ihm im Juli 2011, unbemerkt die Gitter seines Badezimmers durchzusägen, das Fenster auszuhebeln und auch noch einen zwei Meter hohen Zaun um das Krankenhausgelände zu überwinden. Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) nahmen B. zwei Wochen später in einem Hotel in Gesundbrunnen fest.

Trotz der bekannten Risiken gebe es für die Verantwortlichen der Krankenhäuser zu der gängigen Praxis keine Alternative, betont Franciska Obermeyer, die Sprecherin der Gesundheitsverwaltung: "Auch Insassen des Maßregelvollzugs haben Anspruch auf medizinische Behandlung, auch wenn die nicht in der Einrichtung durchgeführt werden kann". Im Fall des jetzt Geflüchteten sei die Verletzung so offenkundig gewesen, dass eine Behandlung in der Rettungsstelle unvermeidbar war, sagte die Sprecherin.

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