24.11.12

Charité Berlin

Charité-Chef Einhäupl will Mitarbeiter besser überprüfen

Nach dem Missbrauchsfall an der Berliner Charité kündigt der Chef im Interview mit Morgenpost Online erste Konsequenzen an.

Von Joachim Fahrun und Claudia Becker
Foto: dapd
Berlin/ Karl Max Einhaeupl, Leiter der Charite Universitaetsmedizin Berlin, aeussert sich am Mittwoch (21.11.12) in der Charite in Berlin auf einer Pressekonferenz zum Verdacht des sexuellen Missbrauchs einer 16-Jaehrigen durch einen Krankenpfleger vor einem Portraet des Arztes Friedrich Kraus (1858 - 1936) des Kuenstlers Willy Jaeckel. Einhaeupl hat den Verdacht des sexuellen Missbrauchs der 16-Jaehrigen als "aeusserst erschuetternden Vorfall" bezeichnet. Die Klinikleitung sei tief betroffen und werde alles tun, um den Vorfall schnell aufzuklaeren, sagte Einhaeupl am Mittwochnachmittag vor Journalisten. Zugleich raeumte er indirekt Fehler in der Informationspolitik ein. Er kuendigte an, dass die Informationspolitik der Charite "vom Kopf auf die Fuesse gestellt" werden muesse. (zu dapd-Text)
Foto: Clemens Bilan/dapd
Berlin/ Karl Max Einhaeupl, Leiter der Charite Universitaetsmedizin Berlin, aeussert sich am Mittwoch (21.11.12) in der Charite in Berlin auf einer Pressekonferenz zum Verdacht des sexuellen Missbrauchs einer 16-Jaehrigen durch einen Krankenpfleger vor einem Portraet des Arztes Friedrich Kraus (1858 - 1936) des Kuenstlers Willy Jaeckel. Einhaeupl hat den Verdacht des sexuellen Missbrauchs der 16-Jaehrigen als "aeusserst erschuetternden Vorfall" bezeichnet. Die Klinikleitung sei tief betroffen und werde alles tun, um den Vorfall schnell aufzuklaeren, sagte Einhaeupl am Mittwochnachmittag vor Journalisten. Zugleich raeumte er indirekt Fehler in der Informationspolitik ein. Er kuendigte an, dass die Informationspolitik der Charite "vom Kopf auf die Fuesse gestellt" werden muesse. (zu dapd-Text) Foto: Clemens Bilan/dapd

Charité-Chef Karl Max Einhäupl hat erste Konsequenzen aus dem neuerlichen Krisenfall in der traditionsreichen Universitätsklinik angekündigt. "Wir müssten einen Kommunikationsmanager an der Spitze einsetzen, um alle Schwierigkeiten zu bewältigen", sagte Einhäupl "Morgenpost Online". "Mein wesentliches Ziel ist, dass die Charité ihre Prozesse auch mit ihren Fehlern transparent kommuniziert, auch in die Medien hinein." Außerdem kündigte Einhäupl im Interview mit "Morgenpost Online" an, die Mitarbeiter künftig besser zu überprüfen.

Morgenpost Online: Herr Professor Einhäupl, Keime auf der Frühchenstation, ein Forschungsgebäude ohne heißes Wasser in den Labors, eine Schwester, die Patienten tötet, Mängel in der Krankenpflege, eine verdreckte Krankenhausküche und jetzt der Missbrauch an einem 16-jährigen Mädchen durch einen Pfleger. Verspielt die mehr als 300 Jahre alte Charité gerade ihren Ruf?

Karl Max Einhäupl: Ich räume ein, dass das, was jetzt passiert ist, die Reputation der Charité nicht gerade fördert. Und so, wie wir den Serratienkeim auf der Frühchenstation vor einigen Wochen kommuniziert haben, war das auch kein Ruhmesblatt. Aber die Charité ist eines der größten und angesehensten Krankenhäuser Europas. Wir sind dreimal so groß wie eine durchschnittliche Universitätsklinik. Insofern treten bei uns alle Probleme auch dreimal so häufig auf. Aber jedes der geschilderten Probleme muss uns dazu veranlassen, darüber nachzudenken, was wir an den Strukturen verbessern müssen. Der letzte Fall eines Missbrauchs in einer Kinderklinik ist natürlich tragisch, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Charité.

Als Vorstandsvorsitzender erfahren Sie von dem Verdacht erst eine knappe Woche nach der Tat. Haben Sie Ihr Haus noch im Griff?

Es ist inakzeptabel, dass ich das erst eine knappe Woche danach erfahren habe. Wir werden deshalb auch die Berichtslinien in der Charité verbessern und klarere Anweisungen geben, wer wem wann was zu kommunizieren hat. Ohne Wenn und Aber!

Am Freitag vergangener Woche hat man Ihnen zwischen Tür und Angel zugerufen, es gebe einen Fall sexuellen Missbrauchs. Sie haben erst mal nicht reagiert. Fehlt Ihnen der Sensor für solch ein sensibles Thema?

Für mich war zunächst nur erkennbar, dass zwei leitende Mitarbeiter der Charité sich verantwortlich kümmern. Mir waren keine Details bekannt, es wurde mir gesagt, es sei bereits in den Händen von A und B …

… Ihrem ärztlichen Direktor und der Pflegedienstleitung …

Ja, so war das. Ich habe nicht gewusst, dass es sich um ein Kind handelt, und nicht, dass es sich um einen Patienten handelte. Ich habe das sicherlich an dieser Stelle nicht richtig eingeordnet. Aber ich erwarte als Vorstandsvorsitzender, dass solche gravierenden Probleme mir in ihrer gesamten Tragweite geschildert werden.

Es gibt aber ein Kommunikationsproblem. Welche Schritte leiten Sie dagegen ein?

Wir müssen ein neues Kommunikationskonzept entwickeln, auch als Folge aus dem Umgang mit dem Keimausbruch auf der Frühchenstation. Es geht um externe Kommunikation mit den Medien, aber vor allem auch um interne Kommunikation. Viele Krankenhäuser haben ähnliche Probleme und einen Verbesserungsbedarf. Wir können dadurch auch für andere Modell sein, weil wir durch die Größe unseres Hauses besonders darauf angewiesen sind, dass die Kommunikation läuft. Das wurde am Freitag im Aufsichtsrat beschlossen – und am Freitagabend ist die Missbrauchsproblematik an uns herangetragen worden.

Warum ruft die Charité angesichts eines solchen Verdachts nicht sofort die Polizei?

Ich verabscheue diese Tat zutiefst. Klar, wir müssen das Opfer schützen, das ist das Wichtigste. Aber bevor wir einen verdächtigen Mitarbeiter anzeigen, müssen wir starke Hinweise haben, dass er auch ein Täter ist.

Aber das ermittelt doch die Staatsanwaltschaft …

Wenn Sie einen Pfleger eines Krankenhauses aus einem pädiatrischen Bereich anzeigen, dann wird er diesen Makel nie wieder loswerden. So wird eine weitere Familie zerstört, zu Unrecht, wenn sich ein Verdacht nicht bestätigt. Wir haben auch eine Fürsorgepflicht, und darauf können sich unsere Mitarbeiter verlassen.

Es gab über diesen Pfleger mehr als Gerede unter Kollegen. Es gab eine Anzeige 2011, eine Untersuchung 2009, einen weiteren Verdacht 2005. Wie kann es sein, dass dieser Pfleger weiter auf einer Kinderrettungsstelle eingesetzt wird?

Als die Frage der Anzeige anstand, war diese Vorgeschichte noch nicht bekannt. Sie müssen das erst einmal recherchieren, bevor Sie daraus den Schluss ziehen, dass er der Täter ist. Ich werde in Zukunft sicher offensiver mit der Frage einer Anzeige umgehen, auch um die Charité zu schützen. 2009 gab es eine Begutachtung des Mannes, die hat ergeben, dass die Tat als unwahrscheinlich eingestuft worden ist. Damals wurde dieser Fall als solitäres Ereignis betrachtet. Und wenn das so ist, gibt es keine Veranlassung und auch kein Recht dazu, in der Personalakte einen Vermerk zu machen.

Es könnte ohnehin schwierig werden, den Mann zu überführen. Das Opfer und seine Eltern sind verschwunden, es gibt keine DNA-Spuren, keine körperlichen Schäden.

Wenn es der einzige und erste Fall mit diesem Beteiligten ist, würde ich Ihnen zustimmen. Wenn es aber nicht der erste Fall ist und es hier ein gewisses Muster gibt, ist das anders. Aber die Gerichte müssen entscheiden, ob sie ihn verurteilen.

Gibt es in der Klinik einen Korpsgeist, wie er in der Missbrauchsdebatte auch in kirchlichen Einrichtungen zu beobachten war?

Ich würde das Wort Korpsgeist nicht akzeptieren. Es ist doch immer so, dass das Umfeld von Tätern, sogar Mördern, nachher sagt, wir hätten nie geglaubt, dass der so etwas tut. Täter sind häufig "nette Typen" mit sozialem Erfolg. Das machen sie sich zunutze, um sich Opfern zu nähern.

Aber es gibt doch Wissen über den Verdacht. Sonst wüssten Sie nichts von alten Fällen?

Wir haben eine externe, unabhängige Kommission unter der Leitung der ehemaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries eingesetzt, um zu prüfen, ob es an der Charité ein Klima gibt, in dem Leute Nachteile zu befürchten haben, wenn sie Auffälligkeiten melden. Das Gespräch mit den Pflegern und Ärzten auf der Station hat mich überrascht. Sie wollten mit großer Überzeugung nicht wahrhaben, dass ihr Kollege ein Täter ist. Sie haben über Jahre mit ihm zusammengearbeitet, er war mal Personalrat. Für diese Menschen ist das unfassbar. Aber der Glaube, dass jemand solche Dinge nicht macht, genügt nicht. Wir müssen in der Charité über Fehlerkultur diskutieren. Nur ein anderer Umgang mit Fehlern wird möglich machen, solche grauenvollen Dinge auf ein Minimum zu reduzieren. Aber man muss auch eines sagen: Dieser Vorgang an der Charité ist anders als an der Odenwaldschule oder dem Canisius-Kolleg ein bedauerlicher Einzelfall und kein systematisches Problem der Charité.

Das heißt, es ist das erste Mal vorgekommen, dass hier ein Pfleger oder Arzt eine Patientin missbraucht hat?

Es ist noch einmal vorgekommen, nicht in der Kinderklinik, sondern in der Psychiatrie. Es gab 2010 ein Verfahren und ein Urteil, der Täter wurde aus der Charité entfernt. Darüber wurde auch berichtet.

Die Charité besteht aus vielen Kliniken und Fakultäten mit mehr als 13.000 Mitarbeitern. Ist solch ein Riese unregierbar?

Natürlich bringt Größe Probleme, aber es gibt auch in kleineren Krankenhäusern solche Schwierigkeiten. Trotzdem ist klar, dass wir kranken Menschen, die in eine Klinik kommen, ein Höchstmaß an Schutz bieten müssen. Das ist nicht von der Größe abhängig.

Wie kann man es schaffen, dass das Krankenhaus da menschlich bleibt?

Das ist in erster Linie eine Frage der Kultur eines Hauses. Letztlich aber auch eine Frage der Finanzierung von Gesundheit. Wenn die Menschen in Deutschland bereit sind, mehr Geld in das Gesundheitssystem hineinzugeben, dann kann dieses auch mehr leisten. Wir sind mit den Rationalisierungsmaßnahmen am Anschlag. Wenn Patienten bereit sind, höhere Krankenkassenbeiträge zu bezahlen, dann können wir auch mehr tun.

Mit welcher Vision haben Sie 2008 Ihr Amt angetreten, wie enttäuscht sind Sie jetzt?

Angetreten bin ich mit der Vorstellung, die Charité zu einem der führenden Krankenhäuser in Europa zu machen. Und zwar nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch als Haus, in dem sich die Menschen wohlfühlen. Aber in meiner Amtszeit ist die Schere zwischen Kosten und Erlösmöglichkeiten immer weiter auseinandergegangen. Die Probleme in Universitätskliniken wachsen noch schneller als in anderen Krankenhäusern, weil hier noch schwerere Fälle mit höheren Kosten behandelt werden. Viele Visionen werden nicht Wirklichkeit, weil wir im Moment damit beschäftigt sind, den Standard zu halten, obwohl wir in der Finanzierung weiter nach unten gehen. Wir brauchen den Mut zur Veränderung.

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