24.11.12

Berliner Uni-Klinik

Neues Schutzkonzept nach Missbrauch an der Charité

Prävention - Die Beratungsstelle "Kind im Zentrum" erstellt nach den Missbrauchsvorwürfen ein Kinderschutzkonzept für die Charité.

Von Nicole Dolif
Foto: dapd

Sensibler Bereich: Schriftzug der Charité-Kinderklinik auf dem Gelände des Campus Virchow in Wedding
Sensibler Bereich: Schriftzug der Charité-Kinderklinik auf dem Gelände des Campus Virchow in Wedding

Im Krankenhaus begibt man sich vertrauensvoll in die Hände anderer. Umso schlimmer, wenn dieses Vertrauen ausgenutzt wird. In der Kinderrettungsstelle der Charité soll ein 58-jähriger Pfleger ein 16-jähriges Mädchen missbraucht haben. Der Mann wurde vom Dienst suspendiert. Die Öffentlichkeit wurde von der Klinik erst eine Woche später über den Vorfall informiert. So steht die Charité – wie auch schon im Zusammenhang mit den Darmkeimen auf der Frühchenstation – in der Kritik für ihre Informationspolitik.

Auf Druck von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) beauftragte die Charité die Beratungsstelle "Kind im Zentrum" (KIZ) mit der Erarbeitung eines Kinderschutzkonzeptes. KIZ-Leiterin Sigrid Richter-Unger sagte, die Patienten, aber auch die Klinikmitarbeiter dürften nun nicht weiter unnötig verunsichert werden. Es gehe schließlich auch darum, "verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen". Mit der Soziologin sprach Nicole Dolif.

Morgenpost Online: Missbrauch im Krankenhaus – das dürfte es doch eigentlich gar nicht geben.

Sigrid Richter-Unger: Das ist richtig. Aber völlig ausschließen lässt sich so etwas leider nie. Es gibt nun einmal Menschen mit derartigen Neigungen. Und leider finden sie sich auch gerade in sozialen Berufen, weil sie dort die Möglichkeit für einen leichten Zugriff sehen.

Morgenpost Online: Was können die Kliniken dagegen tun?

Sigrid Richter-Unger: Man kann Strukturen schaffen, in denen Missbrauch erschwert wird. Abläufe müssen transparent sein, Türen sollten nicht abgeschlossen werden und bestimmte Handlungen am Patienten sollten am besten nur zu zweit vorgenommen werden. Mindestens genau so wichtig ist allerdings die Kommunikation. Es muss Offenheit herrschen. Und wenn es zu einem Vorfall kommt muss er ernst genommen werden. Und des muss klare Strukturen geben, in welcher Reihenfolge wer informiert wird.

Morgenpost Online: Genau das hat ja in der Charité wieder nicht geklappt…

Sigrid Richter-Unger: Das stimmt. Da gab es einige Lücken und Probleme. Das muss auf jeden Fall besser werden.

Morgenpost Online: Sie sagen, dass bestimmte Behandlungen nur zu zweit verübt werden sollten. Das ist mit dem knappen Klinikpersonal doch aber gar nicht zu leisten

Sigrid Richter-Unger: Das ist sicher schwierig und vielleicht auch nicht immer machbar. Aber dann muss man sich Wege überlegen. Das Personal muss für das Thema sensibilisiert werden. Sie müssen selbst darauf achten, ob es vielleicht einen Kollegen gibt, der bestimmte Sachen immer alleine machen möchte. Manchmal geht es auch durch eine einfache Umstrukturierung, dass mehr Pflegepersonal im gleichen Raum ist. Wichtig ist aber, dass es dadurch nicht zu Vorverurteilungen kommt.

Morgenpost Online: Das Personal soll sich also gegenseitig auf die Finger schauen?

Sigrid Richter-Unger: Ja, zumindest auch. Sie sollen sich füreinander interessieren und das Thema nicht ausblenden. Einen Kollegen, der sich einer Straftat schuldig macht, zu schützen, ist falsch verstandene Kollegialität. Da ist es besser, wenn von vornherein ein Klima der Transparenz herrscht und die Situationen, in denen ein Missbrauch überhaupt möglich wäre, so gering wie es nur geht gehalten werden.

Morgenpost Online: Was haben sie jetzt konkret vor, um die Patienten in der Charité besser zu schützen?

Sigrid Richter-Unger: Wir werden uns zunächst die vorhandenen Strukturen und Abläufe genau ansehen und dann schauen, was man daran ändern kann. Außerdem werden wir das Personal fortbilden und eine Supervision durchführen.

Morgenpost Online: Was kann die Klinik selbst tun?

Sigrid Richter-Unger: Auch hier heißt das Zauberwort: Offenheit. Missbrauch verschwindet ja nicht, nur weil man nicht darüber redet. Das Thema muss präsent sein, es muss angesprochen werden. Sogar schon im Einstellungsgespräch. Daran merkt der Mitarbeiter, dass hier die Augen offen gehalten werden und der Zugriff sicher nicht leicht werden wird. Denkbar ist auch, dass man für die Arbeit im Krankenhaus ein erweitertes Führungszeugnis, in dem auch geringe Straftaten aufgeführt sind, verlangt. Das ist im Bereich der Jugendhilfe längst üblich. Und auch immer mehr Sportvereine verlangen das von ihren Mitarbeitern. Zumindest dann, wenn sie mit den Kindern auch wegfahren.

Morgenpost Online: Aber schafft so etwas nicht ein Klima des Misstrauens auch unter den Kollegen?

Sigrid Richter-Unger: Das kommt darauf an, wie man das macht. Wenn die Regeln für alle gelten, ist es fair. Es geht aber natürlich nicht, dass nur von einem Mitarbeiter so ein Zeugnis verlangt wird, weil man bei ihm so einen Verdacht hat. Das Thema Missbrauch muss ganz selbstverständlich im Arbeitsalltag eine Rolle spielen. Dann reagieren auch alle Mitarbeiter sensibel darauf.

Morgenpost Online: Wie kann die Charité das Vertrauen ihre Patienten wiedergewinnen?

Sigrid Richter-Unger: Durch Offenheit und Kommunikation. Ein Krankenhaus ist ein Ort, an dem eine besondere Sensibilität gefordert ist. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene, sind dort in einer abhängigen Situation und unter Umständen hilflos ausgeliefert. Wenn das ausgenutzt wird, ist es besonders schlimm. Da hilft jetzt wirklich nur Offenheit. Und das kann auch klappen. Denn gerade die Charité hat einen sehr guten Kinderschutz, was die Fälle angeht, die von außen in die Klinik kommen. Die Mitarbeiter sind dort sehr sensibel, fragen bei Verletzungen genau nach und arbeiten im Zweifelsfall mit den Ämtern eng zusammen. Diesen Schutz müssen aber auch die Kinder bekommen, die sich im Krankenhaus befinden. Deshalb muss die Charité den Blick auf sich selbst lenken und kritisch schauen, was dort zu verbessern ist.

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