24.11.12

Berliner Senat

Bildungssenatorin Sandra Scheeres nimmt Fahrt auf

Als die unerfahrene Sandra Scheeres Bildungssenatorin wurde, waren die Bedenken groß. Doch bisher geht ihre Taktik auf.

Von Christina Brüning und Regina Köhler
Foto: dapd

Klatschen für Kinder: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) beim Besuch einer Kita. Zu ihrem riesigen Ressort gehören Kindergärten, Schulen und Hochschulen
Klatschen für Kinder: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) beim Besuch einer Kita. Zu ihrem riesigen Ressort gehören Kindergärten, Schulen und Hochschulen

Es habe nur noch klick-klick-klick gemacht in ihrem Kopf, erzählt Sandra Scheeres. Sie habe an diesem letzten Donnerstag vor den Herbstferien gerade in der Plenarsitzung im Abgeordnetenhaus gesessen, als die Nachricht vom krank machenden Schulessen sie erreichte. Tausende Fälle von Magen-Darm-Grippe bei Schülern und Kita-Kindern deutschlandweit, mehrere Hundert schon in Berlin. Kinder, Keime, Chaos – die Zeichen standen auf Skandal. "Als erstes habe ich gedacht: Wir dürfen morgen kein Essen ausliefern lassen. Das kann ich nicht verantworten." Der nächste Gedanke schoss der SPD-Bildungssenatorin gleich hinterher. "Was passiert, wenn diese Geschichte danebengeht?"

Doch es ging nicht schief. Die Organisation klappte, zum Schulanfang war die Geschichte vorüber. Die Episode gehört nun zum Repertoire von Sandra Scheeres, wenn sie über Erfolge im vergangenen Jahr spricht. Sie klingt dann selbst ein bisschen erstaunt, wie gut alles lief.

Die Personalie Scheeres war eine der großen Überraschungen der Regierungsbildung für das dritte Kabinett Wowereit. Und auch ein Jahr später ist die Frau mit den langen braunen Haaren und der ruhigen Art eine Überraschung. In einem Senat, der in den vergangenen zwölf Monaten kaum eine Affäre und keinen Rücktritt ausgelassen hat, reüssiert ausgerechnet diejenige, die mit den größten Bedenken gestartet ist. Und wie beim Schulessen zeigt Scheeres auch aktuell in der Affäre um den Missbrauch einer 16-Jährigen an der Charité, dass sie weiß, Skandale in ihrem Zuständigkeitsgebiet durch eine frühe Positionierung, etwa mit klarer Kritik an der Klinikleitung, zu ihrem Vorteil zu machen.

Harsche Kommentare aus der Wirtschaft

Am 1. Dezember 2011 wurde Sandra Scheeres als Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft vereidigt. Mit 41 Jahren, ohne Erfahrung mit der Leitung einer Behörde oder dem Umgang mit einem Milliarden-Etat. Die außerhalb der Landespolitik unbekannte jugend- und familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Erzieherin und Diplom-Pädagogin, sollte das riesige Ressort von Jürgen Zöllner übernehmen. Dem Professor der Medizin, Regierungsprofi und Schwergewicht in der Wissenschaftspolitik. Anfangs wurde Scheeres als Staatssekretärin gehandelt, für den Senatorenposten strebte die SPD an, eine Expertin von außen zu holen. Am Ende wurde die Abgeordnete und Mutter zweier kleiner Söhne befördert. Vor allem aus der Wissenschaftslandschaft waren die Kommentare dazu harsch, die Hochschulmetropole Berlin fürchtete den Gewichtsverlust, die Universitätspräsidenten rangen in der Öffentlichkeit um optimistische Formulierungen.

Die öffentlichen Auftritte von Sandra Scheeres schienen lange Zeit den Skeptikern recht zu geben. Scheeres ist keine gute Rednerin, ihre ersten Pressekonferenzen offenbarten eindrücklich, wie wenig die Senatorin sagen konnte, wenn die Antwort zu einer Frage nicht mehr auf der vorbereiteten Vorlage stand. Dann wich sie gerade im Wissenschaftsbereich auf stereotype Worthülsen aus oder blickte hilfesuchend zu ihren Sprechern. Und doch schaffte es Scheeres, sich schnell Respekt zu verschaffen. Im Dialog.

"Ausgesprochen angenehm"

Im ersten Moment klingt es nach einem Verlegenheits-Lob, wenn der Präsident der Technischen Universität, Jörg Steinbach, heute über das erste Jahr mit der neuen Senatorin sagt, Scheeres habe im Umgang mit den Uni-Präsidenten einen Stil eingeführt, der "ausgesprochen angenehm" sei. Scheeres rufe auch mal kurzfristig an, um über einen Sachverhalt zu reden, stimme sich gut ab. Auch die Präsidenten der Humboldt-Universität und der Freien Universität loben die "kommunikative Art" der Senatorin. Natürlich gebe es noch Luft nach oben, was ihre fachliche Einarbeitung angehe, heißt es. Auch FU-Präsident Peter-André Alt betont aber das "vertrauensvolle Verhältnis", das Scheeres zu den Universitäten aufgebaut hat. "Frau Scheeres ist in riesengroße Fußstapfen getreten, aber sie kommt jetzt durchaus in Fahrt", sagt HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz. "Vielleicht haben wir sie auch unterschätzt."

Auch Scheeres" Äußerungen zum Finanzbedarf der Universitäten dürften für das Wohlwollen der Präsidenten gesorgt haben. Als die drei Berliner Hochschulen 100 Millionen Euro mehr Geld zum Auftakt der Verhandlungen zu den Hochschulverträgen für 2014–17 forderten, erkannte Scheeres den Bedarf an. Ein ungewöhnlicher Schritt, soll sie doch ab kommendem Jahr mit den Präsidenten am Verhandlungstisch pokern. So ist aus Wissenschaftskreisen auch zu hören, die Äußerung könne nur ihrer politischen Unbedarftheit geschuldet und nicht abgesprochen gewesen sein. Die Uni-Präsidenten werten die Aussage aber auch als Zeichen, dass Scheeres bei den Verhandlungen eher an ihrer Seite stehen will als auf Seiten des Finanzsenators. "Das war nicht nur Rhetorik, sondern eine echte Perspektive der Partnerschaftlichkeit", sagt Alt.

Lieblingsthema Kita

Aber auch Kita-Erzieher, Lehrer und Schulleiter äußern sich bisweilen fast euphorisch über den Umgangston, den Scheeres in ihrer Verwaltung eingeführt hat. Die Arbeitsatmosphäre habe sich deutlich verbessert, sagen sie. An den Berliner Schulen ist gut angekommen, dass Sandra Scheeres seit Amtsantritt "auf Tour" ist, um sich vor Ort ein Bild zu machen. "Wir fühlen uns ernst genommen", sagt eine Schulleiterin. Der Vorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, Ralf Treptow, spricht von einem Jahr der Konsolidierung für die Schulen. "Die Senatorin hat sich viele Schulen angesehen und viele Anregungen von Schülern, Schulleitern, Gewerkschaften und Verbänden gehört." Im Kitabereich, von jeher ihrem Lieblingsthema, hat Scheeres sowieso den größten Rückhalt.

Wie wichtig der Führungsstil der Behördenleitung ist, zeigt ein anderes Beispiel des im Dezember 2011 vereidigten Senats. Auch die parteilose Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz war eine Überraschung im Kabinett. Doch es dauerte nicht lange, da stöhnte ihr Umfeld darüber, die neue Senatorin entscheide alles im Alleingang, höre auf keinen Rat. Am Ende scheiterte Sybille von Obernitz an ihren einsamen Entscheidungen und trat zurück. Scheeres scheint sich darüber bewusst gewesen zu sein, dass Kommunikation ihre Stärke ist, nicht programmatische Reden. Sie habe sich gleich vorgenommen, einen neuen Führungsstil einzuführen, sagt sie. Also sorgte sie etwa für direkte Kommunikation zwischen Referatsleitern und Behördenspitze. "Anfangs waren die Leute erstaunt, wenn sie mich auf einmal am Telefon hatten", sagt sie.

Bundes-SPD wird hellhörig

Geht es um inhaltliche Erfolge im vergangenen Jahr, gehören zu Scheeres Eigenlob-Repertoire etwa die Haushaltsverhandlungen mit Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), bei denen sie 4,3 Milliarden Euro ausgehandelt hat. Dass Bildungsausgaben Schwerpunkt der SPD im Wahlkampf waren und Wowereit ihr den Rücken stärkte – geschenkt. Auch der reibungslose Schulstart, der in Angriff genommene Kita-Ausbau und die Hortbetreuung für 5.- und 6.-Klässler gehören laut Scheeres zu ihren Erfolgen. Doch damit setzte Scheeres vorgegebene Koalitionsvereinbarungen um, den vergleichsweise ruhigen Schulbeginn verdankt sie auch dem ausgerufenen Schulfrieden. Sie muss derzeit keine Reformen durchboxen wie ihr Vorgänger. Bei den Verhandlungen über die für Berlin so erfolgreich verlaufene Exzellenzinitiative der Universitäten und der wegweisenden Fusion von außeruniversitärer und universitärer Forschung durch Max-Delbrück-Centrum und Charité konnte sich Scheeres auf ihren erfahrenen Wissenschaftsstaatssekretär Knut Nevermann stützen. Überhaupt gilt ihre Auswahl der Staatssekretäre mit Nevermann, Mark Rackles für den Schulbereich und Sigrid Klebba für Jugend als gelungen.

Auch in der Bundes-SPD ist man auf Scheeres hellhörig geworden. Sie soll mit der Schweriner Sozialministerin Manuela Schwesig den familienpolitischen Bürgerdialog für den Bundestagswahlkampf gestalten, erzählt Scheeres stolz.

Es fehlen die Visionen

Doch so einheitlich alle Akteure ihren neuen Stil loben, so verfallen sie auch unisono in die Kritik, es fehle der Senatorin die Vision für die kommenden Jahre, und ihre Durchsetzungsfähigkeit müsse sie noch beweisen. Scheeres selbst nennt "eine familienfreundliche Stadt" als ihr Ziel. Doch das reicht ihren Mitspielern nicht. Nachdem Scheeres sich bei den Akteuren nun umgehört habe, müsse sie es jetzt verstehen, die Anregungen in ihrer Verwaltung auch umzusetzen, heißt es etwa von der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. Die größte Herausforderung dürfte in den kommenden Jahren eine ausreichende Personalausstattung in Schulen und Kitas sein. Schulleiter mahnen außerdem ein Konzept für die Entwicklung der Integrierten Sekundarschulen an. "Bisher gibt es von ihr keine Vision dafür, wie sich die Wissenschaft in Berlin entwickeln soll", sagt auch HU-Präsident Olbertz. Man wünsche sich mehr konzeptionelle Zusammenarbeit, auch über die Zeit der Verhandlungen zu den Hochschulverträgen hinaus, die ohnehin als Scheeres" Nagelprobe gelten. "Die Basis für gute Zusammenarbeit ist da", sagt Olbertz. Die Frage ist, was Sandra Scheeres daraus macht.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote