23.11.12

Berliner Schulen

Schnelllerner-Klassen werden reguläres Bildungsangebot

Begabte Kinder können nun ganz regulär ab der fünften Klasse aufs Gymnasium wechseln. Dort werden sie mit Zusatzprojekten gefördert.

Von Florentine Anders
Foto: Glanze

Friedrichshain: In der Klasse 5a der Dathe-Grundschule können die Kinder gemeinsam in Projekten ihren Wissensdurst stillen. Interessierte Grundschüler können vor der Anmeldung einen Tag Probeunterricht an der Schule vereinbaren. Voraussetzung für die Aufnahme ist die Teilnahme an einem zentralen Test des schulpsychologischen Dienstes
Friedrichshain: In der Klasse 5a der Dathe-Grundschule können die Kinder gemeinsam in Projekten ihren Wissensdurst stillen. Interessierte Grundschüler können vor der Anmeldung einen Tag Probeunterricht an der Schule vereinbaren. Voraussetzung für die Aufnahme ist die Teilnahme an einem zentralen Test des schulpsychologischen Dienstes

Die zehnjährige Lea kann am Dathe-Gymnasium in Friedrichshain bereits ein Buch über Wölfe in englischer Sprache lesen. Sie ist Schülerin in einer sogenannten Schnelllerner-Klasse. Was bisher als Schulversuch für besonders begabte Schüler galt, ist ab dem kommenden Schuljahr ein reguläres Bildungsangebot in Berlin.

Fast zehn Jahre mussten die Schulen, die am Testlauf teilnehmen, fürchten, dass das Modell wieder gestrichen wird. Denn politisch waren die grundständigen Gymnasien in Berlin lange Zeit eher ein ungeliebtes Kind. Schließlich war erklärtes Ziel des rot-roten Senats, dass möglichst lange gemeinsam an der Grundschule gelernt werden sollte. Im Koalitionsvertrag hatten CDU und SPD dann 2011 jedoch vereinbart, die grundständigen Züge abzusichern. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bekennt sich nun zu der Begabtenförderung. Ab August gelten die Gymnasien mit Schnelllerner-Klassen nicht mehr als Versuch, sondern als "Schulen besonderer pädagogischer Prägung".

Aufnahmetest für Schnelllerner-Klassen

Insgesamt sieben Schnelllerner-Schulen gibt es nun regulär in Berlin. Jede dieser Schulen darf bei entsprechender Nachfrage zwei Züge ab der fünften Klasse aufnehmen, gleichzeitig müssen aber auch Klassen ab der siebenten Jahrgangsstufe angeboten werden. Das Angebot für die besonders begabten Schüler entspricht damit laut Bildungsverwaltung in etwa der Nachfrage.

Die Genehmigung kommt gerade noch rechtzeitig vor dem Aufnahmeverfahren, das für die grundständigen Züge schon eher beginnt als für die siebenten Klassen der Gymnasien. Eltern, die ihre Kinder nach der vierten Klasse an einer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klassen, Musik-Klassen oder Schnelllerner-Klassen anmelden möchten, müssen sich dort vom 11. bis 14. Februar einschreiben. Denn für diese Klassen gibt es einen Aufnahmetest. Für die grundständigen Klassen an den altsprachlichen Schulen haben die Eltern bis zum 20. Februar Zeit.

Damit haben die Kinder erstmals die Möglichkeit, nach einem nicht bestandenen Test noch am Aufnahmeverfahren für eine fünfte Klasse an einem Gymnasium mit Latein oder Alt-Griechisch teilzunehmen. Der Zweitwunsch wird automatisch zum Erstwunsch. In diesen Tagen finden an fast allen grundständigen Gymnasien Informationsabende für interessierte Eltern oder Tage der offenen Tür statt.

Fachübergreifende Projekte fördern Begabte

"Für uns ist die Anerkennung als reguläre Schulform vor allem eine Anerkennung dessen, was wir in der Begabtenförderung in den vergangenen Jahren geleistet haben", sagte Helmke Schulze vom Dathe-Gymnasium. Gestartet wurde der Schulversuch bereits 1993/94. Damals haben die Schnellläufer noch gemeinsam das achte Schuljahr übersprungen. Doch mit der Verkürzung der Zeit zum Abitur gingen die Anmeldungen an diesen Klassen zurück. Viele Eltern befürchteten, dass ihre Kinder mit 16 noch zu jung für den Abiturabschluss sind.

Vor zwei Jahren wurden dann die Schnellläufer-Klassen in Schnelllerner-Klassen umgewandelt. Die Schüler überspringen nicht mehr ein Schuljahr, sondern erhalten Zusatzangebote. In den sogenannten Enrichment-Kursen werden fünf Stunden pro Woche besondere Begabungen gefördert. Den normalen Unterrichtsstoff müssen die Schüler dafür in kürzerer Zeit bewältigen.

Zu anstrengend findet Lea das nicht. "Ich war in der Grundschule nicht besonders zufrieden und habe mich oft gelangweilt", sagt sie. Am Gymnasium komme sie gut mit, der einzige Nachteil seien die Hausaufgaben, die habe es an der Grundschule kaum gegeben. Besonders gefällt Lea der Enrichment-Kurs über die Wölfe. Es ist ein fächerübergreifender Kurs, in dem Lerninhalte von Geschichte, Biologie, Fremdsprache, Deutsch und Kunst vermittelt werden. Die Fachlehrer erarbeiten das Kursangebot im Team. "Durch den fächerübergreifenden Ansatz kann jedes Kind mit seiner speziellen Begabung in diesem Kurs gefördert werden", sagte Schulleiterin Helmke Schulze. Die neuen Kurse würden gut ankommen, die Nachfrage sei nach der Umstellung des Konzepts wieder gestiegen. Die meisten Kinder, die sich anmelden, seien auch geeignet. "Die Eltern sind oft schon sehr gut informiert", so die Schulleiterin.

Klassen mit naturwissenschaftlich-mathematischem Profil ausgebaut

Groß ist die Nachfrage nach den Begabtenklassen auch am Humboldt-Gymnasium in Tegel. "Meist sind die Eltern der Kinder, die sich für die Schnelllerner interessieren, unzufrieden mit der Grundschule", sagte Schulleiter Bernd Kokavecz. Über die Aufnahme entscheidet ein zentraler Test vom schulpsychologischen Dienst, der einem IQ-Test gleicht. Zusätzlich werden die Noten auf dem Grundschulzeugnis einbezogen. "Wir machen außerdem ein Aufnahmegespräch mit jedem interessierten Schüler im Beisein der Eltern", so Kokavecz. Wichtig seien nicht nur die kognitiven Fähigkeiten. Die Kinder müssten auch Lust darauf haben, die Herausforderungen am Gymnasium anzunehmen. Letztlich sollten die Kinder entscheiden, ob sie die Schule wollen. Schließlich müssten sie den normalen Unterrichtsstoff in kürzerer Zeit schaffen.

Neben den Schnelllerner-Klassen gibt es für begabte Schüler auch Profilangebote an Gymnasien ab der fünften Klasse. Insgesamt bieten 34 Schulen solche grundständigen Züge. Lange Zeit gab es vor allem für Schulen, die Latein oder Alt-Griechisch anbieten, die Möglichkeit fünfte Klassen aufzunehmen. Jetzt wurden auch die Klassen mit naturwissenschaftlich-mathematischem Profil ausgebaut. So haben zu diesem Schuljahr neben den etablierten Gymnasien Heinrich-Hertz-Schule in Friedrichshain und Herder-Gymnasium in Charlottenburg sieben weitere Schulen fünfte Klassen mit naturwissenschaftlichem Profil eingerichtet.

Für die klassischen altsprachlichen Schulen ist die Konkurrenz um die begabten Schüler damit größer geworden. Früher haben viele Eltern das Zusatzfach Latein oder Alt-Griechisch nur als notwendiges Übel geschluckt, um ihr Kind früher ans Gymnasium zu schicken. Dabei würden die Schüler durch das Erlernen der alten Sprachen in ganz vielen Bereichen profitieren, sagte Schulleiterin Gabriele Rupprecht. "Ehemalige Schüler berichten oft, dass ihnen die alten Sprachen nicht nur beruflich, sondern im gesamten Leben geholfen haben", so die Schulleiterin. So hätten sie Beharrlichkeit und Tiefgang erlernt und hätten sich in den alten Texten sehr ausführlich mit Werten und Normen auseinandergesetzt, sagte Rupprecht.

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