23.11.12

Berliner Uni-Klinik

Politik setzt Charité wegen Missbrauch unter Druck

Der Charité-Vorstand muss bis Montag einen schriftlichen Bericht über den Fall vorlegen. Dann soll über Konsequenzen entschieden werden.

Von Joachim Fahrun
Foto: dpa

Die Informationen über den Missbrauchsfall erreichten Charité-Chef Karl Max Einhäupl nur schleppend
Die Informationen über den Missbrauchsfall erreichten Charité-Chef Karl Max Einhäupl nur schleppend

Das Opfer und seine Eltern sind weiterhin verschwunden. Das 16-jährige Mädchen, das in der vergangenen Woche von einem 58 Jahre alten Pfleger auf der Charité-Kinderrettungsstelle im Virchow-Klinikum missbraucht worden sein soll, ist mit seinen Eltern nicht auffindbar. Weder die Charité noch die Polizei konnten das mutmaßliche Opfer seither befragen. Einer Vorladung sei sie nicht gefolgt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft am Donnerstag.

Auf der Station, deren Mitarbeiter Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl und sein ärztlicher Direktor Ulrich Frei am Donnerstagmittag zusammenriefen, sei die Mehrheit der Mitarbeiter empört über das Vorgehen, hieß es in der Charité. Die Vorwürfe gegen den Kollegen, der 40 Jahre lang im Haus tätig war und sich auch im Personalrat engagierte, seien für die meisten Schwestern und Pfleger nicht stichhaltig. Viele Mitarbeiter hätten eine Vorverurteilung des Mannes kritisiert. Der Mann ist seit Mittwoch vergangener Woche, als die Eltern des Mädchens die behandelnden Ärzte über die Vorwürfe informierten, vom Dienst suspendiert.

Die abwehrende Haltung in der Mitarbeiterschaft ist möglicherweise eine Erklärung dafür, warum die Informationen so schleppend an die Spitze des Hauses gelangten und warum sich die Klinikleitung erst so spät entschieden hat, Anzeige gegen den langjährigen Mitarbeiter zu erstatten. Das sei am Mittwoch passiert, sagte der ärztliche Direktor Frei. Bei der Staatsanwaltschaft hieß es jedoch, man ermittele von Amts wegen, weil man von einer Straftat Kenntnis erhalten habe. Eine Anzeige der Charité liege nicht vor. Einhäupl sagte am Donnerstag, es müsse klar sein, dass die Berichtswege eingehalten würden. "Wir müssen die Fehlerkultur in der Charité verändern", sagte der Chef der Universitätsmedizin.

Senatorin verlangt Aufklärung

Frei zeigte sich am Donnerstag deutlich zurückhaltender in der Bewertung des Falles als sein Chef einen Tag zuvor. Frei sprach von einem "Verdächtigen" und davon, dass "der Mann nicht mehr an einer solchen Stelle arbeiten" werde, wenn das Gericht die Vorwürfe nicht glaube. Einhäupl hatte betont, er sei von der Schuld des Mitarbeiters überzeugt, er habe keinen Anlass, an den Aussagen des Mädchens zu zweifeln, der Mann werde "nie wieder" in der Charité arbeiten.

Einhäupl räumte am Donnerstag ein, schon am vergangenen Freitag von dem Vorfall erfahren zu haben. Auch ein Hinweis auf sexuellen Missbrauch sei ihm zugerufen worden, von einem Personalrat nach der Aufsichtsratssitzung, als er selbst auf dem Weg zu einem anderen Termin gewesen sei. Die Tragweite des Vorgangs habe er in diesem Moment nicht erfasst. "Das ist nicht das erste Mal, dass ich als Vorstand einen sexuellen Missbrauch recherchiere", sagte Einhäupl am Donnerstag.

Kein Vermerk in der Personalakte

Der Charité-Chef und der Ärztliche Direktor räumten auch ein, dass es schriftliches Material über frühere Vorwürfe gegen den Pfleger gegeben hat. 2011 hatte eine Frau Anzeige erstattet, weil der Mann sich ihr auf der Rettungsstelle "übergriffig" genähert habe. 2009 gab es ebenfalls Vorwürfe gegen den Pfleger, die intern untersucht wurden. Dabei wurde der Mann auch psychologisch untersucht. Man sei zum Schluss gekommen, dass er sich nichts habe zu Schulden kommen lassen. In die Personalakte des Mannes, der nach Auskunft der Staatsanwaltschaft bisher strafrechtlich unbescholten ist, kam kein Vermerk darüber.

Warum dies nicht geschah, versteht die Charité-Aufsichtsratsvorsitzende, Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), nicht. "Wir müssen die Verfahren klären", sagte Scheeres am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Diese funktionierten nicht richtig. "Ich verstehe nicht, wie eine Person, die mehrfach aufgefallen ist, weiter auf einer Kinderstation arbeitet", so die Senatorin. Die Charité müsse die Verantwortlichkeiten klar benennen. "Dann werde ich bewerten, ob es Konsequenzen geben muss", sagte Scheeres.

Am Donnerstagabend war die Charité-Spitze zu einem Gespräch zur Aufsichtsratsvorsitzenden einbestellt. In diesem Krisentreffen mit der Senatorin stimmte die Charité-Leitung zu, den Berliner Träger "Kind im Zentrum" (KIZ) in die Aufklärung mit einzubinden, um ein tragfähiges Kinderschutzkonzept auf die Beine zu stellen.

KIZ sei ein sehr erfahrener Berater, sagte Scheeres. Er war auch bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Helios-Klinikum Buch einbezogen.

Der Charité-Vorstand sagte zu, bis Montag einen schriftlichen Bericht über Informationswege, Berichtspflichten und Verantwortlichkeiten vorzulegen. Auf dieser Basis will Scheeres dann über Konsequenzen entscheiden.

Beweismittel gibt es nicht mehr

Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers, sagte, es gebe in Kliniken ein Prinzip, wonach immer eine Frau weibliche Patienten ausziehen oder behandeln sollte oder dass bei männlichen Pflegern immer eine dritte Person im Raum sein sollte. Gegen dieses "ungeschriebene Gesetz" sei in der Charité-Rettungsstelle offensichtlich verstoßen worden, so Albers. Er hält die "falsch verstandene Kollegialität" der unteren Führungskräfte für ursächlich, dass Informationen nicht weitergegeben und Konsequenzen aus Hinweisen auf mögliche Missbrauchsfälle ausgeblieben seien.

Jetzt haben die Strafverfolger sich des Falles angenommen: "Wir ermitteln mit Hochdruck", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Beweismittel wie DNA-Spuren gebe es aber nicht mehr.

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