22.11.12

Tempelhofer Feld

Archäologen fördern Berlins braune Vergangenheit zutage

Forscher haben die ersten Fundstücke ihrer Ausgrabungen am Tempelhofer Feld gezeigt. Diese erinnern an das Grauen der Nazi-Zeit.

Von Viktoria Solms
Foto: dapd

Präzise: Ein Archäologe steht in einem Loch auf dem Tempelhofer Feld. Dort war früher eine Baracke. Die Ausgrabungen wurden auf den Zentimeter genau geplant
Präzise: Ein Archäologe steht in einem Loch auf dem Tempelhofer Feld. Dort war früher eine Baracke. Die Ausgrabungen wurden auf den Zentimeter genau geplant

Manchen Berlinern war es im Herbst fast zu voll auf dem Tempelhofer Feld. Hunderte Menschen ließen ihre Drachen steigen, fuhren Rad oder picknickten. Kaum einer mag daran gedacht haben, was sich hier während der Zeit des Nationalsozialismus abgespielt hat. Damals lebten auf dem Areal Häftlinge in engen Baracken. 12,5 Meter waren sie breit, 52 Meter lang. Offiziell sollten sie Schlafplatz und Wohnort für jeweils 100 Häftlinge sein. Wahrscheinlich dürften es in jedem Lager bis zu dreimal so viel gewesen sein. Ihre Geschichte soll nicht vergessen werden.

Archäologen haben daher zwischen Juli und Oktober erste Grabungen durchgeführt, um Erinnerungen an die damalige Zeit zu sichern. Ihre Funde stellten sie am Donnerstag erstmals vor. Auf den ersten Blick wirken sie banal. Gabeln liegen auf einem Tisch im Archäologischen Depot auf dem Tempelhofer Feld ausgebreitet. Daneben ein Stück Stacheldraht und zerbrochenes Emaille. Doch für die Archäologen erzählt jedes Teil eine eigene Geschichte. "Diese Fundstücke geben Hinweise auf das Leben in der Vergangenheit", sagte Landeskonservator Jörg Haspel vom Landesdenkmalamt Berlin. Mehr als 6000 Teile haben die Bodendenkmalpfleger des Landesdenkmalamts und Archäologen des Instituts für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität – sie betreuen diese Epoche mit – geborgen. Sie müssen einzeln ausgewertet und beurteilt werden.

Dunkle Vergangenheit des Tempelhofer Feldes

1933 kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Im selben Jahr entstand auf dem Gelände des heutigen Tempelhofer Feldes das erste Konzentrationslager Berlins. Das Gebäude stammte aus der Kaiserzeit und diente damals als Militärgefängnis. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde es vorübergehend als Polizei-Gefängnis genutzt und stand dann leer. Ab 1933 wurden im sogenannten Columbia-Haus politische Gefangene in viel zu engen Zellen bei unmenschlichen Bedingungen inhaftiert. Das KZ wurde vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder aufgelöst. Doch ihre Verbrechen setzten die Nationalsozialisten in anderer Form auf dem Tempelhofer Feld fort.

Das Flughafengebäude wurde in den ersten Kriegsjahren von der Rüstungsindustrie genutzt. Tausende Zwangsarbeiter waren in Baracken auf dem Feld untergebracht und mussten helfen, die deutsche Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. "Dabei gab es innerhalb der Baracken eine Zwei-Klassen-Gesellschaft", sagte Reinhard Bernbeck vom Institut für Vorderasiatische Archäologie. Besser hatten es die Berliner, die hier zur Arbeit verpflichtet wurden, aber ansonsten frei waren. Denn gleichzeitig waren vor allem aus Osteuropa Tausende Zwangsarbeiter und Häftlinge hierher verschleppt worden. "Sie kamen vor allem aus Polen, der Ukraine und Gebieten der ehemaligen Sowjetunion", sagt Bernbeck. Gemeinsam mussten sie Flugzeuge warten und abgeschossene Flieger reparieren.

Die Forscher fanden bei ihren Ausgrabungen daher auch einige Flugzeugteile. Darunter waren eine Lichtmaschine und die Schaltfläche eines Cockpits. Den Teilen sieht man an, dass sie lange ungeschützt im Boden lagen. Sie wirken wie von Muschelkalk überzogen. Dennoch sind die Forscher zuversichtlich, dass sie demnächst noch herausfinden, um welches Modell es sich jeweils handelt.

Tuben, Gabeln und Stacheldraht wurden ausgegraben

Leichter ist es dagegen, die Geschichte hinter den kleinen Gegenständen zu erahnen. "Am Flughafen gab es auch Restaurants", sagte Bernbeck. "Es ist daher kein Wunder, dass wir im Boden einige Gabeln gefunden haben." In der Nähe lagen aber auch Reste von Stacheldraht. "Mit ihnen waren die Baracken der Zwangsarbeiter eingezäunt", sagte Bernbeck. Zudem fanden sie eine große Menge an Nägeln, deren Ende umgebogen war. Sie wurden sehr wahrscheinlich für den Bau der Lager verwendet. Daraus schlossen die Forscher, dass die Wände der Baracken nur etwa sieben Zentimeter dick waren.

Bei ihrem Projekt konzentrierten sich die Forscher auf das Gebiet, wo während der NS-Zeit das Lilienthal-Zwangsarbeiterlager der Lufthansa und der Alte Flughafen standen. Dieses befindet sich südlich des Garnisonsfriedhofs am Columbiadamm. Sechs Grabungsflächen haben sie bislang untersucht. Dort standen früher Baracken und ein Teil des Splittergrabens. Dabei stießen sie auch auf Gegenstände aus dem 18. Jahrhundert. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich der Garnisonsfriedhof früher bis auf das heutige Gebiet des Tempelhofer Feldes ausgedehnt hatte. "Die Bauherren wollten aber, dass der Flughafen Tempelhof wie ein Amphitheater wirkt", sagte Bernbeck. Sie hätten daher alte Gräber ausgehoben, um diese Form zu erreichen. "In dieser Umgebung wurden dann die pompösen Flugschauen durchgeführt."

Kämme, Zahnbürsten und Uniformknöpfe im Boden

Bei ihren Grabungen fanden sie daher zum Teil auch Dinge, die möglicherweise aus den Gräbern stammen. Darunter ist eine Münze aus dem Jahr 1777. Mit Gewissheit lässt sich so etwas natürlich nicht behaupten. "Genau so gut könnte es auch sein, dass ein Bauer im 18. Jahrhundert hier vorbeigekommen ist und den Taler einfach verloren hat", sagte Jan Trenner, der örtliche Grabungsleiter.

Im Bereich der ehemaligen Soldatenunterkunft lagen Kämme, Zahnbürsten und Uniformknöpfe im Boden. Etwas gerätselt haben die Forscher, als sie auf mehrere Tuben stießen. "Sie dürften wahrscheinlich Teil der Propaganda gewesen sein", sagte Bernbeck. "Mit diesen Cremes sollten sich die Soldaten vermutlich vor Geschlechtskrankheiten schützen, wenn sie mit Frauen des Feindes intim waren." Auch der Teller mit der Aufschrift "Schönheit der Arbeit" lasse sich laut Haspel der NS-Zeit zuordnen. Er stamme vermutlich von der Propaganda-Abteilung der "Deutschen Arbeiter-Front."

Fortsetzung der Grabungen im nächsten Jahr

Im kommenden Jahr wollen die Archäologen die Fläche ausheben, auf der das KZ stand. "Wir haben gute Pläne aus der Vergangenheit", sagte Haspel. Diese würden mithilfe moderner Technik ausgewertet, so dass "wir die Grabungen auf den Zentimeter genau planen können". Dennoch seien es bislang "extrem schwere Grabungen" gewesen. "Wir haben unsere Arbeit nicht auf einer schönen grünen Wiese durchgeführt, sondern auf belasteten Böden", sagte Haspel. Das liege auch an den Kampfmitteln, die dort möglicherweise noch aus Kriegstagen verborgen liegen.

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