22.11.12

Verkehrssicherheit

In Berlin weisen jetzt blinkende Ampelmännchen den Weg

Da in Zukunft mehr ältere Menschen und Familien Berlin durchlaufen werden, müssen Kreuzungen sicherer werden - mithilfe von Blinksignalen.

Von Markus Falkner
Quelle: dapd
22.11.12 1:25 min.
Mit den ersten blinkenden Fußgänger-Ampeln in Europa will Berlin die Verkehrsicherheit verbessern. Das Blinken funktioniert wie ein Countdown und zeigt an, wann die Straße zügig geräumt werden muss.

Der Erste nimmt die Beine in die Hand. Als Verkehrssenator Michael Müller (SPD) am Donnerstag die neue, vermeintlich fußgängerfreundliche Ampelschaltung am Stuttgarter Platz per Knopfdruck in Betrieb nimmt, blinkt kurz darauf der rote Ampelmann. Zehnmal an und aus, dann erst erscheint das permanente Rotlicht. Ein älterer Herr, der gemächlichen Schrittes bei Grün die Kreuzung betreten hat, sieht die Ampel blinken, schreckt auf und beschleunigt zum Trab. An der anderen Straßenseite angekommen, blickt er sich ungläubig um. Was war das denn?

Tatsächlich feiert die rot-blinkende Fußgängerampel Berlin-Premiere. Nach der Grünphase folgt zunächst das blinkende Rotlicht. Es soll Passanten signalisieren: Achtung! Fahrbahn nicht mehr betreten. Zugleich sollen Passanten, die schon auf dem Überweg sind, wissen, dass sie noch genügend Zeit haben, die Straße zu überqueren, bevor die Autofahrer Grün bekommen. Der Laufschritt des älteren Herrn wäre also unnötig gewesen. Er hat offenbar den Aufkleber am Ampelmast nicht gelesen. Weil all das in Berlin völlig neu ist, hat die Verwaltung von Senator Müller an den Masten nämlich vorsichtshalber Erklärungen aufkleben lassen.

Die rot blinkenden Ampeln sind Teil der Fußverkehrsstrategie, die der Senat im Juli 2011 beschlossen hat. Sicherer, attraktiver und barrierefreier sollen Fußwege in der Stadt werden, so lautet das Ziel. Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung gehen davon aus, dass immer mehr ältere Menschen, zugleich aber auch mehr Familien mit Kindern in der Stadt leben werden. Außerdem verzichten viele Berliner bewusst auf das Auto – aus ökologischen Gründen, oder weil sie sich den eigenen Pkw nicht mehr leisten können. All das führt zu einem steigenden Fußgängeranteil am Gesamtverkehr. "Die Stadt verändert sich", sagt Senator Müller. "Dem wollen und müssen wir Rechnung tragen."

Blinkende Ampeln kosten 10.000 Euro das Stück

Eine repräsentative Umfrage hatte im Vorjahr ergeben, dass zwar mehr als die Hälfte der Befragten zufrieden mit dem Fußverkehr in Berlin sind, immerhin 17 Prozent aber auch "unzufrieden" oder "sehr unzufrieden". Um das zu ändern hatte der Senat 2011 insgesamt zehn Modellprojekte beschlossen. Die Förderung von Bordstein-Absenkungen gehört dazu, die Schaffung von sogenannten Begegnungszonen, in denen Autofahrer und Fußgänger gleichberechtigt sind – und eben die blinkenden Ampeln.

An zunächst drei Kreuzungen, am Stuttgarter Platz, an der Französischen Straße und Charlottenstraße sowie an der Lietzenburger Straße und Joachimstaler Straße wird die rot blinkende Variante nun erprobt. Bei einem zweiten Modellversuch, der am 4. Dezember gestartet wird, blinkt das grüne Ampelmännchen, bevor das Lichtsignal auf Rot springt. Standorte für diese Ampeln sind die Kreuzungen Holzmarktstraße und Stralauer Straße, Paulstraße und Lüneburger Straße sowie Straße des 17. Juni und Yitzhak-Rabin-Straße. Mitte 2013 soll dann auch ein Testlauf mit Countdown-Signalen folgen. An einem leuchtenden Balkendiagramm können Fußgänger dann ablesen, wie viel Zeit ihnen zum Verlassen der Straße bleibt.

Nach einem Jahr will die Senatsverwaltung die verschiedenen Testläufe auswerten. Ob und in welcher Zahl die neue Technik anschließend zum Einsatz kommt, dürfte aber auch vom Geld abhängen. Zwar ist das Umprogrammieren auf Blinksignale nach Angaben der Verwaltung mit etwa 10.000 Euro pro Anlage "vergleichsweise preiswert" – bei stadtweit etwa 2400 Ampelanlagen käme aber trotzdem eine zweistellige Millionensumme zusammen.

Über Sinn und Unsinn der neuen Ampeln sind sich nicht einmal die Lobbyisten der Fußgänger einig. Der Verkehrsclub VCD und der Verband FUSS e.V. begrüßen die Initiative als "wichtigen Schritt auf dem Weg zur Verkehrswende" und "öffentliches Startzeichen gegen die Verunsicherung von Fußgängern beim Überqueren von Fahrbahnen". Die Naturschutzorganisation BUND hält Blinkampeln hingegen für wenig geeignet. Statt der Sicherheit würden sie den Stress der Fußgänger zusätzlich erhöhen, fürchtet der BUND und fordert stattdessen grundsätzlich längere Grünphasen für Fußgänger.

Längere Grünphasen für Fußgänger und Tempo-20-Zonen

Zumindest bei neuen oder modernisierten Anlagen soll das künftig auch geschehen, versichert Horst Wohlfarth vom Alm, zuständiger Gruppenleiter in der Senatsverwaltung. Weil die Stadt altert, wird das zur Berechnung der Ampelschaltungen angenommene Gehtempo etwas seniorengerechter. Statt bisher 1,2 Meter pro Sekunde gilt künftig nur noch ein Meter pro Sekunde als Richtwert. Grünphasen für Fußgänger werden dadurch länger.

Konkrete Planungen gibt es inzwischen auch für die Einrichtung der Begegnungszonen. Unter 33 von den Bezirken eingereichten Vorschlägen wurden drei Straßenzüge ausgewählt. Voraussichtlich 2014 werden die ersten Zonen mit Tempo 20 und dem erhofften "verträglichen Miteinander" von Auto- und Motorradfahrern, Radlern und Fußgängern eingerichtet – und zwar an der Maaßenstraße in Schöneberg und der Bergmannstraße in Kreuzberg. Eine weitere Zone an der Alten Schönhauser Straße (Mitte) wird geprüft.

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