22.11.12

Statistik

Jeder zehnte Berliner kann seine Schulden nicht bezahlen

Mehr als 371.000 Berliner sind praktisch zahlungsunfähig. Sie wohnen längst nicht nur in den sozialen Brennpunkten der Stadt.

Von Hans Evert
Foto: Getty Images/age fotostock RM

Leere Taschen, für 12 Prozent aller erwachsenen Berliner der wahrgewordene Alptraum
Leere Taschen, für 12 Prozent aller erwachsenen Berliner der wahrgewordene Alptraum

Bettina Heines Rolle ist keine, mit der man Sympathiepunkte sammeln kann. Streng muss sie auftreten, schonungslos. Und wenn sie spricht, klingt es nüchtern. "Es geht darum", sagt sie, "die Verhältnisse den Möglichkeiten anzupassen." Heines Büro, in dem sie Menschen empfängt und ihnen unverwandt in die Augen gucken kann, bildet die schmucklose Kulisse. Gering ist die Quadratmeterzahl, lichtarm der kleine Innenhof hinter dem Fenster, grau und strapazierfähig die Auslegeware. Der Tisch für Besucher ist quadratisch und so klein, dass man weit von ihm abrücken muss, um Distanz herzustellen. Dort nehmen ihre Klienten Platz. Das Herzen voller Sorgen und ein Ordner gefüllt mit Zeugnissen eines entglittenen Finanzlebens. Helfen kann jetzt nur noch jemand wie Bettina Heine, Schuldnerberaterin seit 1998.

Miete, Energie und Nahrung sind nötig

Neulich, erzählt Heine, kam dieser ältere Herr zu ihr in die Beratung an der Hardenbergstraße. 75 Jahre alt, selbstständig tätig, immer für den Lebensunterhalt gesorgt. Krankenversichert war er nicht. "Seine Rechnungen beim Arzt hat er aus Überzeugung stets selbst gezahlt", sagt Heine. Das ging so lange gut, bis die Leiden chronisch und die Therapiekosten horrend wurden. Bettina Heine hat ihm vorgerechnet, welche Ausgaben er dringend tätigen und wo er sich einschränken muss. Sein auskömmliches Leben wurde mit Heines Beratung dem Einnahmeniveau eines Hartz-IV-Empfängers angepasst.

"Wenn die Schulden überhandnehmen, steht die Existenzsicherung im Vordergrund", sagt Heine. Miete, Energie und Nahrung sind nötig. Auto, Wohnung in guter Lage mit viel Platz, Verreisen und Ausgehen – im Grunde alles verzichtbar. Der Akt einer Schuldnerberatung, obwohl ganz und gar weltlich, verlangt religiöse Rituale: Buße des Sünders durch Verzicht und Streben nach Läuterung.

Es gibt viele Wege, die einen Menschen dahin führen können, nicht mehr zahlungsfähig zu sein. Krankheiten, gescheiterte Partnerschaften, übermäßiger Konsum, gescheiterte Selbstständigkeit, vor allem aber der Verlust der Arbeitsstelle gehören zu den größten Risiken. Oft kommen sie in Kombination daher. Mehr als jeder zehnte Berliner über 18 Jahre kann finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Ist also überschuldet oder "nachhaltig zahlungsgestört", wie es Creditreform Berlin formuliert.

12,56 Prozent aller Erwachsenen sind überschuldet

Das Auskunftsunternehmen zählt auf Grundlage seiner Datenbank 371.165 Berliner als überschuldet. Das sind 12,56 Prozent aller Erwachsenen in der Hauptstadt und damit im Vergleich zum Vorjahr 8000 neue potenzielle Kunden für Bettina Heine und die anderen Schuldenberater in der Stadt. Besser sieht es im Umland aus. Brandenburg hat Creditreform zufolge 211.159 Erwachsene, die ihre Schulden nicht mehr begleichen können. Das entspricht einer Quote von 9,77 Prozent.

Schulden, das lehrt der Schuldner-Atlas von Creditreform, häufen sich an Orten überbordend an, die landläufig "soziale Brennpunkte" genannt werden. Menschen in Wedding – Creditreform erhebt Daten für die alten 23 Berliner Bezirke – kommen in Berlin am schlechtesten mit ihren Verbindlichkeiten zurecht. Fast jeder fünfte Erwachsene dort gilt als überschuldet, eine Quote von 18,36 Prozent. "Wäre Wedding eine eigene Stadt, wäre es die Metropole mit der höchsten Schuldnerquote in Deutschland", sagt Jochen Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Creditreform-Zweigs.

In Charlottenburg ist die Schuldnerquote am stärksten gestiegen

Tiergarten (16,95 Prozent) und Neukölln (16,4 Prozent) folgen fast erwartbar mit ähnlich hohen Quoten. Allerdings ist Überschuldung keinesfalls ein Phänomen jener Stadtteile, wo viele Leistungsbezieher wohnen. Offenbarungseide werden auch in eher bürgerlichen Stadtquartieren geleistet und sind dort keineswegs ein Randphänomen.

Bettina Heine und ihre sechs Kollegen von der Schuldnerberatung des Diakonischen Werks sitzen an der Hardenbergstraße unweit des Steinplatzes. In diesem Quartier ist Charlottenburg an vielen Ecken großbürgerlich und hat mit sozialen Brennpunkten der Hauptstadt wenig gemein. Doch zeigen die aktuellen Zahlen von Creditreform Berlin gerade für diese Gegend eine beunruhigende Tendenz. In keinem anderen Bezirk ist die Schuldnerquote innerhalb eines halben Jahres so stark gestiegen: von 11,56 Prozent im vergangenen Jahr auf 12,63 Prozent aktuell.

Das jährliche Auf und Ab, dass das Zahlenwerk von Creditreform dokumentiert, wird im steten Klientenstrom der Schuldnerberater allerdings gar nicht sichtbar. "Es kommt ohnehin nur etwa jeder zehnte Berliner mit zu vielen Schulden in die Beratung", sagt Heine. Es gibt also immer genug zu tun. Meist zu viel.

Dennoch gibt es Trends und Entwicklungen. Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung tauchen sie im Alltag einer Schuldnerberaterin auf. "Wir haben mehr ältere Klienten", sagt Heine. Und die kommen häufig mit den gestiegenen Kosten für das Wohnen nicht klar. Ein Umzug ist für viele dann der vollzogene Akt des sozialen Abstiegs.

Der Durchschnittsklient hat Schulden in Höhe von 46.000 Euro

Insbesondere für Menschen aus der bürgerlichen Mitte – und das sind die meisten Berliner – ist das ein Schreckensszenario. Heike Fröhlich weiß ebenfalls davon zu berichten. Wie ihre Kollegin Heine berät sie Schuldner in einem Bezirk, der für Wohlstand und Reichtum steht. Fröhlich leitet die Schuldnerberatung von Steglitz-Zehlendorf. Drei Monate muss man dort im Durchschnitt auf einen Termin warten. 5500 Termine hatten Fröhlich und ihre fünf Kollegen im vergangenen Monat.

Fröhlichs Durchschnittsklient sitzt auf einem Schuldenberg von 46.000 Euro. Doch das sagt nicht viel. Heike Fröhlich musste schon mal jemanden Rat geben, der acht Millionen mit Immobiliengeschäften verzockt hatte. Ein anderes Mal ging es um 80 Euro, die ein Stromversorger von ihrem Klienten eintreiben wollte.

Fröhlich und ihre Kollegen beraten seltener überschuldete Jobcenter-Kunden. "Unsere Klienten haben häufig gute Einkommen", sagt sie. Doch durch Scheidung oder Krankheit werde dann oft der Hypothekenkredit zum Problem. Neulich, erzählt Fröhlich, saß eine Frau bei ihr in der Beratung. Ihr monatlicher Nettoverdienst lag bei mehr als 2000 Euro im Monat. Lange Jahre kam sie gut zurecht. Dann erlitt sie einen Schlaganfall, war arbeitsunfähig und hatte noch etliche Kreditraten für eine Wohnungsreinrichtung – ein bürgerlicher Abstieg in die Schuldenspirale.

Geht der Job verloren, werden Rechnungen ignoriert

"Die Schamgrenze vieler unserer Klienten ist sehr hoch", sagt Fröhlich. Wer daran gewöhnt ist, über ein gewisses Einkommen zu verfügen, tut sich möglicherweise besonders schwer. Geht der Job verloren, werden Kreditkarten überstrapaziert und Rechnungen ignoriert. "Wenn man in Steglitz oder Zehlendorf wohnt, gibt es häufig gewisse Ansprüche", meint Fröhlich.

Wohnungen und Einrichtungen seien teurer; Reisen, Autos und Hobbys häufig kostspieliger. "Wer zu uns kommt, hat vorher schon häufig zu lange gewartet." Die meisten Klienten – das gilt für alle Berliner Schuldnerberatungsstellen – unterwerfen sich dann den Regeln des Verfahrens zur Privatinsolvenz. "Ältere Menschen sagen häufig: 'Wir wollen schuldenfrei sterben'", erzählt Fröhlich. Jüngere sehnen sich nach einem Schnitt, einer Gläubigerbefreiung und einem Neuanfang.

Jugendliche lieben überbordende Wünsche

Bettina Heine, die Schuldnerberaterin aus Charlottenburg, arbeitet daran, die Grundlage ihrer Tätigkeit aus dem Weg zu räumen. Sie hat ein Lehrprogramm (geldkunde.de) für Kinder und Jugendliche entwickelt, mit dem sie an Schulen unterwegs ist. "Konsumkompetenz" nennt Heine das, was sie ihren Zuhörern in den Klassenzimmern beibringen will. "Welches Einkommen kann ich bei welcher Berufswahl erwarten? Welche Konsumträume sind realistisch? Was muss man tun, um sie zu erfüllen – darum geht es", sagt Heine, die selbst eine Banklehre und ein Jurastudium absolviert hat.

Sie ist realistisch genug und weiß, dass gerade Jugendliche sich ungern überbordende Wünsche und Träume wegreden lassen. Trotzdem hofft sie, die Schüler vor der Schuldenfalle bewahren zu können. Etwas Nüchternheit kann dabei nicht schaden.

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