22.11.12

Anschlag in Berlin

Schüsse auf André S. - Die Rache des Ex-Rockerchefs

Der Anschlag auf den Präsidenten der Berliner Hells-Angels-Ortsgruppe Nomads im Juni soll vom Vorgänger des Opfers angeordnet worden sein.

Von Michael Behrendt und Steffen Pletl
Foto: BMO

An der Zingster Straße in Berlin-Hohenschönhausen wurde André S. von einem bislang Unbekannten niedergeschossen. Die Blutspuren sind deutlich sichtbar.

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Der versuchte Mord an dem Berliner Hells-Angels-Chef André S. ist offenbar aufgeklärt: Spezialkräfte der Berliner Polizei haben am Mittwoch im Auftrag der Staatsanwaltschaft zwei mutmaßliche Verschwörer festgenommen, nach einem dritten wird noch gefahndet.

Der 51 Jahre alte Holger "Hoku" B. soll einen Berliner mit der Ermordung des 47-Jährigen beauftragt haben. Nach Informationen von Morgenpost Online soll Holger B. seinen früheren Stellvertreter André S. dafür verantwortlich machen, dass er selbst den Club verlassen musste.

André S. war im Juni 2012 in Neu-Hohenschönhausen von zunächst Unbekannten durch mehrere Schüsse lebensgefährlich verletzt worden, die Ärzte im Krankenhaus konnten ihn retten.

Rückblick: Holger B. war mehrere Jahre lang Präsident der berüchtigten Hells Angels Nomads. Diese Gruppierung gilt innerhalb der weltweit agierenden Bruderschaft als die "Einheit fürs Grobe". "Wenn es um Angriffe auf verfeindete Rocker geht", so ein szenekundiger Beamter, "um Anschläge auf deren Clubheime oder das Eintreiben von Geld, so wurden zumeist die Nomaden losgeschickt."

Holger B. selbst, so der Beamte weiter, war stets dafür bekannt, dass die Zugehörigkeit zu den Hells Angels sein Lebensinhalt war. Diese Verbundenheit zu der Bruderschaft sollte im Jahr 2009 enden – innerhalb des Motorradclubs wurden Gerüchte laut, wonach sich Holger "Hoku" B. aus der Vereinskasse bedient haben soll.

Nach internen Gesprächen wurde verfügt, dass er den Verein verlassen musste – in "bad standing". Das bedeutet, dass der Ausgeschlossene keinerlei Insignien des Vereins mehr tragen darf und von jedem aktiven Mitglied der Hells Angels angegriffen werden darf. "Hoku" soll nach Informationen der von Morgenpost Online bis zum Schluss vereinsintern beteuert haben, mit diesem Diebstahl nichts zu tun zu haben.

Sein Stellvertreter André S. soll die "Kündigung" aus dem Motorradclub befördert haben, er selbst übernahm anschließend die Führung.

"Die Sache intern klären"

Gnade innerhalb der Rockerszene gab es offenbar nicht – Holger B. wurde wenig später auf seinem Grundstück in Alt-Landsberg von Unbekannten niedergestochen, er überlebte schwer verletzt. Doch wie üblich gab es keine Anzeigen bei der Polizei. Schon damals befürchteten Berliner Ermittler, dass die Sache eines Tages intern geklärt werden würde.

In der Nacht zum 10. Juni 2012 wurden diese Befürchtungen dann Realität: Als André S. gegen 2.35 Uhr sein Lokal an der Zingster Straße in Neu-Hohenschönhausen durch die Hintertür verließ, wurde ihm von einem Unbekannten mehrfach in den Oberkörper geschossen. Der Täter flüchtete vom Tatort, eine Fahndung der Polizei blieb erfolglos.

Während Ermittler zunächst einen Anschlag der verfeindeten Bandidos als realistisch erachteten und somit eine Eskalation des Rockerkrieges, wurde André S. ins Krankenhaus transportiert. Die Ärzte diagnostizierten mehrere Schusswunden im Oberkörper, auch unmittelbar im Bereich der Herzgegend.

Doch Dank der schnellen medizinischen Hilfe konnte sein Leben gerettet werden. Wenige Tage nach der Attacke verlangte er bereits nach einem Fernseher, um die Fußballspiele zu verfolgen. Hells Angels belagerten das Krankenhaus, Spezialeinheiten der Bundespolizei wurden angefordert, weil Patienten und Ärzte Angst um die Sicherheit der Klinik hatten.

Nachdem die Hells Angels eine Pressekonferenz in Berlin gegeben hatten, in der mitgeteilt wurde, dass man keine Hinweise auf die Täter habe, ging man in der Szene und davon aus, dass die "Angelegenheit" intern geklärt würde. Bis zum frühen Mittwochmorgen.

In der Nacht stürmten Angehörige des Berliner Spezialeinsatzkommandos (SEK) die Wohnungen von Holger "Hoku" B. in Brandenburg sowie eines mutmaßlichen Komplizen an der Württembergischen Straße in Wilmersdorf. Ermittlungen der Mordkommission und der Staatsanwaltschaft zufolge soll der 51 Jahre alte Holger B. den 63 Jahre alten Michael W. sowie einen noch flüchtigen Komplizen mit dem Mord an André S. beauftragt haben. Ziel soll es den Erkenntnissen nach gewesen sein, "sich seine alte Machtposition zurück zu verschaffen". Dafür wurde laut Ermittlungsbehörden eine Geldsumme gezahlt, deren Höhe bislang nicht feststeht.

Mittäter gefährlich

Die Ermittler kommen zu dem Schluss, dass sich der Beschuldigte Michael W. vereinbarungsgemäß zusammen mit seinem noch flüchtigen Komplizen an dem Tattag zum späteren Tatort begeben hat, wo der noch Flüchtige "in Tötungsabsicht mehrere Schüsse aus kurzer Distanz" auf André S. abgegeben haben soll. Beide Täter sollen danach geflüchtet sein in der Annahme, dass das Opfer seinen Schussverletzungen erliegen werde.

Die Berliner Ermittlungsbehörden kamen den Verschwörern durch eine Auswertung der Funktelefone auf die Spur. Der Staatsanwaltschaft genügten die von der Polizei vorgelegten Beweise, wegen der zu erwartenden Gefährlichkeit der Verdächtigen wurden die Elite-Polizisten des SEK mit der Festnahme beauftragt – am frühen Mittwochmorgen wurden beide festgenommen.

Obwohl noch einer der Täter auf freiem Fuß ist, haben sich die Behörden nach Informationen von Morgenpost Online zu dem Zugriff entschlossen. Es sei einem Ermittler zufolge nicht auszuschließen, dass der noch nicht gefasste Täter die volle für die Tat vereinbarte Summe einfordern und dabei erneut von der Schusswaffe Gebrauch machen könnte.

Innerhalb des Berliner Landeskriminalamtes wurde die Festnahme der beiden Beschuldigten mit Erleichterung aufgenommen. "So komisch es klingen mag", sagt ein Beamter, "wir sind sehr froh, dass es sich um einen internen Kampf der Hells Angels gehandelt hat. Wenn für die Tat die verfeindeten Bandidos in Frage gekommen wären, hätte der Krieg in der Rockerszene eskalieren können."

Die Berliner Sicherheitsbehörden hatten in diesem Sommer ein Verbotsverfahren gegen die berüchtigten Hells Angels Berlin City geführt, dieses war den Rockern bekannt geworden, woraufhin sich mehrere Hells-Angels-Gruppierungen selbst aufgelöst und zahlreiche Bandidos ebenfalls aus Angst vor einem Verbot zu den Feinden übergelaufen waren.

Die Bandidos hatten in den vergangenen Monaten mehr und mehr an Einfluss und Macht verloren, in den vergangenen Wochen zeigten sich die Hells Angels trotz Verbots wieder vermehrt in der Stadt. "Diese Gruppe hat es geschafft, alle anderen Bruderschaften der Rockerbewegung in Berlin niederzudrücken", so ein Ermittler des Landeskriminalamtes. "Sie wird sich wieder aufstellen und ein großes Sicherheitsproblem für die Stadt werden."

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