21.11.12

Universitätsklinikum

16-Jährige in Berlin missbraucht – Charité in Erklärungsnot

Klinikchef Einhäupl hat Kommunikationsprobleme im Missbrauchsfall eingeräumt. Senatorin Scheeres fordert eine lückenlose Aufklärung.

Von Joachim Fahrun und Peter Oldenburger
Foto: dpa

Die Charité hat eine anonyme Telefonnummer eingerichtet, über die Mitarbeiter Verdachtsfälle auf Verfehlungen gegen Kollegen oder Vorgesetzte melden können
Die Charité hat eine anonyme Telefonnummer eingerichtet, über die Mitarbeiter Verdachtsfälle auf Verfehlungen gegen Kollegen oder Vorgesetzte melden können

Es hatte Hinweise gegeben, aber niemand hat sie ernst genommen, niemand hat offensichtlich gefragt, was der erfahrene Pfleger an der Berliner Charité tat, wenn er mit Patienten alleine war. Und so konnte der Mann, der seit 40 Jahren an Berlins Universitätsklinikum tätig war, drei Minuten mit einer 16 Jahre alten Patientin nutzen, um sie zu missbrauchen.

Das Berliner Universitätsklinikum Charité ist wenige Wochen nach dem viel kritisierten Umgang mit dem Ausbruch von Keimen auf der Frühgeborenenstation erneut in Erklärungsnot wegen seiner Kommunikationspolitik; die Führungsspitze der Charité steht erneut unter Druck. Vergangene Woche wurde auf der Kinderrettungsstelle des Campus Virchow eine 16 Jahre alte Patientin von einem Pfleger sexuell missbraucht. Die Klinik informierte weder die Öffentlichkeit noch die Staatsanwaltschaft, erst nachdem das Verbrechen in einem Zeitungsbericht öffentlich wurde und die Staatsanwaltschaft daraufhin Ermittlungen aufnahm, äußerte sich die Klinik. Auch der Charité-Vorstand Karl Max Einhäupl erfuhr nach eigenen Angaben erst am Dienstagmittag von dem schwerwiegenden Vorfall.

Senatorin Scheeres fordert "deutliche Konsequenzen"

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), Aufsichtsratschefin der Charité, reagierte empört, zumal sie im Kontrollgremium noch am Freitag über eine neue Kommunikation in der Charité beraten hatte. Sie fordert lückenlose Aufklärung: "Ich gehe davon aus, dass dann deutliche Konsequenzen gezogen werden müssen, gegebenenfalls auch personelle." Nach Schilderungen der Pflegedienstleitung war das Mädchen am frühen Morgen des 14. November in die Rettungsstelle gekommen. Drei Minuten sei es mit dem Pfleger alleine gewesen. In dieser Zeit kam es zu sexuellen Übergriffen, die juristisch den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllen. Eine ärztliche Untersuchung hat aber keine körperlichen Schäden ergeben.

Das Mädchen offenbarte sich ihren Eltern. Diese suchten am Mittwochmittag das Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Dabei seien die Eltern darauf hingewiesen worden, dass sie selber Anzeige gegen den Pfleger erstatten könnten, sagte der stellvertretende Pflegedienstchef Helmut Schiffer. Die Klinik will jetzt zunächst sehr eng mit der Staatsanwaltschaft kooperieren. Die Ermittler erfuhren aus den Medien von diesem Verbrechen und mussten sich von Amts wegen einschalten.

Die Eltern der missbrauchten 16-Jährigen, die zwar unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln stand, aber nicht unter Narkose, haben bisher keine Anzeige erstattet. Die Charité hatte sich nach Angaben Einhäupls jedoch dafür entschieden, ehe ihr die Veröffentlichung zuvorkam. Der betreffende Pfleger, der seit 40 Jahren an der Charité arbeitet, wurde per Boten und telefonisch vom Dienst suspendiert. Das Vertrauen der Eltern habe dadurch so weit wieder hergestellt werden können, dass sie ihre Tochter eine weitere Nacht in der Klinik ließen. Am Donnerstag wurde das Mädchen dann entlassen.

Der Pfleger ist möglicherweise ein Wiederholungstäter

Der Vorgang sei dann intern untersucht worden, hieß es von Seiten der Charité. Man habe schließlich auch eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Mitarbeiter. Interne Recherchen unter Kollegen hätten jedoch ergeben, dass es schon früher mindestens drei Verdachtsfälle auf sexuelle Übergriffe gegen den Mann gegeben habe. Inzwischen seien drei Fälle identifiziert, die mehr als fünf Jahre zurücklägen. Aktenkundig sei der Mann aber nie geworden.

Die damalige Pflegedienstleitung sei nicht mehr im Haus, soll aber zu den Vorgängen befragt werden. Man sei dabei, andere Patienten ausfindig zu machen, die möglicherweise auch Opfer des Pflegers geworden sein könnten. "Wir haben keinen Anlass, an den Aussagen des Mädchens zu zweifeln," sagte Einhäupl. Der Mann werde nie mehr an der Charité arbeiten. Mit den Eltern des Opfers hatte die Klinik aber bis Mittwochabend keinen Kontakt.

Warum die Charité mit einer Anzeige so lange wartete, bis ihnen eine Zeitung zuvorkam, konnte Einhäupl nicht recht erklären. Am Freitag vergangener Woche habe der ärztliche Direktor Ulrich Frei erwogen, am Wochenanfang Anzeige zu erstatten, sagte der Charité-Chef, der nach eigener Aussage aber zu dieser Zeit nichts von dem Missbrauchsfall gewusst hatte. Einhäupl kündigte an, die Charité werde ihre interne Kommunikation vom Kopf auf die Füße stellen, damit sich solche Vorgänge nicht wiederholen.

Die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Elisabeth Pott, hat an Krankenhäuser appelliert, besser vorzusorgen. Es sei möglichst zu vermeiden, dass ein Patient mit einem Klinikmitarbeiter in einem Raum alleine sei, sagte sie am Mittwoch in Berlin.

Sexueller Missbrauch durch Klinikangestellte - kein Einzelfall

Juristen und Opferberaterinnen gehen jedoch nicht davon aus, dass aus dem Schweigen der Charité zu dem Missbrauchsfall gegenüber der Staatsanwaltschaft und der Öffentlichkeit ein Vorwurf der Vertuschung abgeleitet werden kann. Es sei "eher zweifelhaft", ob ein strafbares Versäumnis vorliege, hieß es bei der Staatsanwaltschaft. Der Strafrechtsexperte des Berliner Anwaltsvereins, Uwe Freyschmidt, sagte, es bestehe nur für Straftaten wie Mord, Totschlag oder Raub eine Anzeigepflicht, nicht jedoch für Vergewaltigung.

Bei der Berliner Opferberatungsstelle Lara sagte eine Mitarbeiterin, eine Anzeige in einem solchen Fall sollte vom Opfer selbst beziehungsweise den Eltern gestellt werden. Denn das Mädchen selber müsse entscheiden, ob es bereit sei, die Befragungen der Polizei und gegebenenfalls eine Gerichtsverhandlung samt Gegenüberstellung mit dem Täter durchzustehen. In der Beratungspraxis kämen aber immer wieder Fälle vor, in denen Schutzbefohlene in Heimen, Kliniken oder anderen Institutionen missbraucht würden.

Charité hat eine Hotline eingerichtet

Die Charité hat nach dem Fall der als mehrfachen Patienten-Mörderin überführten "Schwester Tod" eine Telefonnummer über eine Anwaltskanzlei eingerichtet, über die Mitarbeiter anonym Verdachtsfälle auf Verfehlungen gegen Kollegen oder Vorgesetzte melden können. Diese werde zwei bis drei Mal pro Jahr angerufen, sagte die Pflegedienstleiterin Hedwig Francois-Kettner. Fälle von sexuellem Missbrauch an Patienten seien darüber aber bisher nicht bekannt geworden. Auch Einhäupl sagte, ihm seien aus seiner Amtszeit keine vergleichbaren Vorkommnisse bekannt.

Dabei ist auch in Berlin der sexuelle Missbrauch durch einen Klinikangestellten kein Einzelfall. Erst im Mai dieses Jahres ist ein Krankenpfleger vom Landgericht Berlin wegen sexueller Übergriffe auf Kinder im Jahr 2010 verurteilt worden. Das Gericht hatte den 29 Jahre alten Mann zu einer Strafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Das Landgericht Berlin sah es als erwiesen an, dass sich der Pfleger auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Berlin-Buch von Juni bis November 2010 an drei minderjährigen Jungen vergangen hatte. Zum Teil hatte er die Übergriffe mit dem Handy gefilmt.

Der Beschuldigte habe die ihm anvertrauten Jungen im Alter von sechs, acht und neun Jahren missbraucht.

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