21.11.12

Neubesetzung

Berlins neuer Polizeichef Kandt sucht die Herausforderung

Klaus Kandt übernimmt den seit anderthalb Jahren vakanten Posten des Polizeipräsidenten. Aus seinem Ehrgeiz macht er dabei keinen Hehl.

Von Christina Brüning und Michael Behrendt
Foto: Glanze

Präsentation: Innensenator Frank Henkel stellte den designierten Polizeipräsidenten Klaus Kandt (r.) vor
Präsentation: Innensenator Frank Henkel stellte den designierten Polizeipräsidenten Klaus Kandt (r.) vor

Die Frage ist unvermeidlich. "Buletten oder Spätzle?", wird Berlins designierter Polizeipräsident Klaus Kandt gefragt, als Innensenator Frank Henkel (CDU) ihn am Dienstagnachmittag der Öffentlichkeit vorstellt. Kandt ist in Backnang bei Stuttgart geboren, und auch nach mehr als 25 Jahren in Berlin hört man ihm das schwach, aber doch unverkennbar an. "Ich bin Schwabe und esse für mein Leben gern Spätzle und Kartoffelsalat", sagt der 52-Jährige dann auch. Dass er in Berlin sehr verwurzelt ist, gern Fahrrad fährt und eine Frau und drei Kinder hat, ist von Kandt auch zu erfahren.

Das große Interesse an der Person Klaus Kandt zeigt, wie lang und oft Berlin schon über die Besetzung des Polizeichefpostens diskutiert hat. Die Neugier auf denjenigen, der es schließlich, nach fast zwei Jahren Suche, zwei beteiligten Innensenatoren, zwei Auswahlverfahren und zwei Gerichtsentscheidungen auf den Posten geschafft hat, ist groß. Die Erwartungen ebenso. "Vor mir liegt eine große Aufgabe, der Wind weht jetzt schon rau", sagt Kandt selbst. Der Berliner Polizeipräsident stehe sehr in der Öffentlichkeit, es gebe wenig Ressourcen für die Hauptstadtpolizei, gleichzeitig aber immer eine anspruchsvolle polizeiliche Lage. "Alles, was im Lehrbuch beschrieben ist, gibt es hier auf der Straße, abgesehen von Piraterie auf hoher See", sagt er.

Konsequente Karriere

Nur aus dem Lehrbuch kennt Kandt die Arbeit der Polizei aber nicht. Er gehört zu denen, über die man sagt, sie hätten das Handwerk "von der Pike auf" gelernt. 1979 beginnt er seine Laufbahn mit einer Ausbildung für den gehobenen Dienst beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. Kandt will zur GSG 9. Drei Jahre lang gehört er der Eliteeinheit an, bis er nach einer Hospitanz beim Berliner Spezialeinsatzkommando (SEK) hängen bleibt. "Die GSG 9 hat im Vergleich zu den Länder-SEKs vergleichbar wenige Einsätze. Klaus Kandt hat gemerkt, dass es in Berlin richtig was zu tun gibt, deswegen wechselte er zu uns", erinnert sich ein ehemaliger SEK-Kollege. Um alle nötigen Anforderungen für das Berliner SEK zu erfüllen, sei Kandt sich auch nicht zu fein gewesen, zunächst eine gewisse Zeit im Funkstreifendienst zu verbringen. Schließlich wird Kandt SEK-Teamführer.

Berlins neuer Polizeichef ist ehrgeizig, daraus macht er auch am Dienstag bei seiner Vorstellung keinen Hehl. "Ich habe immer die besondere Herausforderung gesucht", sagt er als Begründung, warum er Berlins Polizeichefs habe werden wollen. Er habe nicht erst gebeten werden müssen, sich zu bewerben. "Da gab es ein deutliches Eigeninteresse." Er habe schon viele Funktionswechsel hinter sich, sagt Kandt. Er wisse, dass die nächsten zwei Jahre Einarbeitung "bis an die Belastungsgrenzen" gehen würden.

Kandts Vita weist tatsächlich alle paar Jahre Wechsel auf. Nach seiner Zeit beim SEK lässt sich Kandt ab 1990 für den höheren Polizeivollzugsdienst ausbilden und steigt danach kontinuierlich weiter auf. Er wird Leiter der Spezialeinheiten in Brandenburg, Leiter im Führungsstab des Polizeipräsidiums Frankfurt/Oder, Polizeipräsident erst dort, dann in Potsdam. Im Moment ist Kandt noch Präsident der Bundespolizeidirektion Berlin. Er habe seine Behörde allerdings gut durchorganisiert, sagt Kandt. "Ich bin darum jederzeit bereit für den Wechsel."

Kritik wegen Landesgleichstellungsgesetz

Einstimmig wird Kandt am Dienstagmorgen vom Berliner Senat zum neuen Polizeipräsidenten gewählt. Erwartungsgemäß nehmen die Senatoren der großen Koalition den Personalvorschlag von Henkel an. Ernannt ist Kandt noch nicht. Seine Arbeit kann er erst aufnehmen, wenn die rechtmäßige Einspruchsfrist der unterlegenen Bewerber um den Posten verstrichen ist. In 14 Tagen könnte Kandt also frühestens seine Urkunde erhalten. Der Leiter der Polizeidirektion 1, Klaus Keese, hat in den vergangenen Tagen bereits verlauten lassen, er werde den Ablehnungsbescheid mit seinem Anwalt prüfen.

Falls es wirklich ein Gerichtsverfahren geben sollte, dann habe die Verwaltung nichts zu befürchten, macht Henkels Staatssekretär Bernd Krömer (CDU) am Dienstag deutlich. Das neue Auswahlverfahren sei "transparent und professionell" abgelaufen, sagt Krömer, der das Verfahren in der Behörde geleitet hat. Habe das Verwaltungsgericht das alte Verfahren vergangenes Jahr noch wegen fehlender Auswahlgespräche, Assessment-Center und anderer Formfehler gestoppt, seien solche Fehler jetzt vermieden worden. "Am Ende stand ein deutliches Ergebnis."

Damit versucht der Staatssekretär auch der Kritik der vergangenen Tage die Kraft zu nehmen. Von Grünen und Linke wird Henkel vorgeworfen, er missachte das Landesgleichstellungsgesetz. Kandt und die noch-amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers hätten die gleiche Besoldungsstufe, die gleiche Eignung, also müsse die Frau bevorzugt werden. "Das Landesgleichstellungsgesetz ist beachtet worden, aber es gab nicht den Ausschlag, weil das Ergebnis des Assessment-Centers eindeutig war", sagt Krömer.

"Team Kandt-Koppers wäre Bereicherung"

"Es gab keine Entscheidung gegen eine sehr gute Kandidatin, sondern für einen Kandidaten, der das entscheidende Stück besser war", sagt der Innensenator dazu. Kandt habe "tadellose Referenzen" und zeichne sich durch eine "überzeugende Kombination aus Polizei und Führungsstärke" aus, dazu kämen soziale Kompetenz und menschliche Qualitäten, sagt Henkel über seine Auswahlentscheidung.

Kandts Personalie wurde in den vergangenen Tagen nicht umjubelt. Es gab nicht nur Kritik wegen der Gleichstellungsfrage, sondern auch wegen seiner CDU-Mitgliedschaft. Er sei im Vorfeld auf sein Parteibuch reduziert worden, sagt Kandt dazu. Dabei sei er 15 Jahre "stilles Mitglied" der CDU und habe nie einen Posten gehabt, "nicht mal als Kassenwart im Ortsverein". Und nie habe er sich davon beeinflussen lassen. Doch es weckt den Argwohn der Opposition, wenn Henkels Vorgänger Ehrhardt Körting sich vergangenes Jahr für den Sozialdemokraten Udo Hansen als Polizeichef entscheiden wollte und Frank Henkel nun einen Christdemokraten wählt. Und auch Mitglieder der SPD-Fraktion machten zuletzt kein Geheimnis daraus, dass sie Koppers favorisieren. Die Vizepräsidentin selbst sagte kürzlich, es gebe Misstrauen gegen sie und sie habe "nicht das richtige Parteibuch".

Henkel dankt der amtierenden Chefin am Dienstag für ihre Arbeit. "Frau Koppers hat das Amt in bemerkenswerter Weise geführt", sagt er. Gemeinsam hätten sie schwierige Situationen wie den 1. Mai und die gerade laufende V-Mann-Affäre gemeistert. Er wolle Koppers nicht verlieren, sagt Henkel. "Das Team Kandt-Koppers wäre eine Bereicherung." Er wolle mit Koppers darüber sprechen. Auch Kandt betont, er habe einen "guten Draht" zu Margarete Koppers, sei ein "Teamplayer" und Fan der Aufgabenteilung. "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Frau Koppers", sagt Kandt. Koppers selbst wollte sich zu ihrer Zukunft am Dienstag nicht äußern.

Noch keine Agenda

Eine Agenda habe er noch nicht, sagt Kandt auch. Er wolle sich erst einarbeiten. Ihm sei aber klar, dass er angesichts knapper Ressourcen Schwerpunkte in der Polizeiarbeit setzen müsse. Eingeschlagene Wege wie die Deeskalationsstrategie am 1. Mai seien für ihn "alternativlos".

Die Gewerkschaften haben bereits eine To-do-Liste für den neuen Polizeipräsidenten. "Die Personalsituation in Berlin ist schlecht, in der Zukunft muss die Nachwuchsproblematik ebenso wie die demografische Entwicklung im Auge behalten werden", sagt Michael Purper, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Außerdem gebe es Probleme bei der Einführung des Digitalfunks, die Beförderungszeiten seien zu lang und es gebe einen Investitionsstau von mehreren hundert Millionen Euro. "Die Einsatzleitzentrale funktioniert auch nicht richtig, es muss geprüft werden, ob dieses Problem gemeinsam mit der Feuerwehr gelöst werden kann", so Purper weiter. "Die Stimmung ist wegen dieser und vieler anderer Missstände schlecht, wir brauchen Klaus Kandt als politischen Ansprechpartner." Ziel müsse es auch sein, die Hauptstadtpolizei für den Bürger transparenter zu machen. Der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, kann diese Liste noch um marode Schießstände und krank machende Arbeitszeiten erweitern. "Wir wünschen uns eine faire Zusammenarbeit mit Klaus Kandt. In 100 Tagen können wir beurteilen, ob das auch klappt", so Pfalzgraf.

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