20.11.12

Prozess

Schüchterner Messerstecher von Friedrichshain vor Gericht

Die Opfer überlebten die Attacke am S-Bahnhof Warschauer Straße nur knapp. Der Verdächtige ist wegen versuchten Totschlags angeklagt.

Von Hans H. Nibbrig
Foto: Marion Hunger
Ja
Tatort: Am 11. März an der Warschauer Brücke soll Patrick W. mehrere Menschen niedergestochen haben

Patrick W. wirkt extrem schüchtern, als er auf der Anklagebank im Landgericht Moabit Platz nimmt. Beflissen folgt er den Anweisungen der Justizwachtmeister, wirft anschließend noch einen verschämten Blick in den Saal und harrt dann der Dinge, die da kommen.

Der Anblick des harmlos erscheinenden jungen Mannes wirft die Frage auf, was ihn im März 2012 wohl dazu gebracht hat, gleich dreimal auf für ihn wildfremde Menschen einzustechen und zwei von ihnen damit in Lebensgefahr zu bringen. Eine Antwort darauf möchte auch die 22. Große Strafkammer finden, vor der sich Patrick W. seit Dienstag wegen versuchten Totschlags verantworten muss.

Was die Staatsanwältin am ersten von insgesamt zwölf angesetzten Verhandlungstagen in ihrer Anklage vorträgt, will so gar nicht zum Auftritt des 22-Jährigen passen.

Es ist nicht weniger als das Protokoll eines Ausbruchs völlig enthemmter Gewalt, die ihren Ausgang am S-Bahnhof Warschauer Straße in Friedrichshain nimmt.

Der Bahnhof und die davor liegende Brücke wirken in den Wochenendnächten beinahe so, als gebe es dort einen Wettbewerb, wer den größten Lärm verursacht: Die Massen an überwiegend jungen Leuten, die dort auf dem Weg von einer Party zur nächsten sind, oder die Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr, deren Sirenen in diesen Nächten zu den beständigen Dauergeräuschen auf der Warschauer Brücke gehören, oder das Anfahren und Bremsen der S-Bahnen..

Am frühen Morgen des 11. März soll Patrick W. einer der Auslöser für das Sirenengeheul gewesen sein. Der 22-Jährige ist mit einem knappen Dutzend Freunden und Bekannten unterwegs. Unter ihnen sind Deutsche, Osteuropäer und ein paar Araber.

Vermutlich ist auch Alkohol im Spiel, ob und wie viel genau, darüber soll im weiteren Verlauf des Prozesses das Gutachten eines Sachverständigen Aufschluss geben. Aber ganz gleich, ob nun Alkohol der Anlass war oder etwas anderes, die Gruppe um Patrick W. ist ganz offensichtlich "auf Krawall gebürstet", wie es ein Ermittler bereits vor dem Prozess formulierte.

Auseinandersetzungen provoziert

Gegen 1.10 Uhr treffen W. und seine Begleiter zufällig auf eine fünfköpfige Gruppe. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft setzen W. und die anderen ohne jeglichen Anlass alles daran, eine Schlägerei mit den ihnen völlig fremden jungen Männern zu provozieren.

Das gelingt ihnen schließlich auch. Und auf dem Höhepunkt, so der Vorwurf der Ankläger, soll W. urplötzlich und ohne Vorwarnung mit einem Messer auf den 24-jährigen Benjamin S. eingestochen haben. S. bricht mit stark blutenden Stichverletzungen im Bauchbereich zusammen, W. und seine Begleiter flüchten.

Benjamin S. hat großes Glück, dass kurz nach der Tat ein Sicherheitsmitarbeiter der Bahn auf ihn aufmerksam wird. Im allnächtlichen Menschgewühl am S-Bahnhof Warschauer Straße fällt ein am Boden Liegender nicht jedem auf. Der Bahn-Mitarbeiter sieht die Verletzungen und Blutlache, in der der Niedergestochene liegt. Er alarmiert Feuerwehr und Polizei. Ein Notarzt übernimmt die Erstversorgung des 24-Jährigen, dann wird er in ein Krankenhaus eingeliefert und notoperiert. Ohne sofortige ärztliche Hilfe, so heißt es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, hätte Benjamin S. die Attacke mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überlebt.

Den Tod billigend in Kauf genommen

Während die Ärzte um das Leben des 24-Jährigen kämpfen und die Polizei ihre Ermittlungen aufnimmt, ziehen Patrick W. und seine Begleiter weiter. Die Gruppe ist inzwischen auf drei junge Männer geschrumpft, die Lust auf Krawall scheint dennoch ungebrochen. Nicht weit von der Warschauer Brücke, vor einem Lokal an der Grünberger Straße ist es dann erneut soweit. Wieder soll die Gruppe eine gewalttätige Auseinandersetzung mit anderen jungen Männern provoziert haben. Und wieder soll es Patrick W. gewesen sein, der zugestochen hat. Und das gleich auf zwei Opfer. Ein Opfer erleidet Stichverletzungen am Hals, ein zweiter Mann, der dazwischen ging, wird im Rücken getroffen. Eine Stichwunde ist nur wenige Zentimeter vom linken Lungenflügel entfernt. Wäre er getroffen worden, hätte auch für dieses Opfer Lebensgefahr bestanden, wie die Anklage feststellt.

Eine Woche nach den Taten wird Patrick W. festgenommen und wandert in Untersuchungshaft. Dort sitzt er bis heute, mit einer Unterbrechung, weil er zwischenzeitlich eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe verbüßen muss. Die Staatsanwaltschaft denkt von Anfang an nicht daran, gegen W. wegen gefährlicher Körperverletzung zu ermitteln. Sie wirft ihm den Versuch vor, "vorsätzlich einen Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein", im Juristendeutsch ist das die Definition für Totschlag.

Ob bei dem Angeklagten eine Tötungsabsicht bestand ist unklar und wohl eher fraglich. Das spielt für die Anklagebehörde allerdings auch keine Rolle. "Der Angeklagte hat bei seinen Taten den Tod der Opfer zumindest billigend in Kauf genommen", stellt die Vertreterin de Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt am Montag unmissverständlich klar.

Angeklagter will aussagen

Etwa 20 Minuten nach Eröffnung der Hauptverhandlung ist der erste Prozesstag auch fast schon wieder zu Ende. Der Vorsitzende Richter befragt den Angeklagten zur Person (geboren in Clausthal-Zellerfeld im Harz, kein erlernter Beruf, derzeit kein Job), die Staatsanwältin verliest ihren Anklagesatz, der Vorsitzende belehrt Patrick W. über seine Rechte und der Verteidige kündigt an, sein Mandant werde zur Sache aussagen – allerdings erst am nächsten Verhandlungstag.

Dann erwartet alle Prozessbeteiligten ein straffes Programm. Die Kammer möchte den geplanten Ablauf der Zeugenbefragungen nicht mehr ändern, da nun noch die Aussage des Angeklagten hinzukommt, geht es schon morgens um 8.20 Uhr los, eine Stunde früher als üblich in Moabit. Aussagen werden der Angeklagte und der lebensgefährlich verletzte Benjamin S., der auch als Nebenkläger zugelassen ist, sich aber von einem Anwalt vertreten lässt. Auch soll eine Zeugin aus dem Umfeld des Angeklagten gehört werden. Sie aber hat das Gericht schon wissen lassen, dass sie die Aussage verweigern wird, sofern das rechtlich möglich ist.

An den weiteren Verhandlungstagen werden sowohl die in der Tatnacht anwesenden Freunde und Bekannten von Patrick W. als auch die weiteren Opfer und deren Begleiter aussagen. Ob das Gericht dann mehr über den Angeklagten und die Taten erfährt, bleibt abzuwarten. Ob es eine befriedigende Antwort auf die Frage gibt, was den Angeklagten zu solcher Gewalt trieb, auch.

Die Urteilsverkündung ist für Februar 2013 vorgesehen.

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