18.11.12

Wohnungsnot

Tausende Berliner verzweifeln am Mietmarkt

Bei Besichtigungen drängen sich Interessenten, manche Makler nutzen das aus. Vor allem Familien können die steigenden Preise nicht bezahlen.

Von Isabell Jürgens, Andreas Gandzior und Leon Scherfig
Foto: picture alliance / dpa

Verzweiflung: Wohnungssuchende in Berlin sind bereit, eine Belohnung zu zahlen
Verzweiflung: Wohnungssuchende in Berlin sind bereit, eine Belohnung zu zahlen

Nach der 30. Wohnungsbesichtigung haben sie aufgehört zu zählen. Seit etwas mehr als einem halben Jahr suchen Stefanie Adrian und Christoph Kube mit ihren beiden Kindern Josefine (4) und Janick (2) eine neue Bleibe. Bis jetzt ohne Erfolg. "Eine bezahlbare Wohnung für eine junge Familie zu finden, ist sehr schwer", sagen die Eltern.

Doch ihre kleine Drei-Zimmer-Wohnung in Köpenick wird langsam zu eng für die Familie, die gerade noch einmal Nachwuchs erwartet. "Wir bräuchten eigentlich vier bis fünf Zimmer", sagt Stefanie Adrian, "und möglichst im gleichen Bezirk, denn hier haben wir die Kitaplätze und unser Umfeld." Stefanie Adrian ist Altenpflegerin, Christoph Kube arbeitet bei einer Sicherheitsfirma. Maximal 750 Euro Miete könnte die Familie im Monat für Miete aufbringen.

Aber so weit kommen sie erst gar nicht. Meistens wird die Familie schon im Vorfeld abgewimmelt. Mit drei Kindern in einer Wohnung könne es den Nachbarn zu laut werden, wurde ihnen am Telefon mitgeteilt. "Manchmal waren die Wohnungen auch plötzlich vergeben, wenn der Vermieter etwas von Kindern hörte", berichtet Kube. Und wenn sie bei einer Wohnungsbesichtigung waren, standen sie Schlange mit anderen Bewerbern. "Oft hatten wir den Eindruck, Vermieter nehmen lieber eine Studenten-Wohngemeinschaft als eine Familie", sagen sie resigniert. Sie suchen in den Tageszeitungen, im Internet und geben regelmäßig Annoncen auf. "Wir bekommen fast nur Absagen oder Angebote außerhalb Berlins", sagen sie. "Langsam wird es richtig eng."

Besichtigung im Schummerlicht

Nach der Logik der Familie müsste Manon Schröder (26) es einfacher haben, eine Wohnung zu finden. Aber auch der Betriebswirtin läuft die Zeit davon. Sie ist für einen Job von Hamburg nach Berlin gezogen. Zurzeit wohnt sie zur Zwischenmiete. "Die ist aber begrenzt bis zum 7. Dezember", sagt Manon Schröder. Deshalb ist sie auch ganz begeistert, als sie im Internet die Anzeige liest: "Altbauwohnung in Top Lage - 3 Zimmer zwischen Zionskirchplatz und Arkonaplatz - von Privat." Pünktlich um 19 Uhr steht sie nun am verabredeten Treffpunkt vor dem Gebäude in der Wolliner Straße in Mitte. Ein paar Minuten später befindet sie sich mit einem Dutzend anderer Bewerber im zweiten Stockwerk des Hauses und schreitet prüfend durch die Altbauwohnung. Deckenlampen gibt es nicht, aber der 26-Jährigen reicht auch der Eindruck im schummrigen Licht. Sie braucht eine Wohnung, sofort.

Nach Einschätzung von Wohnungsmarktexperten ist eine Besserung am Wohnungsmarkt in der Hauptstadt nicht in Sicht. Eine Befragung der Investitionsbank Berlin von mehr als 1000 Branchenkennern hat ergeben, dass es in Ortsteilen wie Prenzlauer Berg, Mitte oder Charlottenburg praktisch keine freien Wohnungen mehr gibt. In Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln ist der Markt ebenfalls nahezu leer gefegt. Diese Situation droht sich nun auch auf bislang nicht so nachgefragte Ortsteile wie Moabit, Lichtenberg und Wedding auszudehnen. Denn die Einwohnerzahl wächst seit einigen Jahren deutlich schneller als die Zahl der Neubauwohnungen. Und weil Neuberliner vor allem in die zentralen Innenstadtlagen drängen, wird es besonders innerhalb des Stadtrings eng.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung musste inzwischen ihre Bevölkerungsprognose für Berlin deutlich nach oben korrigieren. Demnach soll die Einwohnerzahl bis 2030 um 250.000 auf 3,75 Millionen Menschen steigen. "Diese Zahlen allein belegen einen Mehrbedarf von 150.000 Wohnungen bis 2030", so Maren Kern, Chefin des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Die Neubauquote stagniert hingegen seit Jahren und liegt bei rund 3000 Wohneinheiten im Jahr. Die Zahl der Baugenehmigungen ist in den ersten neun Monaten dieses Jahres zwar um knapp 20 Prozent auf 6708 angestiegen. Gut ein Fünftel der genehmigten Neubauwohnungen werden jedoch erfahrungsgemäß nicht gebaut, so die Verbandschefin. Zudem werde vor allem im hochpreisigen Eigentumsbereich gebaut. Mangel herrsche aber vor allem an preiswerten Wohnungen. Knapp 40 Prozent der Berliner Haushalte müssen mit einem Nettoeinkommen von 1300 Euro auskommen. Mieten von mehr als sechs Euro pro Quadratmeter Kaltmiete könnten sich viele Berliner schlicht nicht leisten.

Auch für Manon Schröder wäre die Wohnung hart an der finanziellen Schmerzgrenze. Sie steht auf dem Flur der 81 Quadratmeter großen Altbauwohnung und erklärt dem Vermieter, dass sie trotzdem sehr gerne gemeinsam mit einer Freundin in der Wohnung einziehen würde. Sie sagt das mit Nachdruck. Doch der Vermieter gibt zu verstehen, dass er seine künftigen Mieter gerne persönlich sehe. "Damit man einen Indikator hat, dass derjenige, der einzieht, auch die Miete bezahlen kann", sagt er. Er kann ruhig fordern. Denn er hat die Wahl zwischen all den Wohnungsanwärtern, die in Berlin händeringend nach einer geeigneten Unterkunft suchen.

Mieten in Standardlagen steigen besonders

Das erste Opfer in einem Markt mit zunehmender Wohnungsknappheit sind indes ausgerechnet die günstigen Mieten. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass sich die Mietpreissteigerungen des vergangenen Jahres nicht nur fortgesetzt, sondern sogar noch einmal zugelegt haben. Während die Mieten bei neu abgeschlossenen Verträgen 2011 durchschnittlich um fünf Prozent gestiegen waren, legten sie im laufenden Jahr um acht Prozent zu. Das geht aus dem Immobilienpreisservice 2012/2013 hervor, den der Immobilienverband IVD Berlin-Brandenburg im Oktober vorgestellt hat. Wer in den ersten neun Monaten des Jahres 2012 einen Mietvertrag in Berlin unterschrieben hat, musste demnach in sogenannten Standardlagen 6,70 Euro Kaltmiete zahlen (2011: 6,20 Euro). In den stark nachgefragten "Vorzugslagen" werden aktuell 8,20 Euro verlangt (2011: 7,60 Euro). Aus der Studie, für die rund 2000 Vertragsabschlüsse des Jahres 2012 ausgewertet wurden, lässt sich herauslesen, dass die dynamischste Entwicklung derzeit nicht etwa in den allseits bekannten Vorzugslagen wie etwa Alt-Mitte oder Dahlem stattfindet, sondern in den einfachen bis mittleren Wohnlagen der citynahen Bereiche von Charlottenburg-Wilmersdorf (13,8 Prozent) und Pankow (11,5 Prozent). Also ausgerechnet dort, wo bislang auch noch Normalverdiener eine Chance hatten.

Manon Schröder ist Berufseinsteigerin. Trotzdem schreckt sie die Kaltmiete der Dreizimmer-Wohnung von 890 Euro nicht ab. Das seien zwar fast 11 Euro pro Quadratmeter, doch in Berlin-Mitte bekomme man eben nichts mehr geschenkt, sagt die junge Betriebswirtin. "Ich mache eher finanzielle Abstriche und bezahle mehr, als dass mir Wohnung und Lage nicht gefallen", sagt die 26-Jährige. Ein weiteres Argument: Die Arbeit liegt direkt um die Ecke. Die Hoffung auf eine passende Wohnung im Szene-Kiez will sie deshalb nicht aufgeben. Auch wenn sie dafür viel Optimismus braucht.

Mieterverband fordert Begrenzung

Die Prognose für das kommende Jahr sieht indes nicht nur für Wohnungssuchende, sondern auch für die Mieter düster aus. "Im Frühjahr 2013 wird der neue Mietspiegel erscheinen, dann schwappt die nächste Mieterhöhungswelle über die Stadt", weiß Reiner Wild, Chef des Berliner Mieterverbandes (BMV). Denn dadurch, dass die Neumieten in den kommenden Mietspiegel 2013 einfließen, würden auch die Bestandsmieten wie schon im Vorjahr überdurchschnittlich steigen, so der Mieterchef weiter. Während der derzeit gültige Mietspiegel als durchschnittliche Berliner Vergleichsmiete 5,21 Euro pro Quadratmeter und Monat (kalt) ausweist, rechnet Wild mit knapp über 5,60 Euro für den neuen Mietspiegel, der dann wieder für zwei Jahre Gültigkeit hat. 5,60 Euro würde bedeuten, dass die Mieten erneut um rund acht Prozent in zwei Jahren gestiegen wären. Wild befürchtet jedoch, dass rund zehn Prozent wohl realistischer sind - und damit etwa 5,70 Euro pro Quadratmeter und Monat.

Um die Mietenspirale zu bremsen, helfe nur die Änderung des Mietrechts, glaubt Wild. Der Mieterverein fordere deshalb die Begrenzung der Neumieten. Doch das sei Bundesrecht und könne entsprechend auch nur von der Bundespolitik durchgesetzt werden. Doch auch die Landespolitik sieht der Chef des Mietervereins in der Pflicht. Zwar habe sich der Senat in der Koalitionsvereinbarung auf die Schaffung von 30.000 preiswerten Wohnungen verständigt. Diese sollen vor allem durch die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften errichtet werden und von diesen mit einer Mietpreisbindung versehen werden. Allerdings hat der Senat durch den massenhaften Verkauf kommunaler Wohnungsbestände bis vor wenigen Jahren noch selbst dafür gesorgt, dass ein direktes Zugriffsrecht nur noch auf 270.000 Wohnungen besteht. Angesichts von gut 1,7 Millionen Mietwohnungen in der Stadt lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zudem hat die Berliner Landesregierung in den vergangenen Jahren die Finanzhilfen des Bundes für den sozialen Wohnungsbau in Höhe von 33 Millionen Euro pro Jahr nicht in den Bau neuer Wohnungen, sondern zur Schuldentilgung eingesetzt. Doch selbst wenn dieses Geld, wie von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) angekündigt, künftig wieder in den Neubau fließen soll, werde dies nicht reichen, um die Situation insbesondere für Geringverdiener zu entschärfen. "Der Senat müsste viel mehr tun, um auch den Wohnungsbestand zu schützen, sonst wird der preiswerte Wohnraum trotz der Investitionen in den Neubau weiter sinken", fordert Wild.

Besonders ärgert den Mietervertreter, dass in Berlin derzeit viele Wohnungen aus den 60er- und 70er-Jahren in einfacher Ausstattung abgerissen und durch luxuriöse Neubauten ersetzt würden. So etwa in Lichterfelde am Gardeschützenweg Ecke Lipaer Straße. "Im Neubau werden dort neun bis zehn Euro bezahlt. In den Altbeständen wurde lediglich die Hälfte verlangt", sagt Wild. Zudem hätten viele Vermieter die Chance erkannt, die sich durch die Modernisierung ihrer Häuser ergeben. Einen besonders dreisten Fall hätten ihm jüngst Mieter eines Altbaus an der Güntzelstraße in Wilmersdorf gemeldet. "Der Vermieter hat die energetische Komplettsanierung sowie den eines zweiten Balkons an den Wohnungen angekündigt", berichtet Wild. Die Höhe der neuen Miete im gleichen Anschreiben hat selbst den langjährigen Mietenexperten verblüfft: Statt um die fünf Euro, wie bisher, sollen die Mieter nach der Sanierung 12,80 Euro pro Quadratmeter Nettokalt zahlen. "Eine Mietsteigerung von rund acht Euro pro Quadratmeter ist einfach jenseits von Gut und Böse", so Wild. Laut Gesetz ist das jedoch völlig legal: Der Vermieter darf elf Prozent der Modernisierungskosten auf die Jahresmiete umlegen.

Im Abgeordnetenhaus machten in dieser Woche bei einer "Konferenz zum sozialen Wohnungsbau" Vereine, Stadtforscher und Stadtteilinitiativen auf die missliche Lage der Menschen in Berlinaufmerksam, die von Hartz-IV-Bezügen leben. 30.000 Haushalte wurden laut Topos-Institut für Stadtforschung vom Jobcenter im vergangenen Jahr aufgefordert, ihre Mietkosten zu senken. Doch lediglich 1800 von ihnen hätten tatsächlich eine günstigere Wohnung gefunden.

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