16.11.12

Tarif-Erhöhung

Das sollten Strom-Kunden nach dem Vattenfall-Schock wissen

Vattenfall erhöht zum Jahreswechsel die Strompreise in Berlin um 13 Prozent. Allerdings muss der Verbraucher das nicht einfach hinnehmen.

Von Christine Eichelmann, Viktoria Solms
Foto: dapd

Aufgrund der kommenden Strompreis-Erhöhung empfehlen Experten zu rechnen und zu vergleichen
Aufgrund der kommenden Strompreis-Erhöhung empfehlen Experten zu rechnen und zu vergleichen

Der Schock für viele Berliner war groß. Wie Morgenpost Online exklusiv berichtete, wird Berlins größter Stromversorger Vattenfall seine Preise zum 1. Januar 2013 auf einen Schlag um fast 13 Prozent erhöhen. Dies ist die wohl empfindlichste Tarifanhebung in der Geschichte des Unternehmens. 1,6 Millionen Berliner Haushalte sollen demnach für Elektroenergie im kommenden Jahr 3,52 Cent mehr pro Kilowattstunde zahlen.

Begründet hat Vattenfall den Preissprung mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die erhöhte EEG-Umlage für den Ausbau regenerativer Energien werde nun auf die Kunden umgelegt. Bei der deutschen Tochter des schwedischen Staatskonzerns geht man davon aus, dass Stromanbieter, die diese Kosten noch nicht eingepreist haben, nachziehen werden. Für die meisten Stromkunden ein schwacher Trost. Doch die Verbraucher haben auch Alternativen. Morgenpost Online beantwortet die wichtigsten Fragen zur bevorstehenden Strom-Preiserhöhung.

Was bedeutet die Preiserhöhung für einen Single-Haushalt, wie viel mehr muss ein Vier-Personen-Haushalt zahlen?

Wer alleine lebt, muss übers Jahr gerechnet nach der Preiserhöhung rund 53 Euro mehr für seinen Strom bezahlen. Diesen Wert gibt Vattenfall in einer Beispielrechnung an. Ein typischer Berliner Single-Haushalt verbraucht demnach im Jahr 1500 Kilowattstunden. Der Grundpreis von 5,90 Euro pro Monat bleibt gleich. Doch der sogenannte Arbeitspreis wird teurer, sodass der Kunde am Ende 487 Euro im Jahr zahlen muss statt wie bisher 434 Euro. Etwas weniger stark macht sich die Preiserhöhung für den Einzelnen bemerkbar, wenn man in einer WG oder als Familie zusammenlebt. Ein Vier-Personen-Haushalt muss im Durchschnitt rund 141 Euro im Jahr mehr bezahlen. Das wäre pro Kopf eine Mehrbelastung von 35 Euro. Über das Jahr gerechnet steigt der Strompreis für einen Vier-Personen-Haushalt von 1040 auf 1181 Euro.

Wer zahlt bei Hartz VI-Empfängern die Mehrkosten?

Grundsätzlich werden Mietnebenkosten im Rahmen des Arbeitslosengeldes II nicht übernommen. Die Kosten für den Bezug von Warmwasser oder Strom sind aus den Regelleistungen zu zahlen. Bereits seit Langem kritisieren Sozialverbände, dass dabei die Preisexplosionen auf dem Energiemarkt nicht berücksichtigt werden. "Der pauschale Anteil für Strom war bei Hartz IV bisher schon viel zu gering", sagt Erhard Bülow von der Verbraucherzentrale Berlin. Seit 2005 stiegen die Strompreise laut Statistischem Bundesamt um rund 40 Prozent. Der Paritätische Wohlfahrtsverband und der Deutsche Mieterbund verlangen von der Bundesregierung deshalb, die Energiekosten im Rahmen des Wohngeldes zu ersetzen.

Können Vattenfall-Kunden ihren Vertrag jetzt kündigen?

Jeder Kunde hat nach einer vertraglich nicht vereinbarten Preiserhöhung ein Sonderkündigungsrecht. In diesem Fall müsste der Vattenfall-Kunde seinen Bezugsvertrag zum Wirksamwerden der Preiserhöhung am 1. Januar 2013 kündigen. Wer die Grundversorgung erhält – das ist bei Vattenfall der Tarif Berlin Basis Privatstrom – kann ohnehin mit vierzehntägiger Frist den Vertrag beenden. "Auf alle Fälle sollten Kunden jetzt die Preise vergleichen", rät Marion Weitemeier, Energieexpertin der Stiftung Warentest.

Wie finde ich günstigere Anbieter?

Die Stiftung Warentest oder die Verbraucherzentrale Berlin empfehlen für den Preis- und Leistungsvergleich einschlägige Portale im Internet wie zum Verivox.de oder Check24.de. Dort lässt sich unter Angabe der Postleitzahl und des Jahres-Stromverbrauchs (ersichtlich auf der letzten Jahresabrechnung) eine Alternative zum bisherigen Anbieter prüfen. Wichtig ist dabei, die Voreinstellungen auf der Seite an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass derzeit gerade viel Bewegung im Energiemarkt ist. Das Ranking bei Vergleichsportalen ändert sich dementsprechend schnell. Wer einen günstigeren Anbieter gefunden hat, kann sich dort zügig schriftlich oder auch meist online anmelden. Es gelten jeweils die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses gültigen Tarife.

Worauf muss ich beim Anbieter-Vergleich achten?

"Jeder sollte sich zunächst fragen, welcher Kundentyp er ist", sagt Marion Weitemeier von der Stiftung Warentest. Während mancher lediglich wegen der anstehenden Preiserhöhung über einen Wechsel nachdenke, gebe es auch flexiblere Kunden, die sich jährlich den dann jeweils günstigsten Energieversorger heraussuchen. Letztere könnten mit Sondertarifen gut fahren, die einen hohen Neukundenbonus enthalten. Dieser senkt die Stromkosten im ersten Jahr nach Vertragsabschluss, entfällt aber meist nach zwölf Monaten. Eher langfristig orientierten Kunden raten Verbraucherberater zu Tarifen ohne Boni, dafür aber mit einer Preisgarantie, die mindestens für die Vertragslaufzeit gelten sollte. Abgeraten wird außerdem von Pakettarifen, die zur Abnahme einer bestimmten Zahl an Kilowattstunden Strom verpflichten. Diese werden zwar zu einem oft relativ günstigen Preis geliefert. Wer aber mit seinem tatsächlichen Verbrauch unter der vereinbarten Menge bleibt, muss dennoch den vollen Preis bezahlen. Zusätzlicher Stromverbrauch wird außerdem besonders teuer berechnet. Zu beachten ist beim Preisvergleich, ob der neue Anbieter bereits die EEG-Umlage berücksichtigt hat. Abgeraten wird zudem von Stromversorgern, die nach dem ersten Jahr noch lange Vertragsbindungen von zum Beispiel über weitere zwölf Monaten verlangen.

Wo finde ich weitere Hilfe?

Tipps, wie man sich im Tarifdschungel bei Strom und Gas zurechtfinden kann, hat die Zeitschrift "Finanztest" in ihrer aktuellen Ausgabe zusammengestellt. Persönliche Beratung mit Terminvergabe finden Berliner außerdem bei der Energiebratung der Verbraucherzentrale ( www.vz-berlin.de, Anmeldung über Tel: 21485-150). Die Beratung kostet jeweils fünf Euro.

Kann es passieren, dass ich durch einen Wechsel kurzzeitig ohne Strom dastehe?

Nein. Grundsätzlich kümmert sich der neue Stromanbieter um alle Wechsel-Formalien und informiert den alten Anbieter. Doch wie bei jeder Ummeldung kann es auch hier mal Probleme geben, zum Beispiel wenn Post verloren geht oder eine falsche Adresse eingegeben wurde. Deswegen geht allerdings das Licht in der Wohnung nicht aus. "Die Grundversorgung ist immer sichergestellt", sagt Vattenfall-Sprecher Hannes Stefan Hönemann. "Wenn jemand keinen Stromanbieter hat, kümmert sich automatisch der Grundversorger darum." Das sei immer der Anbieter mit den meisten Kunden. Und das ist in Berlin Vattenfall.

Wie reagiert die Politik?

Michael Schäfer, Sprecher für Klimaschutz und Energiepolitik bei den Grünen, hält die Preiserhöhung von Vattenfall in diesem Ausmaß für "völlig ungerechtfertigt". Die Begründung, die Erhöhung läge am Ausbau der erneuerbaren Energien, hält er für "dreist und falsch." Vattenfall verlange "für seinen Kohle- und Atomstrom mehr als mancher Ökostromanbieter für 100 Prozent Ökostrom". Aber auch in den Regierungsfraktionen gibt es kritische Stimmen. Daniel Buchholz, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, zeigt sich überrascht von dem Preissprung. Seiner Ansicht nach könne die Erhöhung "nur zum Teil" durch den Ausbau erneuerbare Energien gerechtfertigt werden. Er rät Kunden, ganz genau zu rechnen und zu vergleichen. "Möglicherweise lohnt sich ein Wechsel zu einem Ökostromanbieter, der sowohl den Geldbeutel als auch die Umwelt schont", so Daniel Buchholz. Michael Garmer, energiepolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, mutmaßt dagegen: "Es kann gut sein, dass andere Stromanbieter dem Beispiel folgen werden. Vattenfall dürfte nicht er einzige Anbieter sein, der seinen Strom verteuert."

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