14.11.12

"I am Jonny" e. V.

Schwester will Jonny K. mit Verein gedenken

Tina K. will nach der tödlichen Attacke gegen ihren Bruder Kinder über Gewalt aufklären. Dazu bereitet sie die Gründung eines Vereins vor.

Von Michael Mielke
Foto: Glanze

Hilfe: Opferbeauftragter Roland Weber berät Tina K. bei der Vereinsgründung
Hilfe: Opferbeauftragter Roland Weber berät Tina K. bei der Vereinsgründung

Als das Thema auf ihre Auftritte bei Talk-Shows kommt, muss sie dann doch mit den Tränen kämpfen. "Ich habe Angst, dass ich da falsch rüber komme", sagt Tina K. Und lächeln sei die einzige Chance, diese Situation zu überstehen und reden zu können. "Lächeln, um nicht zu weinen, und um den Angehörigen von anderen Gewalt-Opfern zu zeigen, dass sie sich in ihrem Schmerz nicht verkriechen müssen, dass man schreien kann: Ich werde was gegen diese Gewalt tun!"

Tina K. und ihr Freund Kaze C. sitzen im Büro des Berliner Opferbeauftragten Roland Weber. Sie ist die Schwester von Jonny K., der in der Nacht auf den 14. Oktober auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt wurde. Kaze C. war dabei, wurde ebenfalls Opfer des brutalen Angriffs und wird im anstehenden Strafprozess der wichtigste Zeuge sein. Am 5. November wurde er noch einmal operiert. Seine linke Hand ist noch immer verbunden.

Tina K. und Kaze C. wollen mit Hilfe von Roland Weber in den nächsten Tagen einen gemeinnützigen Verein gründen. Er soll "I am Jonny" heißen. Geplant war eigentlich sofort die Bildung einer Stiftung. Doch das, so Weber, hätte Monate gedauert. Deswegen zunächst dieser Verein. "Damit nicht so viel Zeit vergehrt und das Schicksal meines Bruders nicht in Vergessenheit gerät", sagt Tina K. Die 28-Jährige hat auch schon viele Pläne: "Wir wollen in Schulen gehen und mit den Kids über die Vermeidung von Gewalt reden", sagt sie. "Und darüber, dass alle Menschen gleich sind. Berlin ist eine Multi-Kulti-Stadt, wir sollten alle friedlich miteinander leben können."

Gute Beispiele zeigen

Es habe sie sehr geärgert, sagt Tina K., dass es nach dem Tod ihres Bruders "sofort wieder ausländerfeindliche Sprüche" gegeben habe, weil einige Täter offenbar aus der Türkei stammen. "Ich habe viele Freunde, unter ihnen sind auch einige Türken" betont die junge Frau. "Das sind gute Menschen, die den Angriff auf Jonny genauso verurteilen wie die meisten anderen. Man darf das nicht verallgemeinern", fügt sie hinzu.

Zur Arbeit des Vereins soll auch gehören, mit Inhabern von Firmen ins Gespräch zu kommen, die einen Migrationshintergrund haben. "Um Beispiele für Erfolg zu suchen und mit Leuten zu reden, die in diesem Land erfolgreich sind und die erzählen können, wie sie erfolgreich wurden", sagt Tina K. Es gebe so viele Möglichkeiten in diesem Land, "sie müssen an die Jugendlichen aber auch herangetragen werden. Das soll ebenfalls eine Aufgabe unseres Vereins und später unserer Stiftung sein."

Die erste größere Aktion des "I am Jonny" e.V. soll voraussichtlich am 21. Januar 2013 ein Benefizkonzert im Heimathafen Neukölln sein. Mit der Sängerin Jocelyn B. Smith, die schon auf Jonny K.s Beerdigung gesungen hatte, und mit anderen bekannten Künstlern. Tina K. betont das Wort "voraussichtlich", weil noch vieles abgestimmt werden müsse, darunter auch die Bezahlung für die Örtlichkeiten. Sponsoren seien da herzlich willkommen. Es gebe für Unterstützung des Vereins aber schon Signale. So auch vom "Aufbruch Neukölln" e.V., einer Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer. Der Vorsitzende Kazim Erdogan habe sich Gesprächen mit ihr sehr betroffen gezeigt, sagt Tina K.

Verein übernimmt Kosten

Auch Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, hat schon angekündigt, die Aktivitäten unterstützen zu wollen. Der Opferbeauftragte Roland Weber ist mit weiteren Persönlichkeiten im Gespräch, "ohne jetzt schon konkrete Namen nennen zu wollen". Aber es wird deutlich, so Weber, "dass viele über diese Gewalttat nicht nur entsetzt sind, sondern gleichzeitig auch sagen: Jetzt ist es Zeit, dass wirklich mal was passiert!"

Unterstützung gab und gibt es auch vom Verein "Berliner helfen". Um der Familie einen würdigen Abschied von ihrem Sohn und Bruder zu ermöglichen, hat der Verein in Kooperation mit der Firma Grieneisen die gesamten Kosten für die private und öffentliche Trauerfeier und die Bestattung von Jonny K. übernommen. Mit Spenden der Leser der Berliner Morgenpost wird sich der Verein auch an den Kosten für den Grabstein beteiligen.

Tina K. und Kaze C. werden nach dem Gespräch im Büro des Opferbeauftragten zum Alexanderplatz gehen und sich an Jonnys Todesort an der Mahnwache beteiligen. So wie fast jeden Tag. "Ich muss das tun", sagt sie. "Wenn die Leute denken, dass ich ihn vergesse, werden sie ihn erst recht vergessen." Ihre Werbeagentur für Mode haben die beiden jungen Unternehmer erst einmal auf Eis gelegt. "Wir hatten drei größere Kunden, für die wir im Herbst arbeiten sollten", sagt Kaze C., aber das habe sich durch den Tod seines Freundes Jonny erst einmal erledigt. Tina K.s Mutter ist derzeit mit Mönchen ihres thailändischen Tempels in Tschechien.

Vertrauen in Polizei

Der Vater ist zuhause, mag die Wohnung nicht mehr verlassen. Aber sie wollen ihn überreden, am Buß- und Bettag – es ist der 21. November – mit in die St. Marienkirche in Berlins historischer Mitte zu kommen. Das Gotteshaus steht nur wenige Meter entfernt vom Ort, wo Jonny K. zu Tode geprügelt wurde. Um 18.30 Uhr soll ein Gedenkgottesdienst stattfinden, für Menschen, die in Berlin Opfer von Gewalt geworden sind. Reden werden der Gefängnisseelsorger Hartmut Klöß, der Opferbeauftragte Roland Weber – und Tina K., die hier auch gleich den Verein "I am Jonny" ins Gespräch bringen möchte.

Über die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Täter weiß Tina K. nur wenig, legt auf diese Informationen aber auch wenig wert.

"Es ist nicht meine Art, da jeden Tag anzurufen. Ich bin überzeugt, dass da bei Polizei und Staatsanwaltschaft jeder macht, was er kann", sagt sie mit Nachdruck. Von ihrem Anwalt Mirko Röder hat sie erfahren, dass es gegen den mutmaßliche Haupttäter Onur U., der sich nach Erkenntnissen der Ermittler in die Türkei abgesetzt hat, inzwischen ein Auslieferungsersuchen der Staatsanwaltschaft an die türkischen Behörden gibt.

Verdächtige in Griechenland

Als erster Tatverdächtiger war am 23. Oktober Osman K. in Wedding festgenommen worden. Der 19-Jährige befindet sich seither wegen des Vorwurfs der Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft. Die Tatverdächtigen Bilal K. und Hüseyin I., beide Freunde von Osman K. und ebenfalls mit griechisch-türkischen Wurzeln, sollen sich vermutlich in Griechenland aufhalten.

Nach der Festnahme von Osman K. hatten sich zwei weitere Verdächtige der Polizei gestellt. Für Melih Y. wurde Untersuchungshaft angeordnet, die aber erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft vollstreckt wurde. Zunächst hatte ein Richter den Vollzug für den 21-Jährigen ausgesetzt. Diese Entscheidung hatte heftige Kritik ausgelöst – auch bei Tina K. und Kaze C. Dem 19-Jährigen Memet E., der in der Tatnacht Kaze C. angegriffen und schwer verletzt haben soll, wird nur gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Er befindet sich auf freien Fuß.

Sie ärgere sich, dass die beschuldigten jungen Männer bei der Polizei "immer nur lavieren und behaupten, sie hätten nur Kaze getreten", sagt Tina K. Da falle es durchaus auch ihr sehr schwer, an wirkliche Reue zu glauben. "Die sollten einfach mal Stellung beziehen und ganz ehrlich sagen, was sie wirklich getan haben", wünscht sich die Schwester.

Quelle: Mitarbeit: Peter Oldenburger
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